Willkommen in der Volksrepublik Kassel – China organisiert in der nordhessischen Metropole seine eigene documenta, von Christian Saehrendt

Abb. Mou Baiyans gigantische Harz/Glasfaser-Plastik „Fix“ - Sinnbild des erwachenden Wirtschaftsgiganten China? Foto: Kathrin Rost, Kassel.

Kann Kunst die Welt verändern? Vor allem: Kann Kunst die Welt verbessern? Kann die Kunstszene angesichts der relativen Freiräume, die Künstler mitunter selbst in diktatorisch bzw. absolutistisch regierten Ländern haben (oder sich nehmen), ein Modell zivilgesellschaftlichen Zusammenlebens liefern? Das Bürgertum hat sich offenbar mit der modernen bildenden Kunst eine neue spirituelle Basis geschaffen, und diese Kunstreligion gilt inzwischen weltweit als Merkmal einer  transnationalen bürgerlichen Klasse. Damit einher ging der weltweite Siegeszug einer in Paris, New York oder sogar in Kassel definierten Kunst, wie Kunstkritiker-Urgestein Eduard Beaucamp anmerkte: „Wie eines Esperantos bedienen sich inzwischen Chinesen und Inder, Afrikaner und Australier der Bildsprachen, Stilhaltungen, Techniken und expansiven Strategien der europäischen Moderne, auch ohne deren spezifische Bedingungen zu kennen und ihre historischen Entwicklungen zu teilen. Sogar ein Phänomen wie die nur im Westen plausible Protest- und Antikunst, eine dezidiert kunstlose Kunst, ist zu einer konformistischen weltweiten Attitüde geworden.“ Läßt sich die These untermauern, dass die repräsentativ gelegenen und architektonisch aufwendigen Kunstmuseen nunmehr auf der ganzen Welt als Kultstätten einer bürgerlichen Vergesellschaftung zu interpretieren sind?  Theoretisch könnte die Kunstwelt im Idealfall als Ort der Begegnung dienen für Vertreter diverser moderner und konservativer Milieus, als Nukleus einer liberalen Öffentlichkeit, vielleicht gar einer pluralistischen Staatsform. Offenbar steht diese Annahme hinter der internationalen Kulturpolitik, die heute gerne politisch korrekt als "global contemporary art" bezeichnet wird.

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25 / 10 / 2012 - 23:44 Uhr - 2

Perfekte Wellness-Kur für Kunstneurotiker – eine dOCUMENTA(13)-BILANZ von Christian Saehrendt

Kunstkritiker unter sich: CS besucht Lori Waxmann in ihrer d (13)-Hütte, Fotografin: Kathrin Rost, Kassel.

Die Erfolgsgeschichte der documenta wurde mit der d (13) zweifelsfrei fortgeschrieben. Es sind wieder Hunderttausende Besucher nach Kassel gekommen, ein vergleichsweise junges und internationales Publikum. Auffällig diesmal auch der starke Glamourbefall: Brad Pitt, Karl Lagerfeld oder Kate Moss führten die Riege der Prominenten an. Politiker, stets auf der Suche nach Themen, von deren Popularität sie parasitär profitieren könnten, suchten ebenfalls die Nähe zur Kunst. Der Absatz von mehr als 10.000 Dauerkarten und über 9000 gebuchte Führungen zeigten, dass sich viele Besucher (darunter vor allem aus der Region) mehrfach und intensiv mit der Ausstellung beschäftigten. Die documenta 13 füllte ihre Rolle als Diagnoseinstrument für Zeitgeist und intellektuelle Trends aus, sie gefiel mit ihrem trendigen Themenmix aus Ökobewußtsein, Feminismus, poststrukturalistischer Philosophie, versetzt mit einem Schuss Esoterik. Wie in einem großen, gut sortierten Kaufhaus, wo für alle Geschmäcker und Preislagen etwas dabei ist, waren in Kassel sämtliche populäre Kunstgattungen, von Malerei bis Konzeptkunst präsent, Theoriegeniesser kamen mit einer umfangreichen Katalog- und Textpalette auf ihre Kosten. Summa summarum: die documenta kam als Kirchentag für eine säkulare Kunst-Ethik daher, die auch für nichtreligiöse Menschen attraktiv sein kann und zahllose Gemeinschaftserlebnisse und Mitmachaktivitäten bot. Die Vision von der heilenden Wirkung der Kunst bediente in idealer Weise die Sehnsüchte einer hochneurotischen Gesellschaft, und wirkte den Überdrusserscheinungen einer vom Burn-Out bedrohten Kunstszene entgegen. < mehr >

14 / 09 / 2012 - 17:07 Uhr - 0

Kassel Last Minute - Auf Wiedersehen dOCUMENTA

Anri Sala, Clocked Perspective, 2012, Painted aluminum and fiberglass clock, case, metal clockwork, steel pillar, Clock: 400 x 280 x 30 cm; dimensions when installed: 660 x 280 x 30 cm, Courtesy Marian Goodman Gallery, New York, Paris; Hauser & Wirth, Zurich/London/New York, Commissioned by dOCUMENTA (13) and co-produced with Marian Goodman Gallery, New York, Paris, and Hauser & Wirth, Zurich/London/New York Photo: Lewin Quel

Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören.  Ob sich die dOCUMENTA (13) an das profane Sprichwort halten wird? Diesen Donnerstag haben wir uns ein letztes Mal auf der dOCUMENTA (13) umgetrieben und einige Stationen nachgeholt. Also in letzter Minute. Diese - zum Ende jeder Ausstellung gestauchte - Besucherwarteschlangenzeit hat der Künstler Anri Sala in seinem Kunstwerk „clocked perspective“ technisch und ästhetisch kompliziert in Szene gesetzt, gut zu sehen durch ein Fernrohr der Orangerie. In einer zwar erhellenden, aber wenig unterhaltsamen Talkrunde mit Hans-Ulrich Obrist und dem Uhrwerkbauermeister Hans Siebeneicher wurde das universelle Format des Kunstwerks messbar gemacht: Das perspektivisch verzerrte Ziffernblatt macht die Diktatur der Zeit und des Raumes sichtbar und unsicher. Wie wird unsere Existenz überhaupt in ihren Dimensionen erfahrbar  und vermessen? Unter dem Niveau der Hochkulturtraumainterpretation lässt sich auf dieser dOCUMENTA (13) kein Kunstwerk erleben. Nach 97 Tagen Stationen-Schnitzeljagd und Kunst-Edutainment erlauben wir uns nun die Zeit für eine Bilanz. Dafür räumen wir viel Platz frei und übergeben das Wort an den Kritiker und Kunsthistoriker Christian Saehrendt, selbst gebürtiger Kasselaner und Bestsellerautor, der jüngst mit seinem Buch „Kassel. Ist das Kunst oder kann das weg? Documenta-Geschichten, Märchen und Mythen“ das Ausstellungswesen seiner Heimatstadt pointenreich nacherzählt hat.

14 / 09 / 2012 - 16:45 Uhr - 0

Kunstkritik nur im Notfall? Ein kreativer Protest

Photo: Thierry Geoffroy / José Luis Bongore

Unter dem Aspekt der Notfallkritik hat sich zur Eröffnung des Sommerlochs der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe ein Podium zur Diskussion aktueller Kunst eingefunden. Im Zentrum der Debatte standen ausgewählte Bilder und dazugehörende Statements der Studierenden, die sich mit den beiden Ausstellungen Berlin Biennale 07 und dOCUMENTA (13) beschäftigten. Die Kunstkritik, die Thema und Gegenstand eines vorangehenden Seminar im Fachbereich Kunstwissenschaft gewesen ist, hatte in der Runde ihre Argumente zu finden, um beide Ausstellungen zu beurteilen. Um es vorweg zu sagen: Die dOCUMENTA (13) kam dabei besser weg, doch braucht es offenbar die Negativfolie der BB07, um den ästhetischen Widerstreit erfahrbar zu machen. Mehr dazu im Video (siehe unten). Zu guter Letzt kommt die Kritik aus den eigenen Reihen, wenn wir ernüchtert feststellen müssen, dass die Kunst – so formuliert es der Künstler Thierry Geoffroy – im Notfall immer zu spät kommt: „The Contemporary is always too late“ oder „Emergency will replace the contemporary“. In Kassel wurde dieser kreative Protest nun zensiert. < mehr >

21 / 07 / 2012 - 19:44 Uhr - 10

Freiluftphilosophie mit G.J. Lischka

Der Medienphilosoph G.J. Lischka, Professor der Hochschule der Künste Bern, arbeitet in rousseauscher Tradition unter freiem Himmel und greift gerade nach der Quantenphysik. Foto: Baden

Jean-Jacques Rousseau hätte seine Freude gehabt, dürfte er mit durch den Parcours spazieren, den die Kulturkommission der Gemeinde Steffisburg im Berner Oberland eingerichtet hat. Inmitten blühender Landschaft und vor der Kulisse der ältesten Pyramide der Welt, dem Niesen, säumen zwölf ausgediente Schiffscontainer den Feldweg. In ihnen sind nun Kunstwerke installiert, die im Rahmen des Projektes „art container Steffisburg“ vor Ort geschaffen wurden. Einmal mehr punktet die ohnehin dichte Schweizer Kulturlandschaft mit einer cleveren Idee und bringt die schöne Kunst zum guten Wetter. Zwar sind die meisten der teilnehmenden Künstler eher regionale Größen, doch es gibt auch hier attraktive Werke zu sehen. Gelungen erscheinen deshalb jene Installationen, die eine Öffnung zulassen und dem Publikum nicht noch die drückende Hitze eines Darkrooms zumuten. < mehr >

01 / 07 / 2012 - 0:22 Uhr - 0

dOCUMENTA (13) – Eine Kunstfahrschule?

Fahrschule für Frauen in Kabul, Autor: Jürgen Osterhage ARD, Foto: Screenshot Baden

Die dOCUMENTA (13) widmet sich in Kassel der „künstlerischen Forschung und Formen von Imagination, Engagement, Materie, Dingen, Verkörperung und tätigem Leben.“ So lautet die Ansage auf vielen Publikationen der Ausstellung und wer diese besucht, wird eingeführt in ein neues Verkehrssystem der Kunst, wo zwischen Naturkunde, Hundedressur, Hypnose, politischem Aktivismus und Erinnerungskultur auch die Ingenieurskunst ihren Platz hat. Das ist eine schöne Überraschung, weil einmal nicht die ewige Institutionskritik geübt wird, sondern eine vielseitige Offenheit herrscht, wo ein jeder sein liebstes Kunstwerk finden wird.
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24 / 06 / 2012 - 11:43 Uhr - 3

GHOSTARBEITER - Klaus Theweleit zum 70.

Abb. Gustav Kluge, Wo sind hier die Farben der Filme, 2003 (detail), Öl auf Leinwand, 230 x 145 cm, Foto: Jens Ziehe

Wer kennt sie nicht, die "Männerfantasien", "Friendly Fire - Deadlinetexte", das "Buch der Könige" oder "Pocahontas"?  Viele Jahre hat Klaus Theweleit als Professor für Kunsttheorie an der Kunstakademie in Karlsruhe gelehrt und man wusste, der Donnerstag Nachmittag, der wurde lang - bis in den Abend. Und der Vortragssaal inhalierte die Intensität des Diskurses, den Klaus Theweleit durch die Werke von Andy Warhol, Jean-Luc Godard, Alfred Hitchcock, Robert Crumb und Walt Disney peitschte. Es waren fantastische, exzessive Sitzungen, wo wirklich nicht jeder mithalten konnte. Die Happy Few, die der Vorlesung mit Hartnäckigkeit folgten, danken es dem "Ghostarbeiter" Klaus Theweleit, der die Augen, Ohren und Gehirne der Kunststudenten für so viele Untiefen der Kulturgeschichte begeistern konnte. Deshalb, ein großes MERCI und herzliche Einladung zum Return of the Surreal in der kommenden Tagung über technische und okkulte Medien.

Tagung zum 70. Geburtstag von

Prof. em. Dr. Klaus Theweleit

Ghostarbeiter: Über technische und okkulte Medien

21. und 22. Juni 2012

Do. 15 bis 19.30 Uhr

Fr. 10 bis 17 Uhr

Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Vortragssaal, Reinhold-Frank-Str. 81

Eintritt frei < mehr >

18 / 06 / 2012 - 9:37 Uhr - 0

Agustín González, "Kein Geld", 2010, Öl auf Leinwand, 100 x 200 cm

Deutschland - (S)teuerland? - Die meisten freischaffenden KünstlerInnen sind mit dem Paragraphen der Kleinuntehmerregelung oder Hartz IV besser vertraut als mit ihrer Steuererklärung. Dass Deutschland im Gegensatz zu Mexico auf dem Gebiet der Kunstabgaben international eher zur kreativen Peripherie ("Schlusslicht") zählt, hat ein kürzlich erschienener Beitrag ("Malen statt Zahlen") auf der ARD-Webseite wieder gezeigt. < mehr >

25 / 04 / 2012 - 8:26 Uhr - 0

Die radikale Absenz des Ronny Läpplinger bis zur dOCUMENTA (13)

Der Autor Christian Saehrendt

Der erste, tragikomische Roman des Kunsthistorikers Dr. phil.Christian Saehrendt verhandelt ein ewig aktuelles Problemfeld des künstlerischen Schaffens: Die Frage nach Erfolg und Scheitern, nach Glück und Unglück im Künstlerdasein. In scheinbar authentisch autobiografischer Tagebuchform wird erzählt, wie ein Künstler aus der süddeutschen Provinz, der nach hoffnungsvollem Beginn im internationalen Kunstbetrieb keine Anerkennung mehr findet, den Provinzalltag in einer Mischung aus Verzweiflung und Galgenhumor auszuhalten gezwungen ist, bis er mutig aus seiner Identitätskrise ausbricht und sich auf eigene Faust aufmacht, um auf der dOCUMENTA 13 sein Comeback zu feiern. Der Roman, der teilweise in der nahen Zukunft spielt, bietet einen Vorgeschmack auf die Kollateralereignisse der dOCUMENTA 13, die uns dieses Jahr in Kassel wie gewohnt erwarten.

Lesung aus dem Roman
«Die radikale Absenz des Ronny Läpplinger»

von Christian Saehrendt

Eine Kooperation der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe mit der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und dem Adam Seide Archiv

Selbstbildnis Ronny Läpplinger mit Sohn, Öl auf Leinwand, 2011.

Dienstag, 07. Februar 2012
20:00
ZKM Vortragsaal
Eintritt: frei
Moderation: Sebastian Baden (Kunstwissenschaft, HfG Karlsruhe)

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01 / 02 / 2012 - 23:28 Uhr - 0

Christian Ertel: WHITEOUT

Christian Ertel, WHITEOUT, 2012, courtesy FGS Karlsruhe

Zum Karlsruher Galerienrundgang wurden wir eingeladen, für die von Martin Mertens neu eingerichteten Ausstellungsräume MM Projects eine Einzelausstellung aus dem FGS-Programm zu kuratieren. Die Wahl fiel auf Christian Ertel. Zu seiner Ausstellung WHITEOUT erscheint frisch der neue Katalog des Künstlers. Das verspricht Spannung und ausgefallenes Artwork.

Christian Ertel
WHITEOUT
MM Projects in Zusammenarbeit mit/ in Cooperation with FGS – exhibitions
Kriegsstr. 134 | 76133 Karlsruhe, Germany | www.martinmertens.com
21. Januar – 17. März 2012
Ausstellungseröffnung und Buchvorstellung/ Opening and book launch
Freitag, 20. Januar, 18:00

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15 / 01 / 2012 - 23:05 Uhr - 1