14 / 09 / 2012 - 17:07 Uhr

Perfekte Wellness-Kur für Kunstneurotiker – eine dOCUMENTA(13)-BILANZ von Christian Saehrendt

Baden Brothers

Kunstkritiker unter sich: CS besucht Lori Waxmann in ihrer d (13)-Hütte, Fotografin: Kathrin Rost, Kassel.

Kunstkritiker unter sich: CS besucht Lori Waxmann in ihrer d (13)-Hütte, Fotografin: Kathrin Rost, Kassel.

Die Erfolgsgeschichte der documenta wurde mit der d (13) zweifelsfrei fortgeschrieben. Es sind wieder Hunderttausende Besucher nach Kassel gekommen, ein vergleichsweise junges und internationales Publikum. Auffällig diesmal auch der starke Glamourbefall: Brad Pitt, Karl Lagerfeld oder Kate Moss führten die Riege der Prominenten an. Politiker, stets auf der Suche nach Themen, von deren Popularität sie parasitär profitieren könnten, suchten ebenfalls die Nähe zur Kunst. Der Absatz von mehr als 10.000 Dauerkarten und über 9000 gebuchte Führungen zeigten, dass sich viele Besucher (darunter vor allem aus der Region) mehrfach und intensiv mit der Ausstellung beschäftigten. Die documenta 13 füllte ihre Rolle als Diagnoseinstrument für Zeitgeist und intellektuelle Trends aus, sie gefiel mit ihrem trendigen Themenmix aus Ökobewußtsein, Feminismus, poststrukturalistischer Philosophie, versetzt mit einem Schuss Esoterik. Wie in einem großen, gut sortierten Kaufhaus, wo für alle Geschmäcker und Preislagen etwas dabei ist, waren in Kassel sämtliche populäre Kunstgattungen, von Malerei bis Konzeptkunst präsent, Theoriegeniesser kamen mit einer umfangreichen Katalog- und Textpalette auf ihre Kosten. Summa summarum: die documenta kam als Kirchentag für eine säkulare Kunst-Ethik daher, die auch für nichtreligiöse Menschen attraktiv sein kann und zahllose Gemeinschaftserlebnisse und Mitmachaktivitäten bot. Die Vision von der heilenden Wirkung der Kunst bediente in idealer Weise die Sehnsüchte einer hochneurotischen Gesellschaft, und wirkte den Überdrusserscheinungen einer vom Burn-Out bedrohten Kunstszene entgegen.

Kassel hat seine Gastgeberrolle gut gespielt, viele Bewohner nahmen intensiv an der Ausstellung Anteil oder waren in irgendeiner Weise aktiv daran beteiligt. Gut 150 von ihnen dienten den Besuchern als ortskundige Begleiter, die aus der Perspektive des „Amateurs“ die Kunst interpretieren sollten. Die documenta brachte darüber hinaus wieder Jobs und gestiegene Umsätze  in verschiedenen Branchen. Die Stadt war national und international in den Nachrichten, wobei zahlreiche positive Berichte erschienen. Diese naturnahe documenta half das bislang so zählebige Journalisten-Klischee von der „hässlichsten Stadt Mitteleuropas“ aufzuweichen. Gleichzeitig stärkte die d (13) durch die weit in die Stadt hinein gestreuten Standorte das Bewusstsein der Kasselaner und der Besucher für die Geschichte und die kulturelle Vielfalt der Stadt.

Die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev (CCB) war aus Sicht des documenta-Marketings Idealbesetzung, eine intellektuelle Betriebsnudel mit moderat-exzentrischem Habitus. Sie polarisierte die Öffentlichkeit und provozierte die Journalisten durch akademischen und esoterischen Info-Müll. Ein genialer PR-Coup war ihr Versuch, in Kassel eine Art documenta-Diktatur zu errichten und anderen Institutionen das Ausstellen von Kunstwerken zu verbieten. Rhetorische Gags wie „Wahlrecht für Erdbeeren“, „nichtlogozentrische Visionen“ und ihre angebliche Konzeptlosigkeit – so erzeugt man mustergültig Spannung und verschafft der Ausstellung maximale Aufmerksamkeit. CCB wurde zur Marke. Um sich hier auch in der Zukunft unter dem Aspekt einer „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ steigern zu können, müsste man noch auffälligere Gestalten an die Spitze der documenta berufen. Warum nicht auch branchenfremde Prominente, warum nicht Schauspieler und TV-Größen, etwa Heidi Klum oder Dieter Bohlen? Letztlich geht es um ein bekanntes Gesicht, das das Produkt „documenta“ alias „zeitgenössische Kunst“ vermarktet – und mit einem guten Team von Rechercheuren und kompetenten Kuratoren im Rücken kann letztlich jede VIP eine documenta leiten.

CS im Gespräch mit der documenta-Teílnehmerin und  Ökoaktivistin Claire Pentacost, Fotografin: Kathrin Rost, Kassel.

CS im Gespräch mit der documenta-Teílnehmerin und Ökoaktivistin Claire Pentacost, Fotografin: Kathrin Rost, Kassel.

Es lässt sich mit einigem Recht monieren, die überwiegend jüngeren und unbekannteren Künstler der d (13) seien von der dominanten CCB untergebuttert und letztlich zugunsten ihrer  Kuratoreneitelkeit verschlissen worden. Allerdings: Der Auftritt auf der documenta stellte sicherlich für die meisten ein Karrieresprungbrett dar, eine Chance, viel Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt zu gewinnen. Auch gut möglich, dass mit CCB der Kuratorenselbstherrlichkeit künftiger documenta-Ausstellungen und Biennalen die Spitze abgebrochen wurde und eine Trendwende zugunsten einer stärkeren Künstlerautonomie eingeleitet wird.

Die Rezeption einer documenta verläuft nach dem Schweinezyklus – Lob erzeugt viel und bald zuviel Lob, bis die ersten umkippen und zu nörgeln anfangen, und bisweilen kann sich die Kritik dann zu einem regelrechten Shitstorm auswachsen. Roger Buergel, Leiter der letzten documenta, weiß davon ein Lied zu singen und klagte über die „akademischen Rülpswettbewerbe“ jener documenta-Kritiker. Die d (13) hingegen verkörperte die perfekte Mischung von Themen und Gattungen, bediente den Zeitgeist mustergültig, war glatt und glitschig, immun gegen jede Art von Kritik – ganz wie die Chefin selbst, die stets zu Gedankensprüngen neigte, und sich niemals auf bestimmte Aussagen festlegen ließ. Diese ganze Maybe-Rhetorik der Kunstvermittlung, die Sichtschutzwände endloser Textgebirge, die allerorten aufsteigenden verbalen kosmischen Nebel der Ambivalenzen und Relativierungen machten diese documenta unangreifbar. Jede Art von Kritik war schon impliziert und damit unwirksam. Am Ende war es eine fast schon an der Grenze zum Zynismus operierende Arroganz, mit der CCB ihre Enttäuschung und Verwunderung über das Ausbleiben von Kritik und „interessanten Diskussionen“ ausdrückte. Letztlich befasste sich die d (13) nicht nur mit traumatisierten Gesellschaften und  Objekten, sondern hinterließ auch traumatisierte Kunstkritiker. Doch eine documenta, die allzu einhelliges Lob und Zufriedenheit hervorruft, hat ihre Aufgabe nicht erfüllt: Gilt es doch als kontrovers wirkendes und unverwechselbares Ausstellungsformat den Kunstdiskurs auf Jahre hinaus zu stimulieren.

In diesem Sinne ist Kritik überlebensnotwendig für die documenta. Der wichtigste Kritikpunkt: die Kuratorenmacht wurde verleugnet und dennoch voll ausgespielt. CCB versuchte Künstler „nachdrücklich“ anzuregen, durch den Pflichtbesuch in der Gedenkstätte Breitenau die NS-Vergangenheit in ihren Arbeiten zu thematisieren, sie ging gegen die Bildhauereiausstellung in der benachbarten Elisabeth-Kirche vor, präsentierte ihre persönlichen Vorlieben, Hobbies und Lieblingskünstler und Lieblingshunde als weltweit relevante Kunst. Künstler, die Schwierigkeiten machen könnten, wurden erst gar nicht eingeladen, vermutete das Art Magazin. Die etwa 100 Auftragswerke, die speziell für die d (13) in Kassel entstanden, waren offenbar von Anfang an der strikten Kontrolle der künstlerischen Leiterin ausgesetzt. Sie bewilligte oder verneinte Anfragen und Konzepte, überwachte den Arbeitprozess (teilweise durch intensives Skypen oder face-to-face-Kommunikation) und machte jede Änderung genehmigungspflichtig. Am Ende waren es z. T. die Künstler selbst, die um die Endabnahme baten. Mitarbeiter sprachen von CCB als „Kontrollfreak“, und das Verhältnis der Künstler zur Chefkuratorin lässt sich treffend mit Peter Sloterdijks Begriff der „betreuten Freiwilligkeit“ beschreiben.

Der zweite Kritikpunkt bezieht sich auf das Ausstellungskonzept, dem eine gewisse Inkonsequenz, und Verlogenheit innewohnt. Die in zentralen Teilen so idyllisch- naturverbundene d (13) schien eine Gegenwelt zur kapitalistisch-technisierten Gesellschaft darzustellen – was als weltfremd und unrealistisch kritisiert wurde. Diese Romantik dient nur als kalkuliertes Einsprengsel im Gesamtkonzept, als Gefühlsghetto für moderne Menschen, nicht aber als großer Gegenentwurf zum zeitgenössischen Kunstbetrieb und zur Gesellschaft. Im Pressematerial der d (13) ist zudem davon die Rede, „das menschliche Denken nicht hierarchisch über die Fähigkeiten anderer Spezies und Dinge zu stellen“ – schwierig bis unmöglich, wenn wir annehmen, dass die documenta-Leitung aus Menschen besteht. Und wie sollen erst die documenta-Besucher einen „weniger anthropozentrischen Standpunkt einnehmen? Der dies illustrierende „Hunde-Skulpturenpark“ von Brian Jungen wirkt ebenso banal wie lächerlich. Viele Kunstwerke der gezähmten und braven d (13)-Teilnehmer kamen gegen die starke Wirkung der historischen Orte und der idyllischen Natur nicht an. Sie wurden optisch und inhaltlich regelrecht überwuchert. Wo Wissenschaft, Geschichte und Natur von der Kunst so massiv zur Hilfe gerufen werden, dominieren sie das Feld und liefern starke Bilder. In der Folge erscheint die eigentliche Kunst schwach und überflüssig.

CS im Gespräch mit dem documenta-Teílnehmer Lynn Foulkes, Fotografin: Kathrin Rost, Kassel.

CS im Gespräch mit dem documenta-Teílnehmer Lynn Foulkes, Fotografin: Kathrin Rost, Kassel.

Die Inkonsequenz des d (13) – Konzepts kommt auch in anderen Kunstwerken zum Ausdruck. Konsequent wäre gewesen: das Fridericianum komplett leer zu belassen, die Stärke von Ryan Ganders Windmaschine voll aufzudrehen, Lara Favarettos Schrotthaufen auf dem Friedrichsplatz in doppelter Größe aufzuschütten, statt ihn hinter dem Bahnhof zu verstecken, Gareth Moores Hüttendorf irgendwo in Lohfelden anzusiedeln, wo es wirklich niemand findet, die Aue vier Jahre lang verwildern zu lassen und eine Kunstbannmeile in der Innenstadt zu errichten: Im Radius von drei Kilometer rund ums Fridericianum darf ohne Erlaubnis der documenta-Leitung keine Kunst ausgestellt werden. Eine ästhetische Diktatur auf Zeit muss nichts Schlechtes sein, wenn die dem „Kunstdiktator“ verliehene Freiheit dann auch an die Künstler weitergegeben wird. Vielleicht eine Erkenntnis für die documenta 14: Wenn schon Kunst-Diktatur, dann total.

Fazit:

d (13) – Gut für Kassel

Gut für den Kunstbetrieb

Gut fürs business

Aber: Schlecht für die Künstler, schlecht für die Kunst?

14 / 09 / 12 - 17:07 Uhr

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • TwitThis
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Furl
Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden