Designszene

Niederlande

Trocken war gestern
Eine Assemblage von gebrauchten Möbeln: ein Unikat aus der Serie "Hey Chair, be a bookshelf!" ("Hey Stuhl, sei ein Bücherregal"), von Maarten Baas (Foto: Christian Schaulin)
TROCKEN WAR GESTERN
In den Neunzigern bekam das niederländische Design ein Gesicht: Die Gruppe "Droog" – trocken – entwickelte mit Humor und Alltagsnähe ein neues Designverständnis. Nun entlässt die holländische Revolution ihre Kinder: Eine neue Generation entwickelt das "Droog"-Erbe mit Witz und Innovationsfreude weiter.
// KRISTINA RADERSCHAD

Design aus den Niederlanden sorgt international für Aufsehen – und ist gefragt wie nie. Die alljährliche Ausstellung der Abschlussarbeiten an der De­signakademie Eindhoven zieht Besuchermassen an, von denen andere europäische Designhochschulen nur träumen können.

Namhafte Galeristen wie Rosanna Orlandi aus Mailand oder Murray Moss aus New York wett­eifern dort darum, die vielversprechendsten Talente vom Fleck weg unter Vertrag zu nehmen. "Jeder will der erste sein, der das nächste große Ding entdeckt", kommentiert Li Edelkoort, Leiterin der Akademie, den Run auf die jungen nie­derländischen Designer.

Murray Moss etwa, Amerikas Designgalerist Nummer eins, kann sich über jährli­che Preis­steigerungen für die kunstvollen Einrichtungsunikate seines Schützlings Maarten Baas freuen. Er hatte ihn gleich nach dem Diplom vor vier Jahren unter Vertrag genommen. Ein Steinway-Flügel, den der 30-Jährige kürzlich mit dem Bunsenbrenner zu einer rauchschwarzen Skulptur veredelte, brachte zur Eröffnung der Moss-Dependance in Los Angeles stol­ze 155000 US-Dollar ein.

Die eigenwilligen und häufig experimentellen Entwürfe der Niederländer treffen den Nerv der Zeit. Wenn Möbeldesign von der Stange dank Ikea und Co. überall für wenig Geld zu haben ist, muss Design mehr leisten als die Gestaltung funktionaler Alltagsgegenstände. Ausdrucksstarke Ob­­jekte mit dem Zeug zur Designikone befriedigen die Suche nach dem Besonderen innerhalb des konfor­men Mas­senmarkts. Funktionale Aspekte treten dabei hinter starken Konzepten zurück – was nicht bedeutet, dass etwa der angekokelte Flügel von Maarten Baas nicht benutzbar wäre.

"Form follows function", der viel zitierte Gestaltungsgrundsatz der Mo­derne, hatte auch in den Niederlanden lange Zeit scheinbar universelle Gültigkeit; klassisches Industriedesign von Gestaltern wie Benno Premsela, Friso Kramer oder Kho Liang Ie für Firmen wie Artifort oder Ahrend war bis in die achtziger Jahre vorherrschend. Mit der Postmoderne und deren Motto "Alles geht" brach das Funk­­tionalitätsdogma allerdings auf. Der Lehrplan an der Eindhovener Aka­­demie, der traditionell wichtigsten Designhochschule des Landes, wur­de verändert; statt der industriellen Norm sollten nun der Mensch und sei­ne Bedürfnisse ins Zentrum rücken. Das neue Motto hieß: "Form follows concept."

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