Stefan Sagmeister
Deitch Gallery
art: Wie kamen Sie dazu, aus Lebenserfahrungen Kunst zu machen?
Stefan Sagmeister: Seit acht Jahren führe ich eine Liste mit Lebensweisheiten in meinem Tagebuch. Als sie immer länger wurde, habe ich beschlossen, daraus ein Projekt zu entwickeln.
Was ist Ihr wichtigstes Motto?
Tagebuch zu führen fördert die persönliche Entwicklung. Und: Sich Sorgen zu machen löst Probleme nicht. Beides habe ich verinnerlicht. Ich liege nachts niemals wach im Bett und mache mir Sorgen. Andere Erkenntnisse hatte ich dort zwar – aber die Realität muss mich jedes Mal auf ein Neues überzeugen.
Eine Ihrer Lektionen lautet, dass Geld nicht glücklich macht.
Weil ich mehr als 50 000 Dollar im Jahr verdiene, bin ich in einer Situation, in der ich das sagen kann. Der Harvard-Psychologe Danny Gilbert hat bei einer Studie herausgefunden, dass Menschen, die weniger verdienen, durchschnittlich unglücklicher sind. Wenn man über 50 000 Dollar liegt, beeinflusst Geld das Glück kaum noch. Aber keine meiner Lebensweisheiten ist allgemeingültig.
Lernen Sie mehr aus schlechten oder aus guten Erfahrungen?
Aus schlechten lerne ich automatisch. Aus den guten leider nur, wenn ich über sie nachdenke.
Sie sagen, dass Mut sich immer auszahlt. Was trauen Sie sich denn so?
Vor zwanzig Jahren habe ich eine wunderschöne alte Dame mit roten Rosen am Hut in der Wiener U-Bahn gesehen. Während ich noch überlegte, wie ich ihr ein Kompliment machen könnte, stieg sie aus. Also bin ich ihr hinterher gesprungen. Sie hat sich so gefreut, dass ich mir damals vornahm, immer so zu handeln. Doch leider schaltet sich meine Selbstzensur im Kopf immer wieder an.
Sie arbeiten seit 15 Jahren im gleichen Büro, beschäftigen zwei Mitarbeiter und einen Praktikanten. Warum sträuben Sie sich bei all dem Erfolg dagegen zu wachsen?
Als kleine Firma bleiben wir effizient. Große Gruppen produzieren Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse. Niemand fühlt sich mehr verantwortlich. Wir sind finanziell unabhängig und können Entscheidungen nach Qualität fällen, weil unsere laufenden Kosten gering sind.
Wie wichtig ist der Standort New York für die kreative Arbeit?
Unter allen Städten, die ich auf der Welt gesehen habe, ist mir New York die liebste. Es gibt hier tausend Leute, die interessante Dinge tun. Die grundsätzliche amerikanische Freundlichkeit macht es einfach, sie zu treffen und von ihnen zu lernen. Zur Ausstellung in der Deitch Galerie habe ich vierzig der bekanntesten New Yorker Designer eingeladen, an die Scheiben zu schreiben. Alle sagten zu. Sogar Milton Glaser, der das "I love New York"-Logo gestaltet hat. In Europa würden wir uns als Konkurrenten ansehen, hier sind wir eine Gruppe. Wir bewerben uns zwar manchmal für die gleichen Ausschreibungen, aber es gibt genügend Arbeit für alle.