Roland Nachtigäller

Interview

"Spannende Peripherie"
Marta Herford Eröffnung der Ausstellung "Nullpunkt" und Royden Rabinowitch. Ansicht: Buchfelder & Sonntag "Urban inversion b" (Foto: Hans Schröder, Marta Herford gGmbH)

"SPANNENDE PERIPHERIE"

"Nullpunkt. Nieuwe German Gestaltung" ist die Debütausstellung von Roland Nachtigäller, dem Nachfolger von Jan Hoet und neuen Direktor des Museums Marta Herford. Ein Gespräch über typisch deutsches Design, neue Herausforderungen – und Kunst an der Peripherie.
// MARIE-HÉLÈNE VON MONTGELAS

Herr Nachtigäller, Sie haben einmal gesagt, dass es "typisches deutsches Design" nicht mehr gibt. Haben Sie deshalb den belgischen Künstler Max Borka für die Ausstellung "Nullpunkt" auf eine Entdeckungsreise durch die deutsche Designszene geschickt?

Der einzig vernünftige Weg ist, eine solche Ausstellung mit einem Kurator zu machen, der von außerhalb kommt und der auch den Blick eines Außenstehenden hat. Im Grunde ist diese Ausgangsthese aus einer Diskussion heraus entstanden. Es war dann der Wunsch und die Idee von Max Borka, sich auf diese Deutschlandreise zu begeben, Studios aufzusuchen, Interviews zu führen und so eine Art Bilanz zu ziehen.

Welche Veränderungen fanden in der deutschen Designszene nun statt – und was hat früher vielleicht einmal "typisch deutsches" Design ausgemacht?

Das versucht diese Ausstellung in Thesen zu vermitteln und auch streitbar zu präsentieren. Es geht zum einen darum, dass sich Design in Deutschland eigentlich sehr lange damit beschäftigt hat, dass Deutschland der Ursprung, der Standard oder die Normierung ist. Die deutsche Industrienorm könnte hier als Bewegung genannt werden. Wir haben eine Sammlung, von der wir einen kleinen Ausschnitt an Standard- und Normprodukten aus den frühen Jahren zeigen, die aus dem Berliner Museum der Dinge kommen. Die Ausstellung soll deutlich machen, dass der Gedanke der Standardisierung, der letztendlich auch mit der Tradition des Bauhauses verbunden ist, sehr fest im hiesigen Bewusstsein verankert ist. In der jungen Designszene, die wir hier in der Ausstellung "Nullpunkt" versammelt haben, kann man sehen, dass die Auseinandersetzung und das Abarbeiten an dieser Tradition immer noch eine Rolle spielt. Man unterdrückt oder verleugnet das Thema nicht, sondern man arbeitet sich entlang und versucht durch Brechung und Überwindungsstrategien sich jenseits der Standardisierung zu bewegen.

Was ist das Ziel ihrer Debütausstellung, die den Auftakt für eine Reihe nachfolgender Designausstellungen darstellt?

Das Ziel ist eine andere, eine argumentierende Art der Designausstellung zu präsentieren. Sie soll nicht zur Leistungsschau des Designs werden, bei der man zeigt was gerade "state of the art" ist. Wir versuchen, eine These in der Designwelt so zu verfolgen, dass man in eine Diskussion und somit in eine Auseinandersetzung kommt. Im Bezug auf das Design in Deutschland ist es ein Versuch darzustellen, dass die Designszene heute sehr stark von Multikulturalität geprägt ist. Berlin, zum Beispiel, als eine der großen Produktionsorte aktuellen Designs, dient nicht nur jungen, innovativen, aufbruchswilligen deutschen Designern als Zentrum, sondern auch Designer die teilweise andere nationale Wurzeln haben, sich aber einmischen und mitpräsentieren. Sie entwickeln teilweise jedoch eine ganz andere Perspektive. "Nullpunkt" kann man sehr schön vorführen, dass es nicht mehr nur um deutsches Design geht, sondern nur noch um Design in Deutschland, der Art und Weise, wie hier gerade gedacht und produziert wird.

Sie treten die Nachfolge des legendären Gründungsdirektors Jan Hoet an, der Marta Herford innerhalb von fünf Jahren in die Topliga katapultierte. Fühlen Sie sich der großen Herausforderung gewachsen?

Sonst hätte ich diese Position nicht angenommen. (lacht) Das ist eine Frage, die mir schon sehr häufig gestellt worden ist, und letztendlich geht es darum, sich damit immer wieder neu auseinanderzusetzen. Es ist ein großes Erbe und natürlich bereits eine wunderbare Basisarbeit geleistet worden. Das Haus wurde im öffentlichen Bewusstsein, nicht nur lokal, sondern auch überregional und international, verankert. Wir werden den Geist und letztendlich auch die Inhalte so weiterführen, dass sich dies mit Sicherheit fortsetzt und vielleicht auch ausbaut.

Welche Ziele haben Sie sich für die kommenden fünf Jahre gesetzt?

Es geht darum, deutlich zu machen, dass die Peripherie und damit auch der Standort Herford und das Haus Marta Herford mindestens genauso spannend ist, wie die großen Metropolen. Es soll deutlich gemacht werden, dass es möglich ist, an solchen Orten wie dem Marta Herford, Plattformen für Auseinandersetzungen zu schaffen, die lebendig und aktiv sind, die sich in eine wichtige aktuelle Diskussion einmischen, und die bestimmte Dinge möglicherweise auch etwas anders anpacken, als man das von größeren Häusern erwarten würde. Dieses Neugierigkeitspotenzial, das die Menschen dazu verführt Herford zu besuchen, sollten wir weiter Aufrecht erhalten.

Ist das Programm oder das Marketing ein entscheidender Faktor, um Besucher in die Provinz zu locken?

Ich bin da ein traditioneller Vertreter. Ich glaube, man muss mit seinen Inhalten punkten und versuchen, diese vor sich herzutragen. Aber natürlich kann man heute nicht mehr nur gute Arbeit machen und denken, der Rest ergibt sich von selber. Eine gute Pressearbeit, eine gute Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit, letztendlich auch eine Fundierung solcher Institutionen im lokalen und nationalen Kontext ist natürlich eine wichtige Voraussetzung, die auch bedacht werden muss.

Welche weiteren Ausstellungen planen Sie – und welche kuratorischen Schwerpunkte setzen Sie dabei?

Der Ausgangspunkt für die Ausstellungstätigkeit hier im Haus ist und bleibt die zeitgenössische Kunst. Von hier aus werden wir immer wieder einmal, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, die Randbereiche zum Design und zur Architektur ausloten. Dies sieht man jetzt auch bei der "Nullpunkt"- Ausstellung. Wir sind fast nur mit einer künstlerischen Fragestellung an das Thema Design herangegangen. Ansonsten werden wir als nächstes eine Ausstellung mit Dennis Oppenheim und Paolo Chiasera zeigen. Im Grunde sind dies zwei Ausstellungen, die aber sehr eng miteinander verknüpft sind, fast ein kooperatives Projekt sind. Und im Sommer werden wir dann einen zweiten Blick auf die noch junge, aber sehr interessante Sammlung des Marta Herford gewähren.

"Nullpunkt. Nieuwe German Gestaltung"

Termin: bis 19. April, Marta Herford

http://www.martaherford.de

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1 Leserkommentar vorhanden

Raquel Sarangello

11:27

12 / 04 / 09 // 

sarangello@hotmail.com

Fantastic http://blogs.clarin.com/diseno-y-arte/posts

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