24 / 06 / 2012 - 11:43 Uhr

dOCUMENTA (13) – Eine Kunstfahrschule?

Baden Brothers

Fahrschule für Frauen in Kabul, Autor: Jürgen Osterhage ARD, Foto: Screenshot Baden

Fahrschule für Frauen in Kabul, Autor: Jürgen Osterhage ARD, Foto: Screenshot Baden

Die dOCUMENTA (13) widmet sich in Kassel der „künstlerischen Forschung und Formen von Imagination, Engagement, Materie, Dingen, Verkörperung und tätigem Leben.“ So lautet die Ansage auf vielen Publikationen der Ausstellung und wer diese besucht, wird eingeführt in ein neues Verkehrssystem der Kunst, wo zwischen Naturkunde, Hundedressur, Hypnose, politischem Aktivismus und Erinnerungskultur auch die Ingenieurskunst ihren Platz hat. Das ist eine schöne Überraschung, weil einmal nicht die ewige Institutionskritik geübt wird, sondern eine vielseitige Offenheit herrscht, wo ein jeder sein liebstes Kunstwerk finden wird.

Für den Besucher aus Baden-Württemberg gibt es neben viel Grün und historischen Navigationssystemen auch eine Serie laufender Motoren, die der Künstler Thomas Bayrle aufschneiden ließ, um z.B. des Herzstück eines Porsche 911 schwungvoll sichtbar zu machen. Das sieht toll aus und die Verehrung gegenüber einem solchen Meisterwerk deutschen Erfindergeistes wird untermalt von rauschenden Gebeten, die über Aktivlautsprecher das Brummen des 9 Zylinders ersetzen. Das irritiert auf den zweiten Blick natürlich und der geübte Exeget der schönen Künste liest aus diesem Kunstwerk gerne die Kritik am Fortschrittsglauben der Industrienationen. Man vergisst dabei aber die emanzipatorische Kraft des Vehikels, das solch ein Motor gewöhnlich befördert und man kann nicht hoch genug schätzen, dass das Auto mancherorts nicht nur Bewegung unter den Körper bringt, sondern auch in die Gesellschaft, in der es fährt.

Thomas Bayrle,Various Artworks, Photo: Anders Sune Berg

Thomas Bayrle,Various Artworks, Photo: Anders Sune Berg, dOCUMENTA (13)

Jenseits allen SUV-Bashings ist das Fahrzeug ein Medium der Autonomie und zuweilen auch des gestärkten Selbstbewusstseins. Einen schönen Beitrag dazu liefert die ARD, die heute (Sonntag, 19:20 Uhr) eine Sendung des Weltspiegels ausstrahlen wird, in der die bislang erste und einzige Frauenfahrschule Kabuls porträtiert wird. Das sind günstige Verkehrszeichen für eine Gesellschaft, die sehr unter ideologischem Diktat zu leiden hat. Hier findet die dOCUMENTA (13) gutes Fahrwasser und hat sich bereits mit einer Kunst-Fahrschule eingeklinkt: Seit Juni 2010 finden in Kabul und Bamiyan Seminare und Ausstellungen im Rahmen der dOCUMENTA (13) statt. Das Reich der Ästhetik hat einen Außenposten eingerichtet, der unter dem Motto „Belagerungszustand, Hoffnung, Rückzug und Bühne in Afghanistan“ mit afghanischen Kunstinstitutionen zusammenarbeitet. Künstlerische Reflexion und Interventionen stehen auf dem Programm und sollen den lokalen und internationalen Kunstschaffenden Freiraum bieten. Der Künstler Michael Rakowitz hat in diesem Kontext zwei Seminare unter dem Titel „What Dust will Rise?“ organisiert. Diese Idee basiert auf dem afghanischen Sprichwort: „Wieviel Staub wirbelt schon ein einzelner Reiter auf?“ Bewegung muss also in Massen sichtbar werden, um Beachtung und Veränderung zu schaffen. Die dOCUMENTA (13) bringt kritischen Geist in die Steppe und will dabei nur Beifahrerin sein. Doch diese hat als Fahrlehrerin große Verantwortung, darf ins Steuer greifen, Gas geben und auf die Bremse treten, bis die eifrige Schülerin das Verhalten im Verkehr beherrscht. Die Verkehrszeichen der Kunst sind trotzdem gute Vorzeichen, um das „Multiversum künstlerischer Gesten“ auch außerhalb von Kassel auf der Erde zu verbreiten.

24 / 06 / 12 - 11:43 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

3 Leserkommentare vorhanden

thierry geoffroy /colonel

19:50 Uhr  

24 / 06 / 2012 // 

why kabul ?

what are the motivation ?

more navigation of where to go ?

more sign ?

why kabul ?

http://youtu.be/Uhem_gftuaY

Georg Goumans

18:34 Uhr  

06 / 09 / 2012 // 

Ja am We war ich mit mit meiner Partnerin dort, Wetter schön aber Kunsterlebnis enttäuschend. Fühlte mich wie auf einer Oberlehrer Fortbildungsveranstaltung. Alles schön brav mit political correctness. Ist es in Deutschland wieder soweit? Oder hat sich nichts geändert? Nur die Farbe. Kunst soll bewegen..treffen ins Herz ohne Umweg über die Ratio. Ich will kein Erziehungslehrgang. Themen wie Krieg, Klima usw sind doch nur Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck. (Oder stimmt der Spruch doch nicht für das Leben für die Schule lernen wir) Schrecklich, und wird den ausstellenden Künstlern sicher nicht gerecht. Kunst gibt, kann keine Antworten geben. Sie fragt und zweifelt wie jeder von uns darum bewegt sie uns und wer versucht sie als "Lehrmittel" zu verwenden macht sich mindestens lächerlich. FAZ titelt kein Skandal-als positiv, Kopfschütteln. Vielleicht muß man sich von Kassel (Deutschland) als Documenta trennen.

Alvis

15:20 Uhr  

17 / 10 / 2012 // 

hmmm nice. "Little" better school in Latvia http://www.autoskola-presto.com