Vinyl

Paris

Vinyl – Kunst von der Platte
Pop wird Kunst: "Vinyl" – die Pariser Ausstellung für alle Musiknerds und Plattencover-Enthusiasten (Foto: Maison Rouge)

VINYL – KUNST VON DER PLATTE

Das Pariser Sammlermuseum La Maison Rouge zeigt eine Ausstellung für Liebhaber: "Vinyl" feiert das Artwork legendärer Langspielplatten von Peter Blake, Gerhard Richter bis Damien Hirst
// HEINZ PETER SCHWERFEL, PARIS

Die Langspielplatte ist zurück. In den Diskotheken kommt die Tanzmusik wieder aus Rillen, Diskjockeys legen wieder auf, in Fachgeschäften blinken wieder Thorens, Marantz und Scott im Schaufenster, und auch ich habe meinen in Irland gebauten, 1972 erworbenen gläsernen Transsciptor restaurieren lassen, um Miles Davis, Neil Young und Frank Zappa vom analogen Tonträger zu hören.

Für den Preis der Instandsetzung hätte ich acht neue CD-Player kaufen können, aber was heißt das schon ? Das Bekenntnis zum Vinyl ist nicht Nostalgie, sondern Religion. Miles' Trompete klingt analog eben viel weicher und wärmer als im digitalen Schallraum, Young’s Stimme hat mehr als genug Höhen, und bei Zappa hat ein Zuviel an Dynamik schon von den Texten abgelenkt. Vor allem aber: Die LP liegt einfach anders in der Hand als die CD. Sie hat das Gewicht und die Präsenz unserer jungen Jahre – dank ihrer Plattenhülle.

"Artwork" nannte man früher grafische Entwürfe für die Plattencover, und um das Artwork legendärer Langspielplatten geht es auch in der Ausstellung "Vinyl" des Pariser Sammlermuseums La Maison Rouge. Aber eben nicht nur. Zwar werden rund 800 von Künstlern gestaltete Plattenhüllen gezeigt, von Peter Blake’s legendärer Collage für "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" bis zu Gerhard Richters Kerzenbild auf einer Scheibe der Sonic Youth oder Damien Hirsts Pillen beim ehemaligen Eurythmics-Sänger David Stewart. Doch geht es auch um Platten mit Musik, Klangkunst, Gedichten oder einfach Krach von bildenden Künstlern, von Joseph Beuys’ Litanei "Ja Ja Ja Nee Nee Nee" über das Zürich-Konzert aus dem Jahr 1986 von Pianist Markus Lüpertz bis zu Rodney Grahams eigener Rockband.

Der in London geborene ehemalige Galerist und Verleger Guy Schraenen hat persönlich dafür gesorgt, dass die Leidenschaft, mit der er über 1200 Schallplatten zusammengetragen hat, sich auch dem Pariser Publikum mitteilt. Schraenen hat u.a. für das Neue Weserburg-Museum in Bremen, das Museum für Zeitgenössische Kunst in Barcelona oder das Reina Sofía in Madrid Tonsammlungen aufgebaut, und auch in Paris gibt es Klangräume für die Poeten, Entwürfe und Grafiken, Kontaktabzüge von manchen Musikerporträts und eine komplexe Hörstation, wo man per Kopfhörer die zum Plattencover passenden Töne abrufen kann. Und es gibt Überraschungen: Gleich zu Anfang der Ausstellung wird man von Raritäten begrüßt, von Fernand Léger und Josef Albers bis Yves Klein, zu dessen Cover eine natürlich Klein-blaue Tonscheibe gehört. Mapplethorpes Porträt von Patti Smith für "Horses" kennt jeder, Jiri Georg Dokoupils Cover für sein "Wirtschaftswunder" ist da schon rarer, ganz zu schweigen von einer spiegelsilbernen Plattenhülle, die Arte-Povera-Künstler Michelangelo Pistoletto mit Trompete zeigt – auf das Anhören habe ich allerdings als ehemaliger Trompeter lieber verzichtet.

Der Besucher braucht Zeit, Neugierde und Enthusiasmus

"Vinyl" ist eine Ausstellung für Liebhaber – es lohnt nicht, an einer ganzen Wand von Fotoübermalungen für Gemeinschaftsplatten von Dieter Roth und seinen Freunden Arnulf Rainer oder Günter Brus oder an einem Raum mit Tonträgern und Videos von Fluxus-Performances vorbeizutraben, wenn man nicht ein Minimum an Grundwissen jener Epochen im Gepäck mitbringt. Die 1904 von der Firma Odeon erfundene, beidseitig bespielbare Schallplatte, anfangs aus Schellack, später aus Vinyl, ist eine auch aus der Kunstgeschichte nicht wegzudenkende Tonkonserve, die Poesielesungen der Beatnik-Dichter ebenso zu verewigen wusste wie Marcel Duchamps Komposition "Erratum Musicae" von 1913. Um Konserven wie Maurizio Kagels "Die Erschöpfung der Welt" oder die insgesamt sieben gesammelten Freejazz-Scheiben von A. R. Penck und seiner Band ertragen, verstehen und vielleicht sogar genießen zu können, braucht es vom Besucher ein Minimum an Zeit, Neugierde und Enthusiasmus.

Das gilt nicht unbedingt für die Pop-Jahre, als die Zusammenarbeit von Musikern und Künstlern alltäglich und dem Klischee des "Artwork" am nächsten war. Andy Warhol entwarf Cover für Velvet Underground und die Rolling Stones, Roy Lichtenstein für Bobby "O" und Keith Haring für Malcolm McLaren. Der Raum mit Pop-Covern ist der populärste, aber auch simpelste der Pariser Ausstellung. Viel spannender wird es da, wo Bild und Ton sich zum genreübergreifenden Kunstwerk überlappen, Jean Dubuffet zum verschmitzten Holzbläser und Martin Kippenberger zum basslastigen Crooner wird. Hier zeigt sich, dass "Vinyl" wirklich Glaubenssache ist.

"Vinyl, Disques et Pochettes d'Artistes"

Termin: bis 16. Mai, La Maison Rouge, Paris. Mittwoch bis Sonntag 11 bis 19 Uhr

http://www.lamaisonrouge.org

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