20 / 07 / 2012 - 7:09 Uhr
Ann Niu und die Frauen
Eike Stratmann
Ann Niu ist eine waschechte Shanghai-Großstadtpflanze. Vor vierzig Jahren wird sie im summenden und brummenden Herzen von Shanghai groß und studiert am Fine Art College der Shanghai University Kunst mit dem Schwerpunkt Malerei. Letztes Jahr hat Ann Niu ein Atelier im Stadtviertel Gubei bezogen. Zentral ist was anderes. Aber sie hat auch gar kein Interesse daran, dass andauernd jemand an ihre Tür klopft, um mit ihr ein Schwätzchen zu halten. Das Atelier ist ihr Arbeitsraum, in dem sie ohne Ablenkung ihre Ideen auf die Leinwand bringen möchte. Sie malt meist direkt ohne Vorzeichnung auf die Leinwand. Es ist ihr nur lieb, sich intensiv und ungestört auf das Arbeiten zu konzentrieren und noch lieber, nicht viele erklärende Worte darüber zu verlieren.
Ihr Atelier liegt in einem Industriekomplex, hat viele Fenster, hohe Decken, ist groß und hell und erstaunlich ordentlich aufgeräumt. Es herrscht kein Durcheinander, kein kreatives Chaos mit herumfliegenden Paletten, Farbtuben, Pinseln oder Skizzen. Großformatige Bilder stehen aufgereiht an der Wand, Zeichnungen liegen säuberlich auf der Arbeitsfläche gestapelt, Bücher und Kataloge sind ins Regal sortiert. An einer langen Tafel bietet Ann Niu ihren Gästen Tee und Kaffee an – in feinem buntem Geschirr aus Japan. Denn in Japan hat Ann Niu acht Jahre lang gelebt. Nach ihrem Abschluss 1987 in Shanghai zieht es sie in die Ferne. Die traditionelle Technik des japanischen Holzschnittes will sie studieren, aber auch Abenteuerlust und Freiheitsdrang brodeln in ihr und bringen sie nach Tokyo.
Das „Japanische“ passt zu ihr, sagt Ann Niu. Die Verquickung des Praktischen mit dem Ästhetischen bietet ihr System, Balance und Stabilität. Die strikt konzentrierte Ordnung erlauben ihr Entspannung und Zeitersparnis.
Als junge Künstlerin fühlt sie sich hingezogen zur Avantgarde, ist fasziniert von der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Sie fühlt sich offen für Jazziges und Poppiges. Die klassische Malerei, die kontemplativen Landschaften, die meditative Kalligrafie oder akademisch sozialistischer Realismus erscheinen nicht vereinbar mit ihrem rebellischen Geist und der Schnelllebigkeit ihrer Stadt. Erst als sie in Tokyo zunächst ein Jahr lang intensiv die japanische Schrift und Sprache studiert, entdeckt sie neue Verknüpfungspunkte zu ihren kreativen Wurzeln. Mit ihrem Verständnis und ihren Kenntnissen über Kalligrafie findet sie sich in der Geschichte und Bedeutung der japanischen Kultur wieder. Ganz natürlich gelingt es ihr, den Weg von Zeichen, Motiven und Traditionen nachzuvollziehen, die vor mehr als tausend Jahren aus China in Japan übernommen wurden. Nach Abgrenzung und Ablehnung findet Ann Niu mit erleichterter Selbstverständlichkeit zu ihrem Medium, der Malerei, zurück.
Der schwarze Tuschestrich bestimmt die Kunst von Ann Niu. Stark und expressiv oder blass zart fließt er über die Leinwände und Papier. Wirr und wild gewütet auf den ersten Blick, bilden die schwungvollen Linien auf den zweiten Blick Frauenkörper. Sie sind das dominierende Motiv und nehmen die Bildfläche für sich ein. Umgeben sind sie aber oft von chinesischen Schriftzeichen. Manchmal kleine eigene Gedichte in Haiku-Form, manchmal einzelne Wörter. Wie aufgeplatzte Dialogblasen verteilen sie sich auf der Bildfläche, wie ein beiläufiger Gedanke oder verschwommene Erinnerung verlaufen oder häufen sie sich auf der Leinwand. Inhalt und Bedeutung der Zeichen erklären oder kommentieren die Bilder aber nicht. Die Schriftzeichen sind für Ann Niu vor allem ästhetisches Kompositionsmittel. Auch Nummern oder Namen notiert sie auf der Leinwand. Der hochstilisierten Kalligrafiekunst bedient sich Ann Niu ganz ungezwungen und frei. Sie ist Teil ihres Alltags und gehört zu ihrem natürlichen Ausdruck.
Immer wieder tauchen in den Bildern von Ann Niu auch Kreise und Ringe auf. Sie bedeuten für die Künstlerin das Ende und den Anfang, das Unendliche, die Perfektion. Dabei wirken ihre Tuschekringel nicht immer perfekt und abgeschlossen. Sie werden vielmehr zu Tropfen, Tränen, zu empfindlichen Öffnungen, verletzlichen Malen oder runden Kussmündern. Sie sind intime Kreise, geheimnisvoll rätselhaft wie die Frauen, die sich gelenkig auf der Leinwand biegen und in Schlaufen über die Fläche zerlaufen. Ann Niu malt Frauen, keine Porträts. Sie malt und zeichnet weibliche Körper, weil das das ist, was sie am besten kennt. Aus dem temperamentvollen Strich werden pralle Pobacken, Schenkel, Busen. Hier und da werden besonders sinnlich empfindliche Körperteile mit dem roten Pinsel betupft und gestreichelt. Anatomische Genauigkeit interessiert Ann Niu dabei nicht. Ihre Frauen sind entfesselt, machen sich räkelnd und dehnend breit. Es geht um Erotik, Phantasien, Ektase. Die Frauen entschlüpfen ihrem Körper, fahren aus der Haut, entgleiten der Form.
Ann Niu fragt sich dabei manchmal, ob ihre Gemälde zu hübsch sind. Es ist keine gefällige erotische Ästhetik, die ihre Werke auszeichnet, sondern die Behauptung der Frau in einer Generation, die – nicht nur in der chinesischen Kunstwelt – männerdominiert ist.
20 / 07 / 12 - 7:09 Uhr




















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