25 / 11 / 2008
Tokujin Yoshioka
Junges Design
ARBEIT AN DER LEICHTIGKEIT
Nein. Dass Tokujin Yoshioka ein großer Naturliebhaber ist, auf diese Idee würde man nicht ohne weiteres verfallen. Immerhin strahlen die Objekte und Interieurs des japanischen Shootingstar eine fast schon überirdische Künstlichkeit aus.
Artifiziell wirken die nuancenreich mit dem Licht spielenden, meist transparenten oder schneeweißen Oberflächen seiner Möbel. Synthetisch sind viele der Materialien wie das von ihm als revolutionär begriffene Fiberglas. Aufsehen erregte Yoshioka 2007 auf der "Design Miami", wo er einige seiner originellsten Sessel in einen regelrechten Wirbelsturm von Röhrchen versetzte: Zwei Millionen Kunststofftrinkhalme suggerierten in der über einen Raum ausgebreiteten Installation einen "Tornado", hüllten die Sitzmöbel märchenhaft in ihrem Chaos der durcheinander gewirbelten Formen ein. Und wer die Website von Tokujin-Yoshioka-Design besucht, driftet federleicht in das Ganzheitliche seiner von Ambientklängen umspülten Zukunftsvision ab. Der 1967 geborene Japaner ist auf dem besten Weg, eine unangreifbare kristalline Parallelwelt aus Glas und Licht, aus kunstvoll gefälteltem Papier, schimmernden Metallen und durchlässigen Stoffen zu schaffen, in der die Schwerkraft zumindest imaginär an Bedeutung verliert.
In Mailand sitzen die wichtigsten Designhersteller von Tokujin Yoshioka, zu denen vor allem Driade gehört. Und dort, in einer leicht angegammelten Art–Déco–Hotellobby erklärt Yoshioka, warum er sein Designkonzept an die Gesetze der Natur angedockt sehen möchte. "Ich habe einen großen Respekt vor der Natur", sagt er mit leiser Stimme und fischt in seinem "Blackberry" nach Bildbelegen, wie er dies bislang gestalterisch eingelöst hat. Die Verschwendung von Naturressourcen möchte Yoshioka jedenfalls so gering wie möglich halten. Daher tüftelt er an umweltverträglichen Herstellungsprozessen mit synthetischen Materialien wie etwa für seinen "Pane Chair" von 2006. Dessen organische Form aus in einer Pappmatrize zusammengepressten Polyesterfasern ist tatsächlich in einem Brennofen gebacken, als handle es sich um italienischen Brotteig.
Neues Bewusstsein für die Qualität der Natur
Das Resultat ist phänomenal: "Pane Chair" vermittelt das Gefühl, auf einem Luftkissen zu sitzen. "Ich zweifle immer mehr an unserem Lebensstil, an einer Zeit, in der Waren wie wild produziert und verschlungen werden – aus schierem Heißhunger heraus", sagt Yoshioka. "Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass man innovative Dinge auch in einem neuen Bewusstsein für die Qualität der Natur hervorbringen muss."
Und so sucht Tokujin Yoshioka in seiner fast schon romantisch versponnenen Designmission nach dem Klaren, Reinen, Jungfräulichen, wie es die Natur etwa in Form von Quellwasser, Bergkristallen oder Gletschern vorstellt. 2003 hat er als Teil eines Designprojekts einen gläsernen Stuhl in den Hochhausschluchten des neuen Tokioter Amüsierviertels Roppongi Hills als öffentliches Sitzmöbel platziert. Mit dem Titel "Chair that disappears in the rain" ist nicht zu viel versprochen. Tatsächlich verliert der wie von Wasserschlieren überzogene Stuhl aus Spezialglas bei Regen seine Sichtbarkeit.
Yoshioka bringt sogar Raumgrenzen zum Schwinden, indem er die lichtmagisch aufgeladene Ästhetik transparenter Minimalformen auf ganze Interieurs überträgt. Kein Wunder, dass der Glasschmuckhersteller Swarovski Gefallen an Yoshiokas futuristischen Glitzerwelten fand und sich von ihm dieses Jahr den neuen Flagshipstore in Tokio zum "Crystal Forest" ausstaffieren ließ: Hat man erst einmal den imposanten Eingang mit einem Stalaktitenvorhang aus verspiegelten Sechskantedelstahlstäben hinter sich gelassen, wachsen und perlen, flirren und regnen einem die Kaskaden von Glaskörpern nur so entgegen – gläserne Tränen inklusive.
25 / 11 / 2008
