imm cologne

Köln

Design bildet
Eine der wenigen Ausnahmen in Sachen Effektknaller auf der imm cologne ist dieses Esemble von Kare Design, Halle 7 (Foto: Kölnmesse)

DESIGN BILDET

Dem Ruf, das neue Designermöbel kaltes und teures Anschauungsmaterial seien, wurde die diesjährige imm cologne nicht gerecht. Langlebigkeit und ausgeklügelte Gemütlichkeit mit multikulturellem Stilmix bestimmen die neuen Möbeltrends. Ausgestattet mit Holz, ästhetischen Textilien im Vintage-Look und übergroßen Betten stellen sich die Designer das Wohnhaus der Zukunft vor.
// THOMAS WAGNER, KÖLN

Sicher, eine Möbelmesse wie die imm cologne ist immer auch ein großer Jahrmarkt, auf dem sich so manche Absonderlichkeit finden lässt. Doch trotz jeder Menge Poufs (neuerdings auch mit Schublade) und Sitzhockern, die wie selbstgestrickte Mützen für Riesen aussehen und doch nur auf normalgroße Zeitgenossen mit müden Beinen warten – die Möbelbranche scheint in den vergangenen, eher krisenhaften Jahren einiges dazugelernt zu haben.

So hat sich nicht nur die Messe selbst erkennbar stabilisiert und einige – hauptsächlich italienische – Hersteller zurückgewonnen. Auch viele Designer und Produzenten setzen heute weniger auf Knalleffekte und zeigen durchdachte, solide gemachte und langlebige Produkte. Es dominiert nicht länger das Extravagante um jeden Preis. Vielmehr lässt sich die Rückkehr zu einer gewissen Normalität angenehmen und wohldurchdachten Wohnens nicht übersehen.

Skandinavische Bescheidenheit trifft französischen Esprit

Ein renommierter Hersteller wie Ligne Roset etwa zeigt in Köln diesmal nicht nur 60 Neuheiten von 40 Designerinnen und Designern, er orientiert sich dabei auch ausdrücklich an traditionell skandinavischen Einflüssen wie Bescheidenheit, sorgfältiger Verarbeitung und Naturmaterialien, die er mit einem Schuss japanischem Purismus und französischem Esprit mischt. Was dabei herauskommt, muss – auch das fällt auf – nicht immer brandneu sein. Was zum Beispiel die Sitzmöbelserie "Élysée" beweist, die der französische Meisterdesigner Pierre Paulin 1971 ursprünglich für den Rauchersalon von Georges Pompidou im Élysée-Palast entworfen hat. Weich, aber doch straff gepolstert, laden die wie Obstschnitze geschnittenen Sessel, Hocker und Sofas gewiss nicht nur zum Rauchen ein. Solidität und dauerhafte Eleganz atmet auch der durch und durch skandinavische Esszimmerstuhl "CH 33" von Hans J. Wegener, der mehr als 40 Jahre nachdem seine Produktion eingestellt wurde, nun abermals aufgelegt wird. Überhaupt geht es fast überall gediegen, aber flexibel zu, lassen sich Lehnen klappen und Sitze drehen. Ob Sofa, Stuhl oder Tisch, das meiste ist, nicht nur was die verarbeiteten Materialien angeht, auch ästhetisch überzeugend. Ob der Zeitgeist wirklich dabei ist, sich umzustellen und eher konservativ einzurichten? Man wird sehen.

Vintage auf dem Fußboden

Dass sich nicht nur mit Klassikern, sondern auch mit Nostalgie Geschäfte machen lässt, zeigt das Phänomen "Vintage", das langsam aus dem Markt edel gealterter und deshalb hoch gehandelter Sammlerstücke in die aktuellen Programme einzusickern beginnt. Ablesen lässt sich das nicht allein an all den abgetreten aussehenden Teppichen, die ihre nur scheinbar über Jahre erworbenen Gebrauchsspuren vortäuschen und nun nicht mehr allein von Jan Kath, der damit begonnen hat, ausgelegt werden. Dieser präsentiert nicht nur Teppiche, die aussehen, als seien sie nach abstrakten Gemälden von Gerhard Richter entstanden, sondern unter dem Titel "From Russia with Love" neuerdings auch schrille Unikate voller Blumen in kräftigen Farben, die als Remix von alten Mustern aus dem Kaukasus erscheinen. "Vintage" lässt sich auch bei Parkett finden. Das wirkt dann schon im Neuzustand, als sei es von zahllosen Füßen malträtiert worden. Wer Lust verspürt, sein neues Domizil sogleich mit Patina auszustatten, der findet bei "Bauwerk" eine ganze "Vintage Edition", in der er zwischen abgeschabten kreideweißen Brettchen im Farbton "Stone", allerlei farbigen Varianten und, als Clou, einem Parkett namens "Old News" wählen kann, bei dem Boden oder Wand mit abgetretenen Zeitungen überzogen zu sein scheint. So wirkt das Zimmer immer schon so alt wie die Tagezeitung von gestern.

Aktives "Schulbank drücken"

Die imm cologne hat neben jeder Menge "Outdoor"-Möbeln und viel Holz, das nicht nur raffiniert verarbeitet, sondern auch rustikal und naturnah auftritt und zunehmend in dicken Bohlen zu mächtigen Tischplatten verarbeitet wird, eine echte Sensation vorzuweisen. Denn die neu vorgestellte Stuhlserie "Pro", die Konstantin Grcic im Lauf der letzten zwei Jahre für den seit langem mit dem Thema "Schulstühle" verbundenen Hersteller Flötotto entwickelt hat, macht beileibe nicht nur im Klassenzimmer eine gute Figur. Der Stuhl mit seiner Sitzschale aus Polypropylen hat Pfiff, ist leicht und bequem. Es gibt ihn in sechs frischen Farben und mit verschiedenen Untergestellen, er unterstützt das "aktive Sitzen" und hat das Zeug dazu, den Muff aus den Klassenzimmern zu blasen. Als wäre das noch nicht genug, wird "Pro" obendrein mittels einer Serie von Fotos präsentiert, die kein Geringerer als Oliviero Toscani geschossen hat, der seit seinen Kampagnen für Benetton ebenso berühmt wie umstritten ist. Konstantin Grcic ist es also wieder einmal gelungen, ein überzeugend zeitgemäßes Möbelstück zu entwickeln, das mithelfen könnte, den Alltag vieler Schüler etwas zu verbessern. Bildung und Design – das könnte tatsächlich ein Feld sein, auf dem sich künftig bleibende Verdienste erwerben ließen.

Multikulturelle Wohnvision

Von Cocooning spricht übrigens niemand mehr, nur Betten werden jetzt nicht nur immer breiter, sondern auch immer dicker und haben mehr als eine Matratze. Wozu Loriot wahrscheinlich einfach nur gesagt hätte: "Mooomennt!" Bleibt nur noch das von der Messe initiierte und von dem indisch-britischen Designerpaar Doshi Levien realisierte Projekt "Das Haus". Es steht, mehr Modell als Behausung, mitten im "Pure Village", einem Möbel-Dorf aus offenen Kuben, dem es auch im dritten Jahr seines Bestehens noch immer an Charme mangelt. "Das Haus" selbst tritt als hybride multikulturelle Collage auf, in der sich – in ineinander übergehenden Wohnzonen – Möbel von Doshi Levien mit alten und jungen Möbelklassikern und allerlei Accessoires wie bunten Spülschwämmen, Plastikgeschirr und Grünpflanzen mischen. Ob das die optimistische und durchweg positive Zukunftsvision ist, nach der wir gesucht haben, muss wohl jeder selbst entscheiden. Wahrscheinlich gibt es im nächsten Jahr wieder eine andere.

imm cologne

bis 22. Januar, koelnmesse

http://www.imm-cologne.de

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