Daniel Josefsohn

A picture a day keeps the doctor away

Daniel Josefsohn

Webseite: http://www.danieljosefsohn.com/

WARUM HEIßEN BORDELLE NICHT DEUTSCHE BANK

Daniel Josefsohns Photos und Arbeiten pendeln zwischen elaborierter Inszenierung und betonter Zufälligkeit, finden eine neue Form der Authentizität. Das herkömmliche Verständnis von Authentizität, verknüpft mit hehren Vorstellungen von Wahrheit und Wahrhaftigkeit, gilt nicht mehr. Heute wird Authentizität als soziale Konstruktion verstanden. Heute geht es in den differenzierten Lebenswelten darum, für das soziale und das emotionale Selbst eine Bühne für die öffentliche Inszenierung zu finden.

All seine Arbeiten entstehen aus der Sicht des „wir“ und „uns“. Ein Blick der uns zu eigen ist. Es ist der alltägliche Blick, der aus den Arbeiten zu uns spricht und sich uns einprägt. Im Mittelpunkt steht der Mensch: trauernd, rebellierend, hoffend, fröhlich, arbeitend oder auch neugierig. Auch wenn er auf einigen Photos abwesend scheint, zeugen Spuren von seiner Existenz und Präsenz. Die Arbeiten sind nicht melodramatisch, sondern entfalten eine Ästhetik des Alltags. Und diese Ästhetik kann man nur dann erfahren, wenn man sich den Details der Photos stellt und sie als Ausschnitt der Realität begreift.

Josefsohns Arbeiten konstatieren die Unschuld, die Verletzlichkeit und die Ahnungslosigkeit von Menschen, die ihrem eigenen Schicksal entgegentreten und vielen seiner Aufnahmen etwas Beklemmendes verleihen. Seine Bilder sind zutiefst von der Liebe zu den Menschen geprägt, von einer Humanität, die die Aggressivität des Photografierens und den Voyeurismus des Photografen widerlegt. Josefsohn ist keiner, der die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft festhält, sondern derjenige, der sie jetzt erfindet.

Seine Photos sind die Zeugnisse von Beteiligten. Alles was passiert, soll weiter so geschehen – das ist der zentrale Wunsch aller Betrachter. Die Voraussetzung für eine mögliche moralische Empörung ist, dass das Ereignis als solches auch so stattgefunden hat.
Josefsohn stellt sich mit seiner Kamera nicht über das Geschehen.
So vermitteln seine Arbeiten Einsichten, ohne damit genuin politische Absichten zu verfolgen, denn sie bleiben ganz persönliche Einsichten des Photografen. Die Motive finden ihre Bedeutung alleine durch die Wahrnehmung der Betrachter. Sie werden zu Touristen der Realität.

Als der Filmemacher Luis Buñuel einmal gefragt wurde, warum er Filme mache, antwortete er: „Um zu zeigen, dass dies nicht die beste aller Welten ist.“ Josefsohn will uns etwas viel Einfacheres zeigen: Nämlich, dass es eine andere Welt gibt.

Seine Aufnahmen sind Spuren von komplexen Lebenswelten, deren Schicksal sich in den Arbeiten entfaltet. Dafür benötigt man keinen photografietheoretischen Diskurs, man muss sich nur der Aufforderung der Bilder stellen, sie so korrekt wie möglich anschauen. Sehen im emphatischen Sinne des Wortes.

In seinen Photos sind Schicksal wie auch Geschichte unsichtbar eingeschrieben: Vergangenes als auch Zukünftiges, das nur erahnt werden kann. Der Betrachter wird zum integralen Bestandteil des Bildes, er fügt ihm erst hinzu, was diesem fehlt. „Extimität“ nannte der Psychoanalytiker Jacques Lacan diese Situation: Was man betrachtet, schaut einen bis ins Innerste an. Das ist es, was uns Josefsohn so unheimlich macht.

Je öfter man mit seinen Bildern konfrontiert wird, desto weniger real erscheint das betreffende Ereignis. Sie zeigen, dass Photografieren eine Form der Verweigerung von Erfahrung ist. Die Suche wird auf den photogenen Gegenstand beschränkt, indem man das Unverstandene in ein Abbild oder eine Trophäe verwandelt.

Bei Josefsohn wird Bewegung zu einer Strategie, die Kamera evolutioniert zum Auge in der Hand, beruhigt und gibt ihm das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Die Ohnmacht endet in einer Aufnahme.
So werden Erfahrungen, auch Extremerfahrungen der westlichen Arbeitsethik unterworfen. Das Betätigen einer Kamera dämpft die innere Unruhe und wir haben etwas zu tun, das auf angenehme Weise an Arbeit erinnert. 
In diesem Augenblick bietet Josefsohn eine Teilhabe an und stellt eine Entfremdung von unserem eigenen Leben und dem Leben anderer dar. Eine Gesellschaft, deren oberstes Ziel es ist, nichts zu Entbehren, kein Elend, Schmerz, Leid und Krankheit zu empfinden, produziert eine nicht enden wollende Neugier auf solche Ereignisse. Eine Neugier, die durch seine Photos befriedigt wird. Der entscheidende Grund für das Bedürfnis, dass alles photografiert werden kann, liegt in der Logik des Konsums selbst.
Konsumieren heißt, machen, verbrauchen, befriedigen. Und so wächst das Bedürfnis und unsere Sucht nach diesen Bildern. Diese Bilder sind da, Josefsohn macht sie jeden Tag. Augen auf – Hallo Wach.

Text by : Florian Waldvogel

Some works of Daniel Josefsohn:

Von 2010 bis 2013 Creative Director der Volksbühne Berlin

Am Leben , meine wöchentliche Foto-kolumne aus dem Zeit Magazin die 2014 mit Gold als beste Reportage bei den Lead Awards ausgezeichnet wurde ist jetzt auch als Buch im Berliner Distanz Verlag
erschienen " FUCK YES"

www.distanz.de/de/books/new-publications/detail/backPID/new-publications/products/daniel-josefsohn.html

www.kunstverein.de/ausstellungen/archiv/2010-2019/2010/20100501-josefsohn.php

www.kunstverein.de/englisch/exhibitions/past/2010-2019/2010/20100501-danieljosefsohn.php

www.hatjecantz.de/daniel-josefsohn-6260-0.html

www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2014-05/fs-josefsohn

www.zeit.de/zeit-magazin/2015/28/1995-mtv-daniel-josefsohn

www.iconoclast.tv


PS.ZWISCHEN MEINEN AUGEN UND MEINEM MOTIV KOMMT NUR EINE LEICA !!!