DDR-Design

Günter Höhne

"Kein Warenumschlag auf Krawall"
Pendelleuchte P 605. Hersteller: PGH des Metalldrücker- und Gürtlerhandwerks Halle, 1964. Design: Wolfgang Dyroff (Foto: Günter Höhne)

"KEIN WARENUMSCHLAG AUF KRAWALL"

Günter Höhne, ehemaliger Chefredakteur der ostdeutschen Designzeitschrift "form+zweck" und Dozent an der FHTW Berlin und FH Potsdam, ist Deutschlands DDR-Design-Experte. Jetzt ist sein neues Buch "Das große Lexikon DDR-Design" erschienen, und aus diesem Anlaß sprach art mit Höhne über den Unterschied zwischen Ost- und Westdesign, die bedeutendsten ostdeutschen Designer – und warum so viel Unfug über die Kulturgeschichte der DDR verbreitet wird.
// INES SPENTHOF

Herr Höhne, was unterscheidet eigentlich Westdesign von Ostdesign?

Günter Höhne: Bezüglich der Erscheinungsform gibt es da keine oder nur geringfügige Unterschiede. Der Unterschied liegt oft im Gebrauchsanspruch, in der sozialen Zweckbestimmung der Dinge. In der DDR-Gesellschaft – wie wahrhaftig die wirklich sozialistisch war, darüber lässt sich streiten – gab es andere Ansprüche an die Produkte als in der kapitalistischen, westlichen Warenwelt.

Diese lebt vom Warenumschlag auf Krawall, von Produkterneuerungszyklen, die immer kürzer werden. Das war in der DDR ganz anders. Zum einen waren die Ressourcen gar nicht vorhanden – man sagt ja so schön: Mangelwirtschaft. Man musste sparsam mit Energie und Rohstoffen umgehen, und es herrschte bei zu geringen technologischen Innovationsschüben ein steter Arbeitskräftemangel. Das andere war eine allgemeine Einstellung bei vielen Nutzern von Produkten, die sich dagegen wehrten, Dinge zu ersetzen, bevor sie überhaupt die Chance hatten, sich zu verschleißen. Der Anspruch war eher Langlebigkeit und die Dinge als Lebensbegleiter in Würde älter werden zu lassen.

In Würde alternde Dinge?

Ein profanes Beispiel: Wenn Sie ein neues Fleischermesser kaufen und wenn Sie dieses Messer wirklich 20 Jahre benutzen wollen, stellt sich die Frage: Wie sieht das Ding nach 20 Jahren aus, und wie liegt es in der Hand? Ich rechne also mit dieser Patina, die vom Leben erzählt, vom Leben mit den Dingen. Beim Fleischermesser ist es die Verformung, der Abschliff der Klinge, die durch die Hand "veredelte" Politur des Griffes, durch den Gebrauch hervorgerufen. So ein altes Messer ist doch was Schönes! Oder ein altes Gartengerät. Bei vielem, was wir heute im Alltag käuflich erwerben, verraten aber heftige Verschleißspuren schon nach zwei Jahren die wahre Schäbigkeit eines Produktes, das doch gerade erst noch so "edel", so "schick", so "designt" daherkam. Gerade bei so genannten Designerprodukten ist das gang und gäbe. Ein gutes altes Stück wird mit seinen Gebrauchsspuren immer interessanter. Das ist wie bei alten Menschen. Man kann die Lebensgeschichte an ihrem Erscheinungsbild ablesen. Viele ostdeutsche Produkte aus den fünfziger und sechziger Jahren sind heute noch immer schön – und gut zu gebrauchen.

Woher kommt Ihre Faszination für DDR-Design?

Faszination würde ich es nicht nennen. Sagen wir mal: Interesse. Design ist ja nicht immer faszinierend. Es gibt da von mies bis fantastisch alles. Mein Interesse kommt daher, dass ich in der DDR aufgewachsen bin – und mit diesen Dingen gelebt habe. Aber ich hatte bereits als Kind eine Antenne für schöne Dinge.

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1 Leserkommentar vorhanden

Sabine Iüterbock

14:04

01 / 09 / 09 // 

Passende Ausstellung

Nach den Ausstellungen, die Günter Höhne in Leipzig, Frankfurt und Hannover kuratiert hatte, kann seit 2007 in der Harzstadt Wernigerode eine ganz kleine und ganz private Ausstellung zur Designgeschichte in der DDR empfohlen werden. form gestaltung in der ddr nennt sie sich und ist als Gesamtkunstwerk zu begreifen, das nicht nur Kultur-, sondern auch Lebensgeschichte ihrer Protagonisten "abruft". Günter Höhne war auch schon da... Sonntags 13.-18.00 Uhr Gießerweg 2a Wernigerode