27 / 02 / 2012 - 4:59 Uhr
Wind und Wolken
Eike Stratmann
Als Regisseur, Autor, Kameramann und Schauspieler zugleich fühlt sich der Fotograf Li Zhensheng, als er 1966 sein Selbstporträt aufnimmt. Herausfordernd, stolz und direkt blickt er in die Kamera, ein bisschen von oben herab. Li Zhensheng ist als Fotograf ein wichtiger Zeitzeuge der chinesischen Kulturrevolution. Seine Bilder sind weltbekannt. Die BBC hat ihn 2007 in die Riege der Genies der Fotografie aufgenommen, aber nun sind seine Bilder das erste Mal auch in China in einer Galerie zu sehen. Die Ausstellung in der Beaugeste Gallery, von Jean Loh kuratiert, trägt den Titel Winds and Clouds.
Mehr als 18 Jahre ist Li als Fotojournalist tätig. Im Auftrag der Tageszeitung Heilongjiang dokumentiert er mit unzähligen Bildern die Jahre zwischen 1966 und 1976 – die Zeit der Kulturrevolution, der Rotgardisten, der Massenbegeisterung, der Gewalt, Willkür und des Terrors. Erstaunlich oft tauchen unter den Bildern Li’s Selbstporträts auf. Denn, wann immer nach einer Reportage ein Film nicht zu Ende geknipst ist, fotografiert Li sich selbst, um kein Filmmaterial zu verschwenden. Diese Porträts erzählen viel über den jungen, eigenwilligen Mann, der sich nicht auf propagandageeignete Fotografie hat beschränken lassen, sondern stets seinem Freisinn gefolgt ist.
Li Zhensheng ist 1940 in einfachen Verhältnissen im Norden von China geboren. Der Vater nimmt ihn als Jungen mit ins Kino und weckt dort seine Leidenschaft für Filme. Noch während der Schulzeit tauscht Li seine kostbare Briefmarkensammlung gegen einen gebrauchten Fotoapparat. Später schließt er eine Ausbildung an der Changchun Filmhochschule ab. Sein Verständnis für bewegte Bilder und ihre szenische Dramaturgie lenken seinen Blick, bestimmen Ausschnitt und Komposition seiner Aufnahmen. Schnell findet er als Fotograf für Heilongjiang Daily heraus, dass er mit der Armbinde der Roten Garde unbehelligt von offizieller Aufsicht arbeiten kann. So gründet er seine eigene kleine Rebellengruppe und verschafft sich damit uneingeschränkten Zugang zu den Schauplätzen der proletarischen Kulturrevolution, die Mao Tse-Tung ausgerufen hat.
Li Zhensheng fotografiert die Aufführungen der wenigen noch erlaubten Pekingopern mit proletarischen Helden und erbauend revolutionärem Inhalt. Er fotografiert die Märsche von Kindern und Frauen, junge bewaffnete Rebellen, öffentliche Selbstkritiken, der als konterrevolutionär Verurteilten und immer wieder die aufgeheizten und angestachelten Volksmassen. Mao lässt Schulen und Universitäten vorübergehend schließen und versammelt Truppen von „Halbstarken“ um sich. Die Schüler und Studenten sollen dafür sorgen, dass die alte Gesellschaft mit ihren rückständigen Gewohnheiten und Bräuchen überwunden wird. Voller Enthusiasmus, mit kindlicher Grausamkeit und kopfloser Willkür verfolgt die Rote Garde ihre Aufgabe. Unzählige Intellektuelle, Großgrundbesitzer oder Kader werden als revisionistisch und „bourgeois“ denunziert, gedemütigt und bestraft. Li hält fest, wie Parteisekretäre mit Tinte beschmutzt, dazu gezwungen werden, große spitze Eselsmützen auf den Kopf zu setzen und Schilder mit Schuldgeständnissen und ihrem durchgestrichenen Namen um den Hals zu tragen.

Li Zhensheng, Party secretaries Chen Lei, Wang Yilun, and Li Fangwu (left to right) during a criticism session. Harbin, Heilongjiang Province. 9 Novermber, 1966, courtesy Beaugeste Gallery
Bekannt geworden ist das Bild der „Schwimmer“. Immer im Juli wird Mao’s Überquerung des Jangtse Flusses mit einem Schwimmfest geehrt. Um sich für die sportliche Prüfung zu wappnen, lesen die jungen Männer vor dem Sprung ins Wasser im kleinen roten Buch mit Mao’s Sprüchen. Kurator Jean Loh hat dieses Foto wegen seiner mitschwingenden Ironie ausgewählt. Eine Gruppe halbnackter Männer in Schlüpfern und Badekappe, die die „Bibel“ lesen!

Li Zhensheng, Swimmers read “Mao Zedong’s thoughts”, Harbin, Heilongjiang Province, 16 July, 1968, courtesy Beaugeste Gallery
Li Zhensheng’s Format ist das Quadrat, in dem er sehr gekonnt seine schwarz-weiß Kompositionen einpasst. Zimmerecken, dunkle Wolkenmassen, spitze und verrutschte Schandmützen ziehen Spannungslinien und rhythmisieren das Quadrat. Er friert Gruppierungen und Gesten ein, als hätte er Statisten für ein Filmplakat arrangiert. Hände: lesend, klatschend, tanzend, Gewehre tragend oder triumphierend zur Faust geballt, steigern den dramatischen Ausdruck. Die Hand, mit der der Parteisekretär seinen rutschenden Papierhut hält, bildet exakt den Mittelpunkt des Quadrates. Bei der jubelnden Rotgardistin hat Li den Bildausschnitt gerade so gewählt, dass eine Hand abgeschnitten außerhalb des Rahmens winkt…
Es will ihm aber nicht gelingen, die weitläufigen Volksmassen in ein quadratisches Format zu zwängen. Um „the big picture“ einfangen zu können, lässt er sich einen neuen Trick einfallen. Schweifend, als bediene er eine Filmkamera, fotografiert er die Menschenversammlungen Stück für Stück und setzt die einzelnen Elemente zu einem weitwinkeligen Panorama zusammen.
Li Zhensheng guckt mit seiner Kamera gerne über den Tellerrand. Bei der Aufführung des Stückes The white haired girl klettert er auf die Bühne, so dass er das tanzende Paar, aber auch das riesige Publikum einfängt, das oben auf dem Hügel wahrscheinlich nicht viel mehr als zwei hüpfende Stecknadelköpfchen sieht.

Li Zhensheng, The National Ballet Company of Beijing performs The White-Haired Girl, Acheng county. 23 July, 1975, courtesy Beaugeste Gallery
Die Phantasie und sein kreativer Drang, neue ungewohnte Blickwinkel zu finden, reichen über den simplen Auftrag der positiven Berichterstattung hinaus. Wäre Li Zhensheng beim Film geblieben, hätte er wahrscheinlich immer eine versteckte Kamera am Laufen gehabt. Sein unbequemes Knipsen „davor, daneben und danach“ hat ihn mehrmals fast um Kopf und Kragen gebracht.
Die bibellesenden Schwimmer halten sich im Rahmen. Dass aber religiöse Tempel zerstört und Mönche gezwungen werden, sich öffentlich bloß zu stellen mit einem Transparent, auf dem geschrieben steht: „Buddhistische Sutras sind so viel Wert wie ein Hundefurz“, wird bis heute verdrängt und schamvoll versucht, als „Mao’s Fehler“ in Vergessenheit zu bringen.
Bei den Fotografien der Mönche und des Tempels weicht Li vom Format des Quadrates ab. Zerbeult und geschändet neigt die Buddha-Figur vor dem Spruch „Zerschlagt die alte Welt“ nachsichtig milde lächelnd den Kopf.
Unzählige (ver)störende Bilder wie diese hat Li Zhensheng bis in die 80er Jahre in seiner Harbiner Wohnung unter den Dielenbrettern versteckt. Dort haben die Negative unbeschadet „überwintert“, bis Li sie langsam wieder ans Tageslicht befördert hat. Li Zhensheng ist Professor für Fotografie geworden und lebt heute zwischen Peking und New York. Seine Bilder wurden in Europa und Amerika in Büchern veröffentlicht und in Ausstellungen gezeigt. Nun hat Jean Loh bewegend schön und erschreckend verstörend Wind und Wolken in seine kleine Galerie geholt. Wind und Wolken stehen im chinesischen für große Veränderungen.
27 / 02 / 12 - 4:59 Uhr
1 Leserkommentar vorhanden
sehr stark und präsent! unglaublich welche geschichte jede von dieser Fotos erzählt, oder?



















Die beste Kunst befand sich noch nie in Privatbesitz und auc...
Hallo liebe Redaktion, es tut mit leid, aber für eine ART...
Ich weiß gar nicht, warum´s hier so fein zugeht!? Ich als mi...
Hallo Herr Maus, Ihre Bilder sind fantastisch gut. Vielen ...
Guter Bericht mit ausgezeichneten Fotographien über die Werk...
Classes are fun for kids. Musclehedz A cartoon series, stret...
Klamauck mit ck? Und von welchen "Massen" gehen die Veransta...
Hallo Herr Maus, ich finde es sehr schade, dass Sie Ihre...
Hervorragende Ausstellung!...
allet jute men jong :D...