18 / 04 / 2012 - 7:59 Uhr

VHILS – Mauer wie Haut

Eike Stratmann

Vhils in Shanghai, 2012, Courtesy Magda Danysz Gallery

Magda Danysz hat eine Galerie in Paris und eine direkt am „Bund“, Hausnummer 18. Von der schillernden Prachtpromenade zieht sie nun in das stadtkernferne Yangpu Viertel, weit im Nordosten von Shanghai. Die neuen, gigantische 1000 m2 großen Räume eröffnet die Pariser Galeristin mit einer Ausstellung über den Street-Art-Künstler Vhils (aka Alexandre Farto). Der junge Portugiese kratzt, meißelt, reißt, schnitzt oder ätzt seine Kunst in die urbanen Oberflächen. Mit Banksy hat er schon ausgestellt, aber in China geht er das erste Mal auf die Straße.

Vhils in Shanghai, 2012, Courtesy Magda Danysz Gallery

Im Februar, wenn es in Shanghai empfindlich kalt, grau und nass ist, arbeitet Vhils ein paar Wochen in situ. Die Stadt ist sein Rohmaterial – die Häuser, Mauern, Wände, Türen, Fenster und die Menschen, die sie bewohnen. Vhils sagt, dass die Mauern für ihn die Gesellschaft widerspiegeln. Die Wände erzählen Geschichten über ihre Bewohner und über die rasante Stadtentwicklung. An ihnen lassen sich die Extreme der Stadt ablesen: ärmliche Randbezirke neben komfortablen Wohnblöcken, schäbige Butzen neben hochmodernisierten Wolkenkratzern, enge Gassen überflogen von mehrstöckigen Autobahnen. Vernachlässigte Bauruinen und verkommene Abrissviertel werden schamvoll hinter temporären Mauern versteckt. Die Oberflächen werden, wo es geht, geglättet, geliftet und mit Anzeigetafeln und Werbebildschirmen geschminkt. Vhils interessieren die verschiedenen Schichten der Verschönerung und was sich dahinter verbirgt. Er sucht die Geschichten hinter den verputzten Fassaden.

Vhils, 2012, Front of the new Magda Danysz Gallery, Courtesy Magda Danysz Gallery

Vhils in Shanghai, 2012, Courtesy Magda Danysz Gallery

In Shanghai gibt es auffällig wenig unautorisierte Straßenkunst. Denn alles, was sich säubern lässt, bleibt oft nicht viel länger als eine Nacht bestehen. Aber Vhils arbeitet in Stein. Porentief. Er kratzt an der Oberfläche, er trägt Schichten ab, unter denen sich ein anderes Gesicht der Stadt verbirgt. Seine Umgebung, die Menschen und Gesichter beobachtet er auf der Straße, ihre Porträts arbeitet er plastisch aus den Wänden heraus. Das ist schwere handwerkliche Arbeit mit groben Werkzeugen, Leitern und Hebemaschinen. Und dennoch wirken die monumental großen Gesichter skizzenhaft zart, fast transparent hingehaucht. Sonne, Wind und Regen hinterlassen Grübchen, Falten und Narben auf den jungen und alten Gesichtern. Ungeschminkt fügen sie sich ins Mauerwerk ein, als hätten sie schon immer hinter dem Putz gewohnt.

Vhils in Shanghai, 2012, Courtesy Magda Danysz Gallery

Außer von Fassaden fühlt sich Vhils von Weggeworfenem angezogen, besonders Holzreste interessieren ihn, weil Holz für ihn ein universelles Material ist, was viel über Bräuche und Traditionen verrät. Holzreste, Türen oder Tischplatten sucht und findet er auf der Straße, in alten Möbellagern oder Trödelmärkten. Die „objets trouvés“ fügt er zu Assemblagen zusammen. Schnitzer in den Lack und das Holz machen Farbe und Sprühdose überflüssig. Was von Nahem aussieht wie Wurmstiche oder abgestoßene Stellen, ergibt mit ein bisschen Abstand Umrisse von Gesichtern und vereinzelten Hochhäusern im Hintergrund. Auch bei den Arbeiten auf Papier und Metallplatten konzentriert Vhils sich ganz auf die Darstellung von Gesichtern. Selten trifft ihr Blick aber den Betrachter direkt. Meist schauen sie in die weite Ferne. Hier und da erinnert diese in die verheißungsvolle Zukunft gerichtete Aufmerksamkeit an sozialistische Propagandaplakate.

Vhils, Through the cracks 5, 2012, Courtesy Magda Danysz Gallery

Vhils, Disintegration series 2, 2012, Courtesy Magda Danysz Gallery

Vhils ist 1987 geboren. Ein Jahr nach dem Beitritt von Portugal zur EU. Bis er als Jugendlicher anfängt, sich mit Sprühdosen auszutoben, kommerzialisiert sich die Stadt um ihn herum zunehmend. Die „Affichisten“ der sechziger Jahre oder Künstler wie Gordon Matta Clark bewundert Vhils, hat sie aber erst spät für sich entdeckt. Inspiration und Anregung findet er weniger in der Kunstgeschichte als in seinem unmittelbaren Umfeld. Bei der Suche nach neuen Flächen für seine Graffiti fallen ihm hinter dem Werbeüberfluss die Plakate und Wandmalerei aus den Jahren der sozialistischen Nelkenrevolution (1974) auf. Das verdeckte Übereinander so entgegengesetzter historischer Realitäten kitzelt seine Phantasie. Er ent-deckt, bohrt und meißelt sich durch die Oberfläche, bis sich die Ebenen im Nebeneinander konfrontieren.

Vhils in Shanghai, 2012, Courtesy Magda Danysz Gallery

Und dennoch bestechen die Arbeiten in Shanghai nicht durch einen gesellschaftskritischen Ansatz. Vhils’ Straßenkunst ist keine aufrührerische Aktion. Seine Gesichter tragen kein ironisches Augenzwinkern. Ganz einfach und poetisch verteilen sie sich. Nur wer aufmerksam durch die Straßen läuft und genau um sich guckt, dem werden die Gesichter auffallen, die wie Hausgeister auf den Wänden schweben.

Vhils in Shanghai, 2012, Courtesy Magda Danysz Gallery

18 / 04 / 12 - 7:59 Uhr

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1 Leserkommentar vorhanden

Pfälzer

11:23 Uhr  

20 / 04 / 2012 // 

Eindrucksvoller Bericht über ein bestechendes und tiefgründiges Projekt!