Design Festival
London
VON A WIE ASYMMETRISCH BIS W WIE WOWEREIT
"Das Festival ist ein Anlass für alle diejenigen, die glauben, dass Design Probleme lösen, Innovation bringen, Schönheit schaffen und den Geist erheben kann", sagte Festivalchef John Sorrell zur Eröffnung des 6. Londoner Design-Festivals. "All things design" lautet dann auch das diesjährige Motto, das die mehr als 128 Ausstellungen und 42 Events von Design über Kunst und Kunsthandwerk zu Architektur unter einen Hut bringen will.
Vom Brompton Design District im Westen zur Brick Lane im Osten, vom Somerset House im Zentrum bis weit in den Süden der Stadt verteilen sich die Festivalstätten. Der 176 Seiten starke Ausstellungsführer soll eine Orientierung für lokale Besucher und auswärtige Gäste schaffen – und mischt dabei die sozialen Strukturen der Stadt auf. Entgegen der üblichen klischeehaften Abhandlung vom kommerziellen und am Mainstream orientierten Zentrum, noblen aber spießigen Westen, trendigen Osten und sozial schwachen Süden, findet sich in allen Regionen eine gute Mischung etablierter Namen, internationaler Newcomer und studentischer Initiativen. Anstatt die Avantgarde und noch vielmehr sich selbst für ihre Originalität in den Himmel zu loben, gehen die Ausstellungen der Gestalter auf aktuelle Debatten rund um Design und den Festivalort London ein und behandeln soziale und politische Themen wie Nachhaltigkeit, kulturelle Migration und Integration.
Opulente Blumenbouquets und legendäre Plattencover
Neben der Royal Festival Hall am Ufer der Themse hat der britische Architekt David Adjaye für die Sektion "Size + Matter" einen Pavillon aus amerikanischem Tulpenholz geschaffen, der erstmalig dieses in seiner Materialität sehr dichte und harte Holz mit eleganter bernsteinfarbener Optik für eine Außeninstallation verwendet. Im Innern des ovalen Pavillons hat Adjaye die Holzplanken orgelpfeifenartig angeordnet, so dass eine hohe Räumlichkeit entsteht, die sich von außen zunächst nicht vermuten lässt. Das Designstück wird bis zur Frieze Art Fair Mitte Oktober neben der Royal Festival Hall stehen und öffentlich begehbar sein, bevor es bei dem Auktionshaus Phillips de Pury versteigert wird.
Das Festival startete mit sowohl exotischen als auch exzentrischen Schauen und Happenings. Zu karibischen Rhythmen wurde neben Adjayes Pavillon auf Wollfetzen getanzt, die zu einem riesigen Filzteppich gestampft wurden. Etwas weiter entfernt, im westlichen Bromptons Design District, präsentierte der Flower Council of Holland ein "botanisches Bankett", das nicht nur verlockend aussieht, sondern auch noch gut riecht. Die opulenten Blumenbouquets spiegeln die symbolische Bedeutung der Pflanzen wie Rosen und Disteln wieder und schaffen eine emotionale Atmosphäre. Poppiger geht es dagegen im wahrsten Sinne des Wortes in der Galerie der Universität der Künste zu: In der Ausstellung "Spin – the Art of Record Design" werden legendäre Plattencover gezeigt, die von den Alumnis der Universität gestaltet wurden. Das originale Design wird gleich mit ausgestellt, so wie die Illustration von Kate Gibb, die das Cover des Albums "Surrender" der Chemical Brothers schmückt.
Von Duschköpfen bis hin zu Ausziehsofas
Egal ob es sich um Teppiche oder Blumen, Stühle oder Vasen, Plattencover oder Internetseiten, Stadtplanung oder Landschaftsdesign handelt: Die Grauzone zwischen Architektur, Design, Kunst und Kunsthandwerk ist dicht besiedelt. Mitten in Soho liegt die Tenderpixel Gallery, die zum Festival den koreanischen Künstler Sungyeon Park und den kanadischen Maler Trevor Kiernander ausstellt. Die Installation des grünen Apfelballons mitten im Raum und die Hängung der Bilder ganz nah unter der Decke wirken fast provokant dekorativ. Generell geht es aber selten um die Frage, was gutes Design oder schlechte Kunst sei. Die alten, lästigen Debatten um Kunst und seine ungeliebte Eigenschaft zur Dekoration, Design und sein Credo zur ultimativen Funktionalität stehen hier nicht im Vordergrund. Die unterschwellige Definition von Design konzentriert sich in diesem Jahr auf das Schlagwort "Kreativität", das künstlerische Schöpfungskraft, technische Innovation, Originalität, Funktionalität und den Gedanken der Nachhaltigkeit in sich bündelt.
Die Ausstellung "100% Design" ist fest in der Tradition des Festivals verankert. Man kommt sich vor wie auf einem Bazar, denn hier gibt es von Duschköpfen bis hin zu Ausziehsofas alles, was das Herz des Inneneinrichters begehrt, um sein wertes Heim in einen trendigen Designtempel zu verwandeln. Deutlich setzt der Kreativdirektor der Ausstellung und Londoner Designer Tom Dixon auf Nachhaltigkeit und führt ökologisch sinnvolle Produkte in der neuen Sparte "100% Sustainability" ein. Ökonomisch sinnvoll schein Design meist jedoch nicht zu sein.

