Mailänder Möbelmesse

Designtrends

Ironie und eine neue Bodenständigkeit
Viele Designer reagieren auf die schlechten Zeiten mit konzeptuellen Entwürfen – gern mit einem Schuss Ironie. Blick in die Halle der Mailänder Möbelmesse 2009 (Foto: Saverio Lombardi Vallauri)

IRONIE UND EINE NEUE BODENSTÄNDIGKEIT

Vom 22. bis 27. April traf sich die Designwelt in Mailand zum Salone di Mobile. Die große Frage 2009: Wie muß sich die Möbelindustrie ändern, um in einer sich verändernden Welt zu überleben?
// DOROTHEA SUNDERGELD, MAILAND

Von Krise war erst einmal wenig zu spüren: Die Metro zum Messegelände Rho-Fiera war vollgestopft wie jedes Jahr, Luxuslabels sponserten opulente Events, die Zahl der Ausstellungen im Kreativ-Viertel Zona Tortona war wieder einmal größer als im Vorjahr. Vielleicht waren hier und da Messestände etwas kleiner und bei manchem Cocktailempfang wurden die Drinks sparsamer ausgeschenkt als sonst.

Aber vor allem in den Gesprächen war die Wirtschaftskrise präsent. Giulio Cappellini, Chef des Möbelunternehmens Cappellini, brachte es auf den Punkt: "Der Käufer wird mehr auf ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis achten. Er wird einfache Dinge mit "lauten Design-Produkten mixen", sagte er in der Zeitschrift Domus. Und David Begg, Geschäftsführer bei Tom Dixon, ist sicher: "Die leichtsinnigen, spontanen Impulskäufe sind das erste, worauf die Leute verzichten."

Viele Designer reagieren auf die schlechten Zeiten mit konzeptuellen Entwürfen, gern mit einem Schuss Ironie. Allen voran die Schwedinnen von Front Design. Für Moroso entwarfen sie die "Moment Collection" – illusionistische Stücke, die auf den ersten Blick eine Materialität suggerieren, die sich erst beim Nähern, Berühren, Hinsetzen auflöst. Eine Holzbank stellt sich als weiches Polster heraus, ein salopper Satinüberwurf entpuppt sich als Fotodruck auf Textil, die Falten im Teppich sind gewebt. Für Moooi stellten sie eine Delfter Vase in den digitalen Windkanal, für Skitsch entwarfen sie ein Regal mit Geheimfach und für Established & Sons gestalteten sie einen Spiegel, illustriert wie das Comicbild eines Spiegels.

"Obacht! Möbel am Rande der Verkäuflichkeit"

Designstar Marcel Wanders stellte bei Moooi eine Blumenvase in Form eines Sparschweins vor – samt goldenem Hammer und dem unsäglichen Namen "the killing of the piggy bank". Studenten des Londoner Royal College of Art nannten ihre Ausstellung "Crisis Shop. Sold Out!" und zeigten Plastikgriffe, mit denen man Wegwerfbecher zu Weingläsern upgraden kann oder extragroße Schuhe, die verhindern sollen, dass man überrannt wird. Der Allgäuer Nils Holger Moormann kam mit zwölf neuen Produkten nach Mailand, nannte sie selbstironisch "Our best nonseller collection 2009" und warnt im Katalog: "Obacht! Möbel am Rande der Verkäuflichkeit."

Wer der Situation nicht mit Sarkasmus begegnet, tut es mit einer neuen Bodenständigkeit. Jeder weiß: Die Leute werden weniger Geld ausgeben als früher. Und wenn sie etwas kaufen, so die allgemeine Hoffnung, dann bewusster. Viele Hersteller setzen daher auf alte Werte, Nachhaltigkeit und Ethik. Tom Dixon nannte seine neue Kollektion "Utility" und setzt auf die Tugenden Langlebigkeit, Robustheit, Ehrlichkeit. Die Materialien seiner neuen Lampen und Tische sind Stein, Email, Industrieglas. Die Entwürfe ziehen einem nicht unbedingt die Schuhe aus, aber es scheint nachvollziehbar, dass Leute sich in schlechten Zeiten lieber für einen robusten Klassiker als für eine fragile Modeerscheinung entscheiden.

Hersteller setzen auf Nachhaltigkeit und Ethik

Die finnische Firma Artek schrieb in großen Lettern an ihren Messestand "one chair is enough" und präsentierte einen Modul-Stuhl von Shigeru Ban. Bis zu 10 L-förmige Elemente können zusammengesteckt werden zu verschiedenen Sitzgelegenheiten – hergestellt in Finnland aus einem umweltschonenden Holz-Kunststoff-Komposit, das zu mindestens 50 Prozent aus Altpapier besteht. Normann Copenhagen, bekannt für poppiges Kunststoffdesign, setzt in diesem Jahr auf heimische, dänische Wertarbeit und stellte "Camping" vor, eine schlichte, schöne Kollektion von Sesseln und Liegen mit Birkenholzrahmen, bespannt mit naturbelassenem robusten Leder.

Und auch Design Miami-Gründerin Ambra Medda setzt ganz auf goldenes Handwerk. Sie konzipierte zusammen mit Fendi die Show "Craft Punk", eine Performance von jungen, internationalen Designtalenten, die in einer 750 Quadratmeter großen Halle Sessel aus Gartenschläuchen strickten, Keramik mit Chemikalien verfärbten und Polster aus Papier falteten. Punk war daran nicht viel – außer vielleicht die Fähigkeit der Designer, mit einem winzigen Budget und gegen jede wirtschaftliche Perspektive wunderschöne Dinge zu produzieren. Ein Messehighlight, das weder besonders ironisch oder bodenständig war, sondern einfach nur Spaß macht: die Diesel Home Collection. Das Modelabel tat sich mit Moroso und Foscarini zusammen und präsentierte eine vom Rock’n’Roll inspirierte Kollektion von Möbeln und Lampen.

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