IMM Cologne

Möbelmesse

Klassische Möbel zum Wegwerfen
Stühle “Flowers” am Stand von Tenzo (Foto: IMM Köln)

KLASSISCHE MÖBEL ZUM WEGWERFEN

Die Kölner Möbelmesse hat sich erholt: Neues Selbstbewusstsein und prächtige Präsentationen beherrschen in diesem Jahr das Bild. Nur an Utopien will keiner mehr glauben. Klassik und Nachhaltigkeit sind die beiden Non-Trends der Stunde
// RALF SCHLÜTER, KÖLN

Es war schon eine kleine Demütigung, die das große schwedische Möbelhaus der Kölner Möbelmesse in diesem Jahr zufügte. Ikea bleibt der Messe traditionell fern, was zu einer Zweiteilung der Möbelwelt geführt hat. In den Hallen der Messe kann man neben vielen Durchschnittsausstattern die glanzvollen Traumwelten des zeitgenössischen Designs besichtigen. Je formal kühner und qualitativ hochwertiger die Möbel sind, desto weniger erschwinglich sind sie auch.

Bei Ikea hingegen herrscht das Realitätsprinzip: Nichts ist ungreifbar, was einem gefällt, das kann man sich auch leisten. In diesem Jahr nun ließen die Schweden vor dem Eingang zur Messe die typischen blauen Riesentaschen gratis verteilen, mit denen sonst Paare und Kleinfamilien durch die Möbelhäuser flanieren. So ähnelte die Möbelmesse plötzlich einer Ikea-Filiale, weil viele Besucher ihre Prospekte in der blauen Tasche sammelten. Ein geschickt platzierter Marketing-Gag, der fast Konzeptkunst-Qualitäten hatte.

Es gab Zeiten, in denen die IMM einen solchen Seitenhieb schlechter weggesteckt hätte als jetzt. Die Jahre 2009 und 2010 waren von mühsam geleugneter depressiver Stimmung geprägt, die Zahl der Aussteller war zurückgegangen, die Stände wirkten fantasielos, und Gags wie das Aufstellen von Skulpturen – Achtung Kunst! – sollten die allgemeine Ideenlosigkeit kaschieren. Nun scheint die Krise vorbei zu sein: Der Veranstalter meldete ausgebuchte Hallen, ein Küchenschwerpunkt kommt genau richtig in einer Zeit, in der Männer das Hantieren mit teuren und technisch optimierten Küchengeräten für sich entdecken. Es gibt jetzt passend zum neuen Babyboom Designersessel für Dreijährige, auch diesen Trend muss man wohl ernst nehmen. Und die Möbelhersteller geben sich wieder Mühe, gute Präsentationen zu zeigen. Kartell inszenierte seine Kollektion rund um Bilder des prächtigen Mailänder Doms, Rolf Benz und Ligne Roset bauten riesige Wohnszenarien auf, und ein kleines Label wie E 15 präsentiert Neuheiten wie Kunstwerke. Das Selbstbewusstsein ist unübersehbar zurückgekehrt.

Geblieben ist dennoch etwas von der Krise: Der "moderne Nomade" hat als Konzept ausgedient, Möbel als Äußerungen des Zeitgeistes sind vorläufig passé. Die beiden Leitgedanken sind Klassik und Nachhaltigkeit. Firmen wie Classicon verkaufen auch neue Möbel von Konstantin Grcic als zukünftige Klassiker, überall sind Sockel und Vitrinen zu sehen, und E 15 zeigt die einzelnen Bestandteile zu Stefan Diez‘ Sessel "Eugen", als wären sie bei einer Ausgrabung in Troja entdeckt worden. Aber selbst was klassisch unwandelbar ist, muss recyclefähig sein. Bis zu 80 Prozent ihrer Möbelstücke sei abbaubar, sagt zum Beispiel die Firma Cassina. So lautet die Botschaft dann etwas widersprüchlich: Unsere Möbel halten ewig, können aber auch weggeworfen werden. Es scheint, als wäre das Design plötzlich von der Angst erfasst worden, der Welt zu sehr zur Last zu fallen. Zumal sich über Recycling vor allem die Kollegen mit den blauen Tüten Gedanken machen sollten, deren Möbel eher fünf Jahre halten als 50.

Wer neben der Messe noch Zeit für das Off-Programm "Passagen" hat, wird in diesem Jahr heftig enttäuscht: Im Belgischen Viertel, wo man vor fünf Jahren noch auf Entdeckungen stieß, hat die Routine gesiegt. Es gibt hier gute Hersteller, zum Beispiel die Hamburger Firma Wohnkultur 66, die Möbel des dänischen Klassikers Finn Juhl vertreibt; aber jegliche Überraschung sucht man vergeblich. Wer neue Ideen, und seien es nur die so genannten witzigen Ideen, sehen möchte, geht am besten ins Viertel Ehrenfeld. Dort findet sich in einem ehemals von 4711 genutzten Gebäude die "Designers Fair", eine Minimesse, die sich in den letzten Jahren in der ehemaligen Bahndirektion am Rhein etabliert hatte und jetzt den Ort gewechselt hat. Auch hier ist vieles gängiger Szenekitsch, und uralte Probleme der Menschheit – Sitzen, Essen, Liegen – werden zum tausendsten Mal auf "originelle" Weise gelöst. Aber es sind doch einige lohnenswerte Stücke dabei, vor allem in der Ausstellung "Wahlverwandtschaft", wo sich junge Designer, die in den Niederlanden studieren, mit schönen Einfällen präsentieren. Als Beispiel sei Yuya Ushida genannt, die dem klassischen Konzertpianisten endlich seine Rückenschmerzen nimmt. Ihr Klavierhocker ist gestaltet wie alle anderen auch, schwarzer Lack, roter Samt. Nur mit einem Unterschied: Er hat eine Rückenlehne! So gibt es eben doch noch alte Probleme, für die das moderne Design endlich eine Lösung gefunden hat.

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1 Leserkommentar vorhanden

Pieter Brenner

13:59

28 / 03 / 11 // 

sugarchair

Die einzige wirkliche Innovation zum Thema Möbel ist immer noch das hier: http://www.zuckerstuhl.de/ Herzlichst Ihr Pieter Brenner

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