Martin Roth

Interview

"Der wahre Peoples
Martin Roth möchte das Victoria and Albert Museum in die "Albertropolis" integrieren (© V&A images)

"DER WAHRE PEOPLES' PALACE"

Martin Roth, zehn Jahre lang Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, trat am 1. September seinen Posten als Direktor des Londoner Victoria and Albert Museums an. Es wurde 1852 gegründet und ist Teil der sogenannten "Albertopolis", zu der auch das Naturkunde- und das Wissenschaftsmuseum sowie der Konzertsaal Royal Albert Hall und die Königliche Musikhochschule gehören. Am 18. November eröffnet die Bundeskunsthalle Bonn eine Schau mit Leihgaben aus dem Museum. art-Korrespondent Hans Pietsch sprach mit Martin Roth in London über seinen neuen Arbeitsplatz und seine Leidenschaft für fachübergreifende Verknüpfungen.
// HANS PIETSCH, LONDON

Herr Roth, Sie haben gerade das Victoria and Albert Museum als Direktor übernommen. Was war denn das Besondere des Konzepts bei der Gründung des Museums Mitte des 19. Jahrhunderts?

Ich bin ja, wie Sie sagen, neu hier und nicht der Experte, was die Geschichte des Victoria and Albert angeht. Aber mein Vorgänger Mark Jones sagte einmal, es sei "der wahre Peoples' Palace", der wahre Volkspalast. Da hat er wohl ein gutes Wort gefunden – es war für die Öffentlichkeit gemacht, und die ganze Anlage hier, das ganze "Albertopolis-Konzept", war ja damals höchst modern und ist auch heute wieder höchst modern – eine Art geschmacksbildende Institution. Das versuchen wir zu reaktivieren – das Zusammenwirken von Wissenschaft und Kunst, von Musik und bildender Kunst, von Geschmackserziehung und, nennen wir es mal "sozialer Einflußnahme".

Eine Motivation fuer die Gründung war ja, die Designer von industriell gefertigter Ware anhand von Erzeugnissen vergangener und fremder Kulturen zu schulen.

Das ist richtig. Künstler und werdende Künstler gehen ins Museum, um zu lernen, um inspiriert zu werden. Das war damals so, und das ist auch heute so. Aber es sind natürlich nicht nur die Designer, die zu uns kommen. Sehen Sie sich nur die vielen jungen Leute an, die sich ebenfalls inspirieren lassen. Der Inspirationscharakter des Victoria and Albert ist einmalig.

Sie haben noch nie in einem Designmuseum gearbeitet.

Mit dem Begriff Design oder Kunsthandwerk muss man vorsichtig sein. Es ist ein Museum, das wie alle Museen das Objekt in den Vordergrund stellt, egal was es ist. Ob es die mittelalterliche Sammlung oder auch die wunderschöne Gemäldesammlung mit den Bildern von Turner und Constable ist, ob es Gegenwartsobjekte sind, oder Mode, oder auch Fotografie ist. Wir haben die wohl weltweit größte Fotosammlung – die Fotografie wurde erfunden und kam gleich hier ins Museum. Insofern ist es eine ganz klassische Institution. Der Umgang mit Objekten, die auch mit wirtschaftlichen, kulturellen, zivilisationshistorischen und vor allem sozialen Zusammenhängen verbunden sind, war immer etwas, das mir lag, wonach ich immer gesucht habe. Diese Querverbindung von Kultur-, Kunst- und Zivilisationsgeschichte, die ich im Dresdener Hygienemuseum in den Neunzigern gemacht habe, kann man natürlich nicht einfach hierher übertragen, aber darin liegt für mich der große Reiz: das Übersetzen von Kunst oder Design in Alltagsverhältnisse, in Lifestyle, in das Kreieren von Lebensverhältnissen.

Was extrem aufreizend ist: Es gibt hier eine traditionelle Gruppe und eine sehr aufregende junge Mannschaft, und die arbeiten gut miteinander zusammen, manchmal auch gegeneinander. Es hat also viel damit zu tun, wie man sein eigenes Leben gestaltet. Sein Äußeres, seinen Lifestyle, seine Lebensvorstellungen selber zu gestalten sowie die Umwelt, in der wir uns bewegen. Von der Mode bis hin zur Wohnung. Über kurz oder lang werden wir da ein paar Fragen stellen. Ich habe heute ein gutes Gespräch mit unserem Nachbarn geführt, dem Naturkundemuseum, ob wir nicht mal was zusammen machen sollten, etwa zu Fragen zur Gestaltung und Design des Körpers, des Organismus. Über das normale Design hinausgehen, in den Alltagskontext hinein, das ist das Spannende.

Sie haben schon ein bisschen über die Zukunft gesprochen. Haben Sie schon genaue Vorstellungen, wie Sie diesem Institut ihren Stempel aufdrücken wollen?

Ich will diesem Haus nicht meinen Stempel aufdrücken. Das hat auch etwas mit Demut zu tun, was ich auch in Dresden gelernt habe. Man ist Teil eines großen Ganzen. Was mich fasziniert, ist diese Querverbindung zwischen Kunst, auch Gegenwartskunst und Gestaltung, dieses Sich-gegenseitig-beeinflussen. An dieser Schnittstelle werde ich sicher viel machen. Das andere Thema, das mich extrem interessiert, ist das Thema Zukunft – wie erreichen wir Zukunft, wie erreichen wir Innovation, wie setzen sich Dinge durch?

Eine Sache, mit der Sie sich in der nächsten Zeit intensiv werden beschäftigen müssen, ist der Erweiterungsbau – braucht das Victoria and Albert Museum so etwas?

Das können Sie aber laut sagen. Wir brauchen dringend Platz, um unsere Sonderausstellungen zeigen zu können. Das machen wir momentan im Haus, das funktioniert auch, doch es braucht einen großzügigeren Rahmen. Aber der Hauptgrund ist ein ganz anderer. Eine meiner Aufgaben wird sein, das Museum in dieses "Albertopolis" einzubauen, und dazu müssen wir in der Lage sein, es in Richtung der Exhibition Road zu öffnen, die gerade neu gestaltet wurde, und auf der die anderen Institute angesiedelt sind. Schlagartig sind wir miteinander verbunden, wo früher Autos rasten, sind wir jetzt gute Nachbarn geworden, und das muss man beleben. Wir finden im Hof des Erweiterungsbaus einen schönen Platz, um Guten Tag zu sagen, mit Cafés und allem drum und dran.

Sie haben sich schon in Dresden für sanfte Diplomatie stark gemacht. Werden Sie das hier in London fortsetzen?

Das bedeutet für mich, über Landesgrenzen und kulturelle Beschränkungen hinaus zu arbeiten. Denken Sie nur an die Sammlung, die wir in diesem genialen Haus haben, da ist nichts nur rein britisch, unsere Sammlungen sind zutiefst international. Das müssen wir in der Ausstellungspolitik widerspiegeln, das ist ein Auftrag, den man in dieser globalen Welt zu haben hat. Hier kommt auch das koloniale Erbe hinzu, und deshalb müssen wir umso mehr mit den ehemaligen Kolonialländern zusammenarbeiten.

Das Victoria and Albert Museum hat gute Beziehungen zu China geknüpft. Da haben sie ja Erfahrung, und das werden Sie wohl fortsetzen.

Ich verrate wohl kein Geheimnis, wenn ich sage, dass wir zum britischen Jahr in China gemeinsam mit dem British Museum eine Ausstellung im Nationalmuseum machen werden. Ich knüpfe also praktisch da an, wo ich in Dresden aufgehört habe.

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