Le Van Bo
Hartz IV Möbelbau
BAUHAUSDESIGN FÜR HARTZ-IV-EMPFÄNGER?
Vor über einem Jahr hat der junge Architekt, der mit dem Namen "Le van Bo" in die Öffentlichkeit tritt, einen Tischler-Wochenendkurs an der Berliner Volkshochschule absolviert. Diese handwerkliche Erfahrung inspirierte ihn dazu, selbst eine Möbelkollektion zu entwerfen. Sein erster Entwurf war der "24 Euro Chair", für den sich Le van Bo an den Arbeiten der Bauhaus-und De-Stijl-Designer Marcel Breuer, Mies van der Rohe, Gerrit Rietveld und Erich Dieckmann orientierte.
Mittlerweile hat der ehemalige Rapper und Graffiti-Künstler seine Kollektion um Schlafsofa, Regal und Tisch erweitert. 1800-mal hat er seine Entwürfe schon verschickt. Unter dem Motto "Konstruieren statt Konsumieren" will er so Menschen mit wenig Geld, aber gutem Geschmack dazu motivieren, selbst Hand anzulegen und sich ihre eigene Traumwohnung zu bauen. Wie das aussehen kann, zeigte Le van Bo Anfang Juni im Rahmen des Internationalen Design-Festivals (DMY) in Berlin mit einer 21 Quadratmeter großen Hartz-IV-Wohnung. Welche Rolle der Bauhausstil für seine eigene Identität spielt und ob tatsächlich Hartz-IV-Empfänger von seinen Entwürfen Gebrauch machen, verrät der Künstler in einem Interview.
art: Was hat es eigentlich mit dem Namen "Le van Bo" auf sich?
Dieses "van Bo" stammt von dem Namen Jumbo Jet. Dahinter steckt die Geschichte, dass mein Vater in den siebziger Jahren aus Laos vor dem Kommunismus geflohen ist, und weil das damals nicht ganz so einfach war, haben er und seine befreundeten Hobby-Piloten abgemacht, wer es aus Laos raus schafft, muss seine Kinder nach den Maschinen benennen, mit denen man in die Freiheit fliegt. Und deshalb heiße ich Jumbo Jet und mein Bruder heißt Boeing. Aber man macht sich ja lächerlich, wenn man im Deutschen Pass Jumbo Jet eintragen lässt, deshalb habe ich aus Jumbo van Bo gemacht.
Für die Möbelentwurfe haben Sie sich vom Bauhaus-Stil inspirieren lassen. Ist das eine besondere Vorliebe von Ihnen oder geht es um die Zeitlosigkeit der Bauhausformen?
Wenn es um die Form geht, ist es die Zeitlosigkeit, die mich dabei fasziniert. Wenn ich mich mehrere Tage an eine Werkbank stelle, dann möchte ich als Ergebnis kein Möbel haben, an dem ich mich schon nach fünf Jahren stattgesehen habe. Es soll mit keiner bestimmten Zeit verankert sein und auch nach 50 Jahren noch gut aussehen. Deshalb sind die Hartz-IV-Möbel auch so konzipiert, dass sie nicht selbstgebaut aussehen, wie das zum Beispiel bei den Möbeln von Enzo Mari der Fall ist. Der italienische Designer hat in den siebziger Jahren ebenfalls eine komplette Einrichtung zum Selberbauen erfunden, aber das ist alles genagelt und sieht dementsprechend amateurhaft aus. Mein Interesse am Bauhausstil hängt aber auch mit meiner Identitätssuche zusammen. Wenn man als Einwanderer nach Deutschland kommt, wird man ständig damit konfrontiert: Wo kommst du her? Wer sind deine Eltern? Und so beschäftigt man sich von klein auf mit der Frage nach Identität. Was bedeutet es, deutsch zu sein? Als ich irgendwann auf das Bauhauserbe gestoßen bin, habe ich viele Antworten auf diese Frage gefunden. Es bedeutet, offen und international, aber auch sehr diszipliniert und lösungsorientiert zu sein und immer nach vorne zu denken. Deutschsein ist also gar nicht so kompliziert.
Sie setzten die Funktionalität von Ihren Hartz-IV- Möbeln unmittelbar in Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung sozialer Kontakte. Können Sie das näher erläutern?
Meine Motivation ist tatsächlich dadurch begründet, über Möbel einen Austausch zwischen Menschen zu ermöglichen, die sonst nur schwer zusammenkommen. Letztendlich geht es mir um die Frage, wie man die eigene Wohnung, mit der die Lebensqualität beginnt, so optimieren kann, dass es meine sozialen Kontakte begünstigt und nicht einschränkt. Wie kann man also Räume schaffen, die Menschen glücklicher machen?
Was hat Sie zu Ihrem Motto "Konstruieren statt Konsumieren" bewegt?
Im Bauhaus gab es einen Ausdruck, der hieß "Volksbedarf statt Luxusbedarf". Ich habe versucht, dieses Motto auf die heutige Zeit zu übertragen. Die wenigsten können heute noch nachvollziehen, wie so ein Stuhl überhaupt entsteht, und vor allem für den Preis, für den wir ihn kaufen können. Seit der Finanz- und Immobilienkrise machen sich die Menschen der westlichen Industriestaaten aber wieder mehr Gedanken darüber, was Luxus eigentlich bedeutet. Welchen Wert hat mein Leben, meine Wohnung, mein Sessel, mein Stuhl? Und sie haben offensichtlich das Bedürfnis, wieder etwas mit ihren eigenen Händen zu machen.
Der ebenfalls in Berlin lebende Objektkünstler und Designer Jerszy Seymour wirbt ähnlich wie Sie für ein besseres Konsum-Bewusstsein. Mit seinem "Workshop-Chair" aus Industriewachs und Holzlatten will er in erster Line aber nicht dazu anregen, diesen Stuhl nachzubauen, sondern selbst mit Holz und Wachs kreativ zu werden ...
Seymour geht es zwar ebenfalls darum, dass die Menschen selbst Hand anlegen, aber er stellt dabei die Innovation in den Vordergrund. Mein Thema ist ja, dass sich jeder Mensch Möbel im Bauhausstil leisten kann, weil die so unverschämt teuer sind. Mir geht es also nicht um Innovation. Die Art der Möbel, die ich entwerfe, ist 100 Jahre alt, nur der Kontext mag neu sein. Das hält die Leute aber nicht davon ab, kreativ zu sein und eigene Ideen zu verwirklichen. Die meisten bauen die Möbel nämlich ganz anders, als ich das im Bauplan vorgesehen habe, und das ist gut so.
Wie erklären Sie sich das Phänomen, dass sich auch Künstler verstärkt dem Möbelbau zuwenden?
Im Tischlerhandwerk kommen Funktion, handwerkliches Geschick und Ästhetik zusammen. Es ist befreiend und meditativ, und man ist nach getaner Arbeit immer sehr stolz und zufrieden. Ein Gemälde bewirkt andere Gefühle und kann den Künstler auch zerstören.
Ihre erfolgreichsten Entwürfe sind der „Berliner Hocker“ für 10 Euro Materialkosten und der "24 Euro Chair", der für einen Sessel wirklich günstig ist. Bei dem "SiWo Sofa" für insgesamt 348 Euro oder dem "Kreuzberg 36 Küchenstuhl" für 36 Euro fragt man sich allerdings schon, ob Hartz-IV-Empfänger da nicht doch eher zu den günstigen Modellen von Ikea greifen würden.
Ob bei Ikea oder auf dem Flohmarkt, es gibt sicher sehr viel einfachere und auch günstigere Möglichkeiten, als ein Möbel zu bauen. Mit meinem Preis kann ich also nicht punkten. Hinzu kommt, dass 24 Stunden, die man zum Beispiel für den Bau des 24 Euro Chairs benötigt, drei Arbeitstage sind, das ist ja nicht wenig Zeit, das klingt nur so. Wer sich diese Zeit nimmt, der muss es schon richtig wollen. Aber das ist ja gerade das Interessante an dem Projekt, dass die Leute auf einmal darüber nachdenken, was sie bereit sind zu geben, um etwas zu bekommen.
Natürlich ist das ein Klischee, aber glauben Sie nicht, dass es viele Hartz-IV-Empfänger gibt, die gar keine Lust haben, ihre Möbel selbst zu bauen?
Für mich steht fest, diejenigen, die faul sind und immer nur haben wollen, werden meine Möbel nicht bauen, aber die, die sie bauen, haben auch Lust zu arbeiten, und die findest du sowohl unter den Hartz-IV-Empfängern als auch unter den Nicht-Hartz-IV-Empfängern, wenn wir Deutschland so aufteilen wollen. Die eigentliche Frage ist ja, wer sind die Hartz-IV-Empfänger? Ich höre nämlich oft die Frage "Bauen denn wirklich Hartz-IV-Empfänger deine Möbel, das ist doch so aufwendig" Diese Frage suggeriert ja per se eine negative Haltung. Das ist die Diskussion, die ich starten möchte, denn wenn man sich mal die Profile von den Menschen anschaut, die diese Möbel bauen, erkennt man, dass es die Hartz-IV-Empfänger als Gruppe gar nicht gibt. Ich werde ja auch oft in die Kategorie "Deutscher mit Migrationshintergrund" gesteckt, das ist genauso eine Gruppierung wie die der Hartz-IV-Empfänger, bei der man sofort das Bild vom faulen Langzeitarbeitslosen im Kopf, der nur Fernsehen guckt und sich zu schade ist zum Arbeiten. Gegen dieses Klischee möchte ich ankämpfen. Wenn Sie jetzt "Hartz-IV-Wohnung" oder "Hartz-IV-Möbel" googeln, zeigen die Bildergebnisse keine kaputten Möbeln oder Schimmel an der Decke. Dadurch werden Erwartungen gebrochen – das ist mein Ziel.
