Carol Christian Poell
Junges Design
MIT HAUT UND HAAREN
Früher, als Carol Christian Poell noch zu Modemessen oder den entsprechenden Partys ging, konnte es vorkommen, dass er entgeistert stehen blieb. "Eine Frechheit", dachte er dann, "der Typ trägt meine Jacke." Nicht, dass der Typ nicht jedes Recht dazu gehabt hätte. Schließlich hatte er für die Jacke im Laden ein Heidengeld bezahlt. Trotzdem war Poell erbost: "Ich kenne diese Person doch gar nicht", dachte der Modemacher dann immer und fühlte sich, als habe ihm jemand ein sorgsam geflicktes Lieblingsteil weggenommen.
Mittlerweile hat Poell sich damit abgefunden, seine Kleidung sogar im Fernsehen oder in der Klatschpresse zu finden. Musiker wie Seal, Michael Stipe oder Lenny Kravitz tragen CCP-Kreationen, und auch der Assistent von Brad Pitt rief schon an, ob man mal etwas sehen könne. Doch bei Carol Christian Poell gibt es keinen VIP-Service. Wer etwas kaufen will, soll dies im Laden tun, zu verschenken hat der gebürtige Linzer nichts. Als die Rolling Stones nachfragten, ob er sie nicht einkleiden wolle, sagte er nein: "Ich staffiere doch keine alternden Rockstars aus."
Die Zeiten, in denen Carol Christian Poell noch so etwas wie Mode im herkömmlichen Sinne herstellte und sich an die Regeln des Marktes hielt, sind seit zirka fünf Jahren vorbei. Dabei lief es gerade so gut, Modehäuser winkten mit Angeboten, eine Karriere im großen Stil war zum Greifen nah. Er sei der ewige Geheimtipp schrieb die Zeitschrift "GQ", "seine Sachen sind großartig", lobte die britische Modepäpstin Suzy Menkes, und das Museum für angewandte Kunst in Wien begann, CCP-Entwürfe in einem virtuellen Archiv zu katalogisieren.
Mit silbernem Schneidezahn und Strickkäppi
Selbst Karl Lagerfeld tönte: "Ein wunderbarer Mann. Ich habe mir viele Sachen von ihm gekauft." Schon damals hatte Poell, dessen Großvater bereits im Lederhandwerk tätig war, einen Hang zum Skurrilen, fixierte etwa Nähte mit Klebeband statt mit Garn, bearbeitete Pferdehaut so lange, bis sie durchsichtig war, und färbte Leder mit Ochsenblut, um genommenes "Leben zurückzugeben". Mit traditionellen Catwalk-Shows hatte der Modedesigner, der in Graz, Wien und Mailand studiert hat, wo er bis heute lebt, und 1994 eher zufällig seine erste Herrenkollektion entwickelt hat, noch nie viel am Hut. Seine extrem schmal und lang geschnittenen Sakkos, Hosen und Hemden zeigte er wahlweise hinter den Gitterstäben eines Hundezwingers oder im Schlachthaus neben enthäutetem Vieh.
Sein spektakulärster Coup fand im Juni 2003 statt, als er zu einer Fashionshow mit dem anspielungsreichen Titel "mainstream-downstream" an einen Mailänder Kanal lud. "Nirgendwo sah man einen Laufsteg. Es gab keine schwarz gekleideten Assistenten, kein in Headsets sprechendes Security-Personal und keine Sitzmöglichkeiten", wunderte sich damals die Kritikerin des "New Yorker". Statt dessen schwamm irgendwann ein Paar roter Stiefel vorbei, gefolgt von Models, die in CCP-Kleidung auf dem Rücken trieben. Sie sahen aus wie Wasserleichen. Die Reaktionen reichten von euphorisch bis angewidert. Seither habe er sich mehr und mehr aus dem Business zurückgezogen, erzählt der Designer, dessen silberner Schneidezahn und ein Strickkäppi die einzigen optischen Details sind, die einen gewissen Hang zur Exzentrik verraten. Poell kommt in Jeans und T-Shirt zur Arbeit.
