01 / 07 / 2012 - 0:22 Uhr

Freiluftphilosophie mit G.J. Lischka

Baden Brothers

Der Medienphilosoph G.J. Lischka, Professor der Hochschule der Künste Bern, arbeitet in rousseauscher Tradition unter freiem Himmel und greift gerade nach der Quantenphysik. Foto: Baden

Der Medienphilosoph G.J. Lischka, Professor der Hochschule der Künste Bern, arbeitet in rousseauscher Tradition unter freiem Himmel und greift gerade nach der Quantenphysik. Foto: Baden

Jean-Jacques Rousseau hätte seine Freude gehabt, dürfte er mit durch den Parcours spazieren, den die Kulturkommission der Gemeinde Steffisburg im Berner Oberland eingerichtet hat. Inmitten blühender Landschaft und vor der Kulisse der ältesten Pyramide der Welt, dem Niesen, säumen zwölf ausgediente Schiffscontainer den Feldweg. In ihnen sind nun Kunstwerke installiert, die im Rahmen des Projektes „art container Steffisburg“ vor Ort geschaffen wurden. Einmal mehr punktet die ohnehin dichte Schweizer Kulturlandschaft mit einer cleveren Idee und bringt die schöne Kunst zum guten Wetter. Zwar sind die meisten der teilnehmenden Künstler eher regionale Größen, doch es gibt auch hier attraktive Werke zu sehen. Gelungen erscheinen deshalb jene Installationen, die eine Öffnung zulassen und dem Publikum nicht noch die drückende Hitze eines Darkrooms zumuten.
In der Gunst der jüngsten Besucher steht die Arbeit von M.S Bastian und Isabelle L. aus Biel (wo Rousseau eine Weile auf der Peters-Insel lebte) da hier das ausliegende Arbeitsmaterial dazu aufruft, die Wände mitzugestalten. Ein Platz zum kreativen Toben, mit antiautoritärem Touch und zugleich pädagogisch hübsch isoliert in einem Metall-Container, so bietet sich das Intro der Ausstellung neben der Bushaltestelle Steffisburg-Dorf. Folgt man der guten Beschilderung oder der iPhone App, die extra für die Ausstellung programmiert wurde, ins freie Feld, passiert man idyllische Bauernhäuser, die heilpädagogische Schule und ein kleines Häuslein, wo einst der junge Postkartenmaler Ferdinand Hodler seine ersten Meisterwerke schuf. Doch an diesem Vorbild Schweizer Malkunst orientiert sich keiner der Künstler dieser Ausstellung. Die Installationen wirken teils prekär, wie die bedruckten Glasplatten von Niklaus Wenger (einem meiner ehemaligen Studienkollegen an der Hochschule der Künste Bern), die der Künstler fragil ineinander gestellt hat. Oder es sind wuchtige Stahlskulpturen, die sich durch Elektromagneten in Bewegung setzen und von Iwan Luginbühl – aus der Familie der Eisenplastiker – zusammengebaut wurden.

Die Kunststofflunge als Skulptur, „Breath“ von Carlo Borer vor ortstypischer Architektur in Steffisburg, Foto: Baden

Die Kunststofflunge als Skulptur, „Breath“ von Carlo Borer vor ortstypischer Architektur in Steffisburg, Foto: Baden

Viele der Installationen nutzen Videoprojektionen, und man muss konstatieren, dass sich das bewegte Medium prima in die Container fügt, die ihrerseits von globalem Handel und bewegten Zeiten zeugen. Freilich ist diese Präsentationsidee nicht ganz neu, denn die große Videokunstausstellung der Sammlung Goetz im ZKM Karlsruhe überzeugte bereits mit dieser Ausstellungsvariante, die dem Kurator Andreas Beitin zu verdanken ist. Ausrangierte oder ausgeliehene Frachtcontainer werden – aus dem Kontext der Schifffahrt – zu einer absoluten Metapher des kuratorischen Prinzips: Ausstellungen sollen komfortabel und praktisch zu präsentieren sein und man kann sie wandern zu lassen. Somit hat auch die Präsentationsform des Kunstwerks endlich eine international standardisierte Lagerform.
Diese Mediatisierung der Ausstellung, die viele Schnittstellen aufweist, war Thema eines außergewöhnlichen Vortrags des Berner Philosophen und Kulturtheoretikers G.J. Lischka. Im luftigen Schatten reifender Fallobstbäume unternahm er im Stegreif einen Parforceritt durch die Geschichte des Mediums Kunst, dessen Form besonders durch die Digitalisierung kontinuierliche Veränderbarkeit und enormen Erkenntniszuwachs erfahren habe. Die Mediatisierung der Form sorgt für ständige Verfügbarkeit und atopische Existenz: Nur die Gebundenheit an die terrestrischen Kommunikationsnetzwerke bleibt der gemeinsame Nenner eines universalen Zeichens, das fortlaufend neu bezeichnet wird. Die Kunst ist in diesem Medienraum ein abwechslungsreich zu füllender Container.

G.J. Lischka, DVD Reality Check, mental_clips

G.J. Lischka, DVD Reality Check, mental_clips

Die Ursprünge dieser flotten Assoziationskreise des G.J. Lischka finden sich u.a in den im Container 10 ausgestellten Videoclips, die als “Art_Clips” von Lischka zusammengestellt wurden und Werke zeitgenössischer Videokünstler vorstellen. Ergänzend gibt es Interviewsequenzen der umfangreichen DVD „Reality Check, mental-clips“zu sehen. Die hier versammelten Interviews führte Lischka mit Geistesgrößen wie Jean Baudrillard, Niklas Luhmann, Vilem Flusser, Peter Weibel und vielen anderen, lange bevor der Begriff des Interview-Marathons von einem nomadischen Schweizer Kurator geprägt wurde. Wer sich nicht in der Mittagshitze mit frisch gepflückten Kirschen diesem Mammut-Diskursarchiv stellen möchte, kann die Videos auch bei einem kühlen Bier zu Hause schauen. Intelligente Unterhaltung garantiert.

01 / 07 / 12 - 0:22 Uhr

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