Deutsches Design Museum

Berlin



ERSTMAL REDEN

Stühle im Museum zeigen war gestern, heute muss es auch um iPhone-Apps und Protestlogos gehen, sagt der Rat für Formgebung. Er will ein neues Museum gründen, in dem die gesellschaftliche Relevanz von Gestaltung vermittelt wird. Vorerst allerdings nur virtuell, als Diskursplattform im Internet.
// DOROTHEA SUNDERGELD, BERLIN

Es klingt wie eine Kampfansage an eine ganze Reihe großer deutscher Museen, die Design ausstellen: "Man kann heute nicht mehr Stühlchen ins Museum stellen. Wir müssen über den Designbegriff reden." So begründete der Karlsruher Professor für Design, Volker Albus, sein Plädoyer für ein neues Museum. Mit dem Stichwort Design verbinden die meisten Menschen in Deutschland Marken. Die Niveadose, den Mercedes Silberpfeil, die Braun-Produkte der Dieter-Rams-Ära. Gutes Design, das ist Bauhaus, Werkbund, "Form follows Function". Gesammelt werden die "guten" Dinge in Museen, wo sie gelegentlich von Staub befreit und ausgestellt werden.

Das ist schön und erbaulich, aber keine zeitgemäße Behandlung des Themas – findet der Rat für Formgebung. Die Frankfurter Institution wurde 1953 auf Beschluss des Bundestages gegründet, um Wirtschaftsunternehmen in Designfragen zu beraten. Heute sieht der Rat, dem 170 Unternehmen angehören, seine Rolle im Wissenstransfer und in der Kommunikation von Designthemen. Und hat nun in Berlin eine Stiftung ins Leben gerufen, die "eine Plattform für den Kulturfaktor Design" sein soll. "Denn jenseits des Konsums gibt es Strömungen und Entwicklungen, die gesellschaftliche Konsequenzen haben – und die werden im Museum nicht thematisiert", erklärte Andrej Kupetz, Vorsitzender des Rats für Formgebung, auf einer Pressekonferenz am Dienstag vergangener Woche. Volker Albus, Mitinitiator und Designprofessor an der HfG Karlsruhe, gab Beispiele: "Die wenigsten bringen Design mit soziokulturellen Phänomenen in Verbindung. Aber sogar Protestkultur ist ein Design-Thema." Von "Atomkraft – nein danke!" bis zum durchgestrichenen Verkehrsschild von "Stuttgart 21" sind es schließlich Logos, die uns in den Köpfen bleiben. Und soziale Medien, deren Oberflächen gestaltet sind, hatten einen nicht geringen Einfluss auf die Jasmin-Revolution in den arabischen Ländern.

Wir müssen also unseren Designbegriff erweitern und neu definieren, um die Bedeutung des Kulturfaktors Design zu erkennen. Aber brauchen wir dafür ein neues Museum? Von der Neuen Sammlung in München über die Museen für angewandte Kunst in Frankfurt und Köln bis hin zum Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg gibt es reichlich Häuser, die den Auftrag haben, Design zu sammeln und in Ausstellungen zu vermitteln. Gegründet wurden die meisten Häuser Ende des 19. Jahrhunderts. Sie gingen aus den Mustersammlungen von Kunstgewerbeschulen hervor und fungierten als Aushängeschilder für die Leistungen der regionalen Industrie. Die Beschäftigung mit der kulturellen und gesellschaftlichen Dimension von Design begann erst im Zeitalter der Massenproduktion nach dem zweiten Weltkrieg. Man kann den Museen vorwerfen, das sie sich zu sehr in ihrem Selbstverständnis des Sammelns aufhalten, zumindest in Deutschland. Wer einen Freitagabend im Londoner Victoria & Albert Museum verbracht hat, wo sich vom Schüler bis zum Rentner alle treffen, um Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen zu besuchen, zu essen, zu trinken und zu reden – der bekommt ein Bild davon, wie frisch und unmuseal Museen sein können.

Die bestehenden Museen besser auszustatten würde das Problem vermutlich nicht beheben. Deren Strukturen sind ja oft zu festgefahren, um eine neue Ausstellungskultur auf die Beine zu stellen. Beispielsweise hat man beim Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe oft den Eindruck, dass das Sammeln und Präsentieren der Sammlung im Vordergrund steht und nicht das Vorantreiben von innovativen Ausstellungskonzepten. Die aktuelle Ausstellung "Stylectrical" zeigt einmal wieder: populäres Thema, sterbenslangweilige Umsetzung. Aber das Ergebnis ist eine weitestgehend kritikfreie Huldigung des Werkes von Apple-Chefdesigner Jonathan Ive. Dabei ruft die Geschichte der Apple-Produkte danach, unter gesellschaftlichen, politischen und psychologischen Aspekten betrachtet zu werden.

Was ein neues "Deutsches Design Museum" besser machen könnte, verrieten die Vorsitzenden des Rat für Formgebung auf der Pressekonferenz nicht. Erst einmal will die Stiftung eine Diskussion anregen. Den Anfang machte ein Round Table im Juli 2011, an dem Designer, Künstler, Unternehmer und Theoretiker teilnahmen. Die auf teils floskelhafte Statements reduzierten Ergebnisse sind auf der Website des Deutschen Designmuseums zu lesen – und verraten wenig. Seit letzter Woche ist die Öffentlichkeit eingeladen, via Facebook mitzureden. Von der Qualität der Diskussion und ihrer Auswertung wird abhängig sein, ob die Initiative wirklich etwas bewegt – oder nur ein weiterer Ort geschaffen wird, an dem Designstücke als Kunstwerke gefeiert werden.

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1 Leserkommentar vorhanden

Christian Ury

15:35

29 / 09 / 11 // 

"Mich interessiert nicht, was sie sagen. Ich sehe ja, was sie tun."

Wer Gelegenheit hatte, die diesjährige und auch die letztjährige Präsentation des Rates für Formgebung in Mailand zu besuchen, der muss die Idee für ein "Deutsches Design Museum" in Zweifel ziehen. Die Produkte wurden nicht ausgestellt, sondern hingestellt. Was die Ausstellungsmacher als klar und übersichtlich beschrieben haben, muss als gescheitert gelten. Das war keine Ausstellung. Und nun melden sich dieselben zu Wort und fordern ein neues Design Museum? Sie sollten erst einmal ihre Hausaufgaben machen.

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