100 Jahre Stuhldesign

Berlin



VOM ÄLTESTEN BIS ZUM LEICHTESTEN

Kein Möbel reizt Designer so sehr wie der Stuhl. Die Kuratorin Ilke Penzlien zeigt nun eine Ausstellung über 100 Jahre Sitzgelegenheiten
// INTERVIEW: KITO NEDO

Frau Penzlien, Sie haben eine Schau mit Stühlen aus der Sammlung der in Stockholm und Berlin ansässigen Galerie Jacksons mit Modellen von rund 25 Gestaltern kuratiert. Wieso ist gerade der Stuhl so ein Design-Fetisch?

Ilke Penzlien: Allein wegen des Körpers hat der Stuhl zum Menschen einen direkten Bezug und eine Anziehungskraft. Er ist ein Objekt des täglichen Gebrauchs. Kein anderes Möbel wird so stark beansprucht wie der Stuhl. "Den" Stuhl gibt es nicht, sondern für 100 verschiedene Zwecke gibt es 100 verschiedene Stühle. Ein Bürostuhl ist etwas ganz anderes als ein Melkschemel. Die Gestaltung ist noch nicht am Ende der Entwicklung.

Welcher ist der älteste und welcher der jüngste Stuhl in der Ausstellung?

Der älteste Stuhl ist von 1899. Das ist der Lehnsessel von Carl Westman, der von der britischen Arts & Crafts Bewegung beeinflusst wurde. Der jüngste ist der "Sto" Chair von Jonas Bohlin von Anfang der neunziger Jahre, ähnlich radikal wie seine Absolventenarbeit, der "Concrete Chair". Dazwischen frühe Entwürfe von Alvar Aalto, Josef Hoffmann, Adolf Loos, Marcel Breuer, Gerrit Rietveld bis hin zu den dänischen Klassikern von 1950 bis 1970 von Hans J. Wegner, Poul Kjaerholm, Arne Jacobsen, Verner Panton. Gio Pontis "Superleggera" ist der leichteste.

Man sieht in der Ausstellung den Betonstuhl von Jonas Bohlin aus dem Jahr 1980. Haben Sie eine Theorie, warum Designerstühlen der Ruf vorauseilt, dass sie unbequem sind?

Das liegt vielleicht daran, das es Stühle gibt, die nicht in erster Linie bequem sein sollen, sondern die eine Position und Haltung repräsentieren. Ein Stuhl muss nicht bequem sein. Den anderen Fall gibt es natürlich auch: Alvar Aalto hat Stühle für ein Sanatorium entworfen, die bequem sein sollten. Der Ansatz war da, über das Ergebnis kann man geteilter Meinung sein. Aber es gibt auch viele ausgesprochen bequeme Stühle. In der Ausstellung sind das z.B. der "Café Capua"-Stuhl von Adolf Loos, der Hochlehner "Eva" von Bruno Mathsson, oder die runden Hotelsessel von Eliel Saarinen.

Hat ein Stuhl in einer Ausstellung noch einen Gebrauchswert oder ist das der endgültige Sieg des Kunstwerkes über die angewandte Kunst?

Da verhält es sich wie mit anderen seltenen Objekten. Wenn es nur drei Stühle von einem Modell gibt, dann ist klar, dass dieses Objekt seinen Preis hat. Das hat mich aber in der Arbeit an der Ausstellung nicht interessiert. Der Wert, den ich in den Möbeln sehe, ist die Möglichkeit, sie zu verstehen und in Beziehung zueinander zu setzten, diese Dinge unabhängig vom Marktwert als solche anzusehen.

Was zeigen diese Objekte?

An jedem Möbel lässt sich viel entdecken – Zeitgeist, Herstellung, Material, Oberflächen, Patina. Im Falle der Schau ist wichtig, dass die Sammlung, die in Stockholm im Lager steht, eine Plattform und Sichtbarkeit bekommt. Es gibt nur wenige Orte, wo man solche Möbel im Original sehen kann.

Inwiefern lässt sich an den Möbeln Zeitgeist ablesen?

Ich würde sagen, dass im skandinavischen Design, das ist der Schwerpunkt der Ausstellung, der Zeitgeist sehr beeinflussend war. Das 20. Jahrhundert war geprägt von Umbrüchen, Aufbrüchen und Fortschrittsglauben. Vieles wurde einfach weitergedacht. Damals gab es auch produktionstechnische Herausforderungen und spannende Entwicklungen.

Können Sie ein Beispiel geben, wo man sieht, wie sich die Produktionstechnik verändert hat?

Ganz wichtig war Alvar Aalto. Der Stapelstuhl ist sein erster modernistischer Entwurf. Das war wegweisend für viele Möbel, die später kamen. Aalto arbeitete mit der Bugholztechnik. Dieses Verfahren war nicht neu, wurde aber in Skandinavien wieder aufgegriffen. Das Neue daran ist die Denkweise, diese Idee zu haben, beziehungsweise die Notwendigkeit zu begreifen: Ich möchte einen Stapelstuhl herstellen.

Es gibt neuerdings eine Art Kritik am klassisch-modernistischen Stilideal, welches sich in den letzten Jahren in der Wohnkultur weitgehend durchgesetzt hat. Wie schafft man es heute, diesem Konformismus des Andersseins zu entgehen?

Indem man die Dinge für sich neu entdeckt und sortiert. Durch einen kreativen Umgang und der angstfreien Aneignung dessen, was verfügbar ist. So wie es auch der Fall war, als Vintage-Möbel noch "Second Hand" waren und eine preiswerte Alternative darstellten zu neuen Möbeln.

Heute gibt es viele Wiederauflagen von klassischen Möbeln. Kritiker sehen darin Retro-Kitsch.

Das stimmt. Wenn man auf die Möbelmesse fährt, dann realisiert man, dass sich auch im neuen Design in zehn Jahren nicht viel getan hat. Es wird viel zurück geschaut und erfolgreiche junge Firmen orientieren sich zum Beispiel an den Entwürfen der fünfziger Jahre.

Das ist der Trend?

Teilweise. Es gibt auch neue Ansätze. Es ist die Frage, inwieweit neue Tendenzen von den Medien kommuniziert werden. Wer löst den Trend aus? Das ist ein Riesenmechanismus in Möbelindustrie. Mich persönlich reizt so etwas überhaupt nicht. Da finde ich "Möbel Horzon" als Phänomen viel spannender. Da ist jemand, der fragt: Was bietet mir der Baumarkt an Materialien und Service? Dessen wird sich dann bedient und ein ganz schlichtes Möbel produziert. Das finde ich zeitgemäß.

Ihr Kollege Clemens Tissi sagt, es sei gerade die Angst vor dem Neuen, die diese Retro-Mode so stark macht.

Ich denke, dass das so eine Art Starre ist. Die Welt ist sehr vielschichtig, global, vernetzt und unsicher. Die Retro- Orientierung macht sich ja nicht nur im Möbeldesign bemerkbar, sondern auch in der Mode, Musik und Kunst. Als Designer interessiert mich daher, wo wir heute stehen und ich suche nach neuen Ansätzen, losgelöst von den Vorbildern. Das Studium und die Kenntnis finde ich sehr wichtig, nicht aber die Wiederholung. Vor diesem Hintergrund wäre es zum Beispiel eine Herausforderung für mich, eine Ausstellung mit neuen Stühlen zu kuratieren.

Was raten Sie Einsteigern, die sich für Design interessieren?

Ich würde auf jeden Fall für Offenheit plädieren und dafür, sich wirklich alles anzugucken – in allen Bereichen. Man muss nicht ins Museum gehen oder Magazine kaufen, um Formen studieren zu können. Entdeckungen sind auch auf der Straße, auf Reisen, auf Flohmärkten oder bei Freunden zu Hause möglich. Heutzutage kann man sich ja übers Internet über alles Mögliche ganz umfassend informieren. Wichtig ist, einfach offen zu sein und begeisterungsfähig.

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bis 23. Juli

Ilke Penzlien, geb 1974 in Hamburg Möbeldesign Studium an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg und in Finnland an der Aalto University, School of Arts, Design and Architecture, Helsinki.

2003 Umzug nach Berlin 2003 bis 2009 Handel mit Möbeln und Gebrauchsgegenständen des 20. Jahrhunderts aus Dänemark. als Geschäftspartnerin bei STUE, einem Einrichtungsgeschäft in Berlin-Mitte. Seit 2010 selbstständige Designerin im Bereich Möbel- und Interior Design, Designberatung in Berlin

http://jacksons.se

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