13 / 12 / 2011 - 3:24 Uhr

Street Art auf den Spuren

Eike Stratmann

Foto: Nick Peden

In Berlin, New York oder Paris gehört Street Art zum Alltag. In Shanghai kommt man erst beim Besuch des Galeriekomplexes M50 in der Moganshan Road im Norden der Stadt mit Graffiti in Kontakt. Eine lange Mauer steht hier Graffitikünstlern legal zur Verfügung. Immer wieder kursieren aber die Gerüchte, dass auch diese einzigartige Wand der Stadt Ende des Jahres abgerissen werden soll.

Und wenn nun diese Mauer abgerissen wird, wenn diese legale Möglichkeit zum kreativen Austoben mit der Sprühdose wegfällt, dann gibt es in Shanghai keine Graffiti mehr? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Überhaupt ist es schwer zu glauben, dass in einer Mega-Metropole wie Shanghai sich Graffiti und Street Art auf nur eine „legale“ Mauer beschränken lassen sollen. Das würde heißen, das so vieles wegfällt, was diese Kunst zur Kunst macht, was dieser Kunst den Kick gibt:

Die Nacht, die Gefahr, das Risiko und Abenteuer, das pochende Herz, der rasende Puls, das Adrenalin, der ständig wache wandernde Blick, die genaue Beobachtung urbaner Veränderungen, das Suchen, Finden, Erobern, der Triumpf des perfekten Ortes! Die Baugerüste, Mauern, Leitern, Treppen, Zäune, Brückenbögen, Dächer, U-Bahnschächte, Bahngleise... Das schnelle Arbeiten unter Zeitdruck in der Dunkelheit. Frecher Humor, besessene Leidenschaft. Der Fame!

Was kann eine Mauer ganz ohne das untergründige Unangepasste, ohne das Verbotene davon transportieren? Interessiert sich in Shanghai niemand für Graffiti, ist Street Art in China mit einem zu großen Risiko verbunden, wer sprüht trotzdem in der Moganshan Road? Ich habe mich auf die Suche gemacht.

Der Panda

Panda by night

Gleich sind mir in der Moganshan Road die dicken runden Graffiti-Pandabären aufgefallen. Und ein erster Strohhalm auf der Suche nach der Graffitiszene bietet sich mir, als ich zufällig T., den Panda-Mann, kennenlerne. Dass der Pandabär vielleicht ein bisschen klischeehaft besetzt ist, ist T. egal. Er hat sich seit seiner Kindheit für Spielzeugfiguren und Comics interessiert und hat Pandabären immer schon gemocht. Dazu kommt, dass die schwarz-weiße „Bärenkatze“ einen hohen Wiedererkennungswert hat, losgelöst von Buchstaben oder chinesischen Schriftzeichen ist, und er nur zwei Farben, nur zwei Sprühdosen braucht.

Er macht mich darauf aufmerksam, dass die lokalste Form von Graffiti in Shanghai die an die Wände gesprühten Telefonnummern sind. Ganze Wände, meist in Baustellennähe, sind mit Telefonnummern übersät von Leuten, die billige Arbeitskraft, falsche Papiere, Aufenthaltsgenehmigungen oder Prostitution anbieten.

Foto: Dezio

Bei unserem Spaziergang die Moganshan Road rauf und runter fallen mir zwei Poster ins Auge. Blaue und grüne Monster, die eindeutig einen Adidas-Schuh in den Pfoten halten. Ein Adidas-Fan oder eine Werbekampagne? Nicht besonders gewagt das wilde Plakatieren auf einer legalen Wand... Als ich aber die Monster auch mitten in der Französischen Konzession sehe und ein anderes in der Nähe der Bund-Prachtpromenade, strecke ich meine Fühler aus.

Die Sneaker Monster

Sneaker Monster by S3

Hinter den Sneaker Monstern steckt S3, ein Kanadier, der in Peking lebt. Seine Sneaker Monster-Aktion ist guerilla-illegal – und trotzdem protegiert und finanziell ermöglicht durch Adidas. Mit 150 Postern und kleinen Stickern ist er durch Peking, Guangzhou und Shanghai gedüst. Bei Tag und Nacht. S3 erzählt, dass sie dabei zwar immer neugierig beobachtet wurden, die Leute aber gar nicht verstanden haben, was sie da überhaupt machen und nicht weiter von den Autoritäten behelligt wurden. Solange solch eine Aktion keine politische Aussage beinhaltet, kümmern sich die Leute „um ihren eigenen Kram“. Dazu kommt, dass die Monster oft nicht länger als einen Tag an den Wänden kleben. In null Komma nichts sind die Poster wieder von der Wand gekratzt, bevor sie überhaupt richtig wahrgenommen werden können.

Video: Sneaker Monster

JR – The wrinkles of the city

JR, The wrinkles of the city, courtesy 18 gallery - Magda Danysz

Auch Magda Danysz, die in Paris und Shanghai eine Galerie hat und letztes Jahr das Buch „From Style Writing to Art“ über Graffiti und Street Art veröffentlicht hat, bestätigt, dass es in Shanghai durchaus über die Moganshan Road hinaus Graffiti gibt, aber eher in den Randbezirken. Auch in Paris würde ja niemand ausgerechnet auf den Champs-Élysées sprühen.

Letztes Jahr ist Magda Danysz für die Ausstellung „The wrinkeles of the city“ mit dem französischen Künstler JR durch ganz Shanghai gezogen. JR hat sich für dieses Projekt mit alten Menschen über ihr Leben, ihre Erinnerungen und Veränderungen der Stadt unterhalten, ihre Geschichte aufgeschrieben und ihr Porträt fotografiert. Diese Porträts hat er in überdimensionalem Format schwarz-weiß ausgedruckt und an 25 verschiedenen Orten mit speziellen Sondergenehmigungen auf Brandmauern, einen Wasserturm, Treppenaufgänge, Abrissruinen oder Wellblech geklebt. Noch ein Jahr später überblickt hier und dort ein altes Gesicht das Geschehen der Stadt. Langsam wird das dicke Papier von Sonne, Wind und Regen faltig und rissig, lässt immer mehr den Untergrund durchscheinen, bis es endgültig verblassen wird.

JR, The wrinkles of the city, courtesy JR & 18 gallery - Magda Danysz

Dezio

Foto: Dezio

Dezio ist der Dreh- und Angelpunkt der Graffitiszene in Shanghai. Er kennt sie alle, die Sprüher in Shanghai. Ernsthaft aktiv sind es wohl so um die zwanzig - in einer Stadt mit über 20 Millionen Einwohnern!

Dezio zeichnet, seit er einen Stift halten kann. In Hong Kong, Kanton und den USA groß geworden, kommt der Franzose mit 14 Jahren nach Paris. Da er nie wirklich Französisch gelernt und gesprochen hat, lebt er in der ersten Zeit abgekapselt in seiner Bilderblase. Sofort beeindruckt von der überwältigen Anzahl der Graffiti um ihn herum, will er unbedingt zu dieser Welt dazugehören. Er tut alles dafür, um die Szene zu erobern, sich seinen Platz zu erkämpfen und seinen Namen auf den Wänden zu sehen.

Foto: Dezio

Seit vier Jahren lebt er in Shanghai und ist hier unbestritten einer der aktivsten Graffitikünstler. Er kommt oft in die Moganshan Road und verantwortet auch das Graffiti Weihnachtsprojekt, dass vom Hotel Radisson Blu ins Leben gerufen wurde. Das hört sich zunächst nach einem eher gesetzt kommerziellen Umgang mit Graffiti an. Für Dezio ist die Wand in der Moganshan Road aber nicht mehr als ein überdimensionales Skizzenbuch, angenehm für ungestörte sonntagsmalerische Fingerübungen und das Radisson vor allem eine gute Möglichkeit, junge Sprüher zusammenzubringen. Für ihn bleibt Graffiti eine Kunst, die erst durch das Erleben und Beleben der Stadt ihren Sinn gewinnt. So ist er viel auf seinem Roller unterwegs in allen Ecken von Shanghai auf der Suche nach neuen Orten, neuen Gegebenheiten für seine Graffiti. Er klettert ständig auf Dächer, guckt hinter die Bauzäune und steigt in Abrisshäuser.

Foto: Dezio

Die legale Wand allerdings hat eindeutig den Vorteil, dass zur Abwechslung mal ein „Piece“ länger als ein paar Stunden bestehen bleibt. Und da liegt der Knackpunkt: Es ist nicht so, dass Sprühen, Kleben, Plakatieren oder Taggen in Shanghai besonders gefährlich oder streng sträflich geahndet wird. Das Entmutigende, schnell Enttäuschende für die Künstler ist, das ihre Aktionen oft nicht länger als ein paar mickerige Stunden zu sehen sind. Jeder von der Norm und Ordnung abweichende Ausdruck wird schlicht und ergreifend in erstaunlichster Geschwindigkeit von der Straßenreinigung weggeputzt oder übermalt. Oft ist es sogar in den frühen Morgenstunden schon zu spät für das dokumentierende Foto. So quasi inexistent bedarf es keiner Anti-Graffiti-Brigaden. Graffiti sind in Shanghai eine wahre Sisyphusarbeit. Und wer nicht mit wachem Blick um sich schaut, verpasst leicht die Graffiti, die nur für einen kurzen Moment zu sehen sind.

Foto: Dezio

Probieren geht nicht immer über Studieren

Dezio aber auch Yemen erzählen mir, dass solange kein provakant politisches Motiv oder geschäftshaschende Telefonnummern involviert sind, das Sprühen in Shanghai kein enormes Risiko bedeutet. Und trotzdem beschränkt sich die Szene in Shanghai vor allem auf eine Handvoll hier lebender Ausländer und Durchreisende. Yemen, ein junger New York-Franzose, der in die alternative Musik- und Graffitiszene Chinas eingetaucht ist, erklärt, dass für die jungen Chinesen Graffiti im Grunde meist nicht mehr als eine andere Form von Design ist. Ein modisches Statement. Sie werden vor allem mit einer polierten Version von Graffiti konfrontiert. Ihre Informationen kommen aus dem Internet. Sie sehen Videos oder Filme, die ein steril beschränktes Bild vermitteln. Sie kopieren, was sie cool finden, ohne wirklich zu verstehen, was dahinter steht. Ein wichtiger Bezug fehlt. Den direkten allgegenwärtigen Kontakt auf der Straße, im unmittelbaren Umfeld, der abenteuerliche Wünsche wecken könnte, erleben sie kaum.

Hinzu kommt, dass gerade in Shanghai ein massiver Erfolgsdruck auf die Jugend, auf die Generation der Einzelkinder ausgeübt wird. Shanghai ist mehr als andere Metropolen materiell und finanziell orientiert. Zum erstrebenswerten Erfolg und unbedingt angepeilten Lebensziel gehören gute Ergebnisse in der Schule, ein brillantes Studium, ein guter Job, Wohnungskauf und Heirat. Es bleibt wenig Zeit und Freiraum für Privatsphäre und individuelle Passionen. Für die, die ausbrechen wollen und zur Dose greifen, bedeutet Graffiti nicht viel mehr als „etwas Anderes“. Sie erlauben sich selten illegale Aktionen, einen neuartigen Style, eigenständigen Ausdruck oder gewagte Ausbrüche.

Foto: Nick Peden

Foto: Nick Peden

13 / 12 / 11 - 3:24 Uhr

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