Marc Newson

Interview



GEMESSEN AN DER ZUKUNFT

Berühmt geworden ist Marc Newson mit Objekten im retro-futuristischen Look. Ob Türstopper oder Raumfahrzeug, Freizeitschuh oder Sitzgelegenheit – fast jeder Entwurf des australischen Designers hat biomorphe Formen. In Hamburg wurde er kürzlich mit dem renommierten Lucky Strike Designer Award ausgezeichnet. art sprach mit dem teuersten Gestalter der Welt über seinen Bestseller "Lockheed Lounge", australische Popkultur und die Zukunft des Designs.
// DOROTHEA SUNDERGELD, HAMBURG

Als sie 1986 den "Lockheed Lounge Chair" aus einem Berg von Polyurethanschaum sägten und mit Aluminium verkleideten, war das Phänomen der "Design Art" noch nicht erfunden. In den letzten Jahren brach die Chaiselongue, von der weltweit 15 Stück existieren, mehrmals Auktionsrekorde. Wissen Sie noch, was Sie dachten, als Sie "Lockheed Lounge" gebaut haben?

Als ich damals daran gearbeitet habe, hatte ich eine Vorstellung von einem fließend wirkenden Objekt, das ganz locker von Renaissancebildern inspiriert war. Ich hatte damals keine Vorstellung davon, ob ich ein Designstück oder ein Kunstwerk gestalte. Zu dem Zeitpunkt war mir noch gar nicht klar, das ich Designer werden würde, ich hätte ebensogut Künstler werden können. Ich fand es interessant, einen Stuhl mit skulpturalen Eigenschaften zu gestalten. Das war ein Gegenstand, an dem ich gut meine Ideen aufhängen konnte.

Leute können einen Bezug zu ihm herstellen. Es ist handgemacht – allerdings nicht, weil ich darauf großen Wert gelegt hätte. Hätte es eine Maschine gegeben, mit der man es hätte herstellen können, dann hätte ich es garantiert maschinell herstellen lassen, denn es war eine irrsinnige Arbeit. Er sieht nach Hightech aus, ist es aber nicht, es ist reines Kunsthandwerk. Den ersten Prototypen habe ich 1986 selbst gemacht. Er ist etwas anders als die späteren Versionen. 1988 wusste ich, das Stück ist etwas besonderes und wollte es perfektionieren. Also fertigte ich noch einen Prototypen und legte dann eine kleine Serie auf – und zwei Artist Proofs.

Da ich nicht wochenlang rund um die Uhr in der Werkstatt stehen konnte, engagierte ich jemanden, dem ich beibrachte, wie die "Lockheed Lounges" hergestellt werden. Es war ein Uhrmacher, der aus Deutschland nach Australien ausgewandert war. Von ihm habe ich viel über das Uhrmacherhandwerk gelernt. Er war ein technisches Genie, ein verrückter Perfektionist. Er hat alle "Lockheed Lounge" Chairs hergestellt, bis Mitte der Neunziger wurden sie ja noch produziert.

2009 kam "Lockheed Lounge" bei Philips de Pury in London für 1,1 Millionen Pfund unter den Hammer. Bereuen Sie, keinen der Stühle für sich behalten zu haben?

Nein, ich finde es wundervoll. Für meine Arbeit und ihre Wertschätzung hätte mir ja nichts besseres passieren können, als das "Lockheed Lounge" diese Form von Eigenleben entwickelt hat. Ausserdem ist es für einen Designer wichtig, loslassen zu können. Man entwirft etwas, bringt es zu Ende und geht über zum nächsten Projekt.

Ein Sammler hat mal gesagt: "Marc Newson Design makes you horny." Spielt Sex eine Rolle in Ihrem Design?

Nein, daran habe ich noch nie gedacht. Mein Stil ist eher ein Ergebnis meiner Herkunft. Das Licht, mit dem ich aufgewachsen bin, die Farben, das Meer. Die Surf- und Popkultur, mit der ich in Sydney aufgewachsen bin, haben mich geprägt. Bretter, Wellen, Wetsuits. Das ist fließend, Pop, australische Jugendkultur. Es ist nicht sehr europäisch. Ein australischer Designer zu sein, hat mir eine besondere Perspektive gegeben.

Es gibt zwar keine besonders ausgeprägte Designtradition in Australien. Aber Australier lieben es zu reisen, herumzukommen und zu beobachten. Man muss sich als Designer dafür interessieren, wie Dinge gemacht werden. Und wie Menschen in verschiedenen Kulturen Probleme lösen.

Die biomorphen, fließenden Formen ihrer Produkte stehen für ein optimistisches, zukunftsgewandtes Menschenbild. Passt das noch in die Welt von heute?

Als Designer bin ich Optimist. Ich bin in den Sechzigern aufgewachsen, die Mondlandung gehört zu meinen Kindheitserinnerungen. Das war eine Zeit, in der die Zukunft noch futuristisch war. Und Technologien einem eine optimistische Zukunftsperspektive gaben. Aber im zeitgenössischen Design beschäftigen wir uns nur mit dem Jetzt. Wir denken nicht mehr daran, wie die Welt in zehn, 15 Jahren aussehen wird. Ich habe nicht den Eindruck, das heute noch jemand optimistisch in die Zukunft sieht.

Denken Sie in Ihrer aktuellen Arbeit denn an die Zukunft?

Immer. Ich frage mich immer, wie das was ich gestalte, in Zukunft wahrgenommen wird. Schon seit den Zeiten von "Lockheed Lounge" versuche ich, Design zu machen, das zukunftsfähig ist. Das ist es, woran wir Designer gemessen werden.

Hat sich ihr Stil verändert?

Die fließenden Formen meiner frühen Arbeiten waren nur für bestimmte Produkte geeignet. Als ich begann, Mobiltelefone, Kameras und Uhren zu entwerfen, hat sich sicherlich auch mein Stil geändert. Das biomorphe funktioniert ja nicht immer. Ich wollte da auch kein Sklave meines eigenen Stils werden.

In den letzten Jahren arbeiten Sie als Creative Director einer Airline und arbeiten viel an Fahrzeugen, vorzugsweise an sehr schnellen, wie einem Rennboot, einem Privatjet, einer Raumfähre. Sind Sie fasziniert von Geschwindigkeit?

Ich glaube auch das liegt in meiner Kindheit, es ist eine kindliche Faszination für Geschwindigkeit. Als Kind habe ich viel fantasiert und geträumt. Fantasie ist etwas großartiges. Mein Concept Car für Ford oder der Kelvin Jet für Fondation Cartier sind einfach reine Fantasieobjekte. Sie sind Ausdruck einer utopischen Vorstellung davon, wie ich die Welt gern hätte.

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