Design Miami/Basel

Messe

Der Spielplatz schliesst bei Sonnenuntergang
Der Berliner Fotokünstler Hans Kotter ist bei Priveekollektie mit dreidimensionalen LED-Lichtobjekten vertreten (Foto: Dorothea Sundergeld)

DER SPIELPLATZ SCHLIESST BEI SONNENUNTERGANG

Bis zum 18. Juni zeigt die Design Miami/Basel Sammlerstücke aus zwei Jahrhunderten. Im Erdgeschoss der Halle 5 stellen 43 Galerien aus, im oberen Stockwerk präsentieren on/site Galerien und die "Designer of the Future" aktuelle Arbeiten
// DOROTHEA SUNDERGELD

Die Welt ist ein Spielplatz, und Nacho Carbonell hat darauf interaktives Gerät für Erwachsene gestellt. In seiner Installation "The Playground closes at dusk" vor dem Eingang zu Halle 5 kann man klettern, relaxen, die Messebesucher durch schummerige Scheiben betrachten, an einem Baum aus Glaskolben Waldgerüche schnuppern und vorbeifahrende Mopeds durch umgedrehte Flüstertüten hören. Damit hat der spanische Designer, der 2009 zum Designer of the Future der Design Miami Basel gekürt worden war, schon mal den prominentesten Platz ergattert – und leichtfüßig bespielt.

Drinnen auf der Mezzanine-Etage stellen die diesjährigen Gewinner Arbeiten aus. "Conversation Pieces" hieß das vorgegebene Thema, doch nicht überall liefen die Unterhaltungen glatt. Studio Juju aus Singapur hatten eine auf ihr Skelett reduzierte Jurte aufgestellt und mit knuffigen Sitzgelegenheiten bestuhlt, die am Eröffnungsabend weitestgehend unbesetzt blieben. Der Londoner Asif Khan, spezialisiert auf Experimente zwischen Wissenschaft, Architektur und Design, wollte heliumgefüllte Schaumwolken zur Decke aufsteigen lassen, in deren Schatten sich die Besucher unterhalten können. Die Wolken, für Khan die ursprünglichste Form von Architektur, konnten allerdings zunächst nicht aufsteigen, nachdem schaumbegeisterte Kinder die Töpfe umgestoßen hatten und der Designer erstmal einen kleinen Wasserschaden zu begrenzen hatte. Später, als alle Kinder schlummerten, konnten sich dann doch ungehindert comichafte Wolkentürme bilden. Bei dem Wiener Designduo Mischer/Traxler lief dafür alles rund. Sie zeigten "Relumine", den Dialog zweier Leuchten mittels einer Leuchtstoffröhre, Spiegel, die nur reflektieren, wenn man zu zweit davorsteht, und eine Maschine, die Körbe wickelt und klebt. Je mehr Menschen an der Maschine stehen und zusehen, um so bunter werden die Körbe bemalt. Die Ergebnisse zeigen: Bei Mischer/Traxler war am Eröffnungsabend immer was los.

Im Erdgeschoss stellen 43 Galerien noch bis zum Samstag historisches und zeitgenössisches Sammlerdesign aus. Von den Helden des 20. Jahrhunderts ist neben Vintage-Klassikern von Le Corbusier, Charlotte Perriand, Joseph-André Motte, Alvar Aalto & Co. wie üblich Jean Prouvé am stärksten vertreten. In diesem Jahr gibt es allerdings nicht nur Möbel, sondern auch zwei Architekturstrukturen von dem großen Franzosen zu sehen: Jousse Enterprise fand in der Bretagne einen Teil von Prouvés 1954 erbauter "Ecole de Villejuif", restaurierte ihn und stellt ihn erstmals auf der Design Miami aus. Die Galerie Patrick Seguin zeigt einen Pavillon, den Prouvé in den vierziger Jahren für Kriegsflüchtlinge entworfen hatte – und läßt ihn täglich von drei Handwerkern auf dem Messestand auf- und abbauen.

Minderwertige Stoffe edel verarbeitet

Und neben den großen Namen des zeitgenössischen Designs wie Ron Arad, Pierre Charpin, Konstantin Grcic und Hella Jongerius waren auch ganz junge Talente zu sehen. Das italienische Designduo Formafantasma entwarf Wandteppiche für die Galerie Libby Sellers. Sie stellen Architekturzeichnungen moderner Gebäude in Äthiopien, Eritrea und Libyen dar, thematisieren den Einfluss Europas auf seine ehemaligen Kolonien und sind als Pendant zu ihrer Arbeit "Moulding Tradition" gedacht. Die vielgelobte Abschlussarbeit der beiden Italiener an der Design Academy Eindhoven, Tonkrüge mit dem Foto eines afrikanischen Asylsuchenden, thematisiert den Einfluss von Immigration auf die Handwerkskunst in Europa. Für ihre Fähigkeit, sozial und gesellschaftlich relevante Themen mit ästhetischen Mitteln zu kommunizieren, wurden Simone Farresi und Andrea Trimarchi jüngst von Paola Antonelli und Alice Rawsthorn zu den 20 meistversprechenden Designern der Dekade ernannt.

Ebenfalls ein Star der Stunde ist die Londonerin Bethan Laura Wood, die von der Mailänder Galerie Nilufar vertreten wird. Sie ist fasziniert von minderwertigen Materialien wie Kunststofflaminat und verarbeitet sie mit erlesener Handwerkskunst, bis sie an schimmerndes Perlmutt oder geschliffene Halbedelsteine erinnern. Bei Nilufar zeigt sie "Totem"-Lampen aus Pyrex und "Moon Rock Tables", Beistelltische mit Laminatintarsien, deren Muster wie Gesteinsquerschnitte aussehen. Ihr Spiel der Qualitäten setzt sie am eigenen Körper fort: Ihre Kleider sind ein exzentrischer Mix aus Ostlondoner Second-Hand-Teilen und selbst entworfenen Tüchern und Armreifen, die die Muster ihrer Laminatarbeiten in Holz und Seide wiederholen.

Wer den Überblick verliert bei all dem, setzt sich auf den Hochsitz in Nacho Carbonells Außeninstallation und blickt in eine Wolke von Kästen, in denen wir unsere Emotionen und Erinnerungen sortieren können. Der Spielplatz schließt täglich um 19 Uhr.

"Design Miami Basel"

Daten: bis 18. Juni 2011, Halle 5 des Messegeländes in Basel, geöffnet 11-19 Uhr. Designtalk am Donnerstag, 17.30-18.30 diskutieren die Designer of the Future Gewinner über ihre Arbeiten zum Thema "Conversation Pieces"

http://www.designmiami.com

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