09 / 12 / 2011 - 9:16 Uhr

Häuser bauen statt Felder bestellen

Eike Stratmann

Foto: Marcin Gajewski

Eine dreistöckige Gartenanlage mit Gemüsefeld und Obstbäumen auf das kleine Haus zu bauen, das schlägt die junge italienische Künstlerin Francesca Galeazzi der Galerie Art + Shanghai vor. Einen billigen Plattenbau aufs Dach aufzusetzen oder eine in den Himmel ragende verglaste „Shopping Mall“ wären weitere mögliche Strategien, um sich gegen die gnadenlose Stadtplanung und baulichen Entwicklungen in Shanghai vorbeugend zu schützen.

Foto: Marcin Gajewski

In ihrer Arbeit als Ingenieurin in einem Architektenbüro geht es um Nachhaltigkeit, Urbanisierung und Klimawandel. Ein mühseliges Geschäft in China, bei dem man in kleinsten Schritten denken muss. Seit sie vor drei Jahren nach Shanghai gezogen ist, verfolgt sie mit offenen Augen und Ohren den urbanen Wahnsinn in China. Bei ihren Reisen durch das Land sind ihr vor den Türen der Großstädte wie Xian oder Wuhan seltsame Bauwüsten aufgefallen. In der ländlichen Umgebung wurden auf die niedrigen Häuser der Bauern riesige Plattenbauten gesetzt; scheinbar aus dem Nichts gestampfte Geisterhäuser.

Foto: Marcin Gajewski

Wie aus Pappmaschee, in Windeseile hochgezogene Wohnhäuser mit schwarzen Fensterlöchern. Dilettantisch, provisorisch und billig werden diese Wohnkästen von den Bauern der Region gebaut. Da sie dafür nicht ausgebildet sind und auch keine Sicherheitsmaßnahmen beachten, kommt es immer wieder zu schweren Bauunfällen und zusammenklappenden Wänden und Dächern. Diese „Legobaustein-Konstruktionen“ werden aber auch gar nicht gebaut, um tatsächlich bewohnt zu werden!

Hinter diesen Gebäuden verbirgt sich allein die spekulative Absicht, die Quadratmeteranzahl von Wohnfläche künstlich zu erhöhen. Die oft armen Landwirte setzen auf die rasend schnelle urbane Entwicklung der Großstädte. Sie gehen fest davon aus, in naher Zukunft umgesiedelt zu werden, damit sich in der an die Großstadt angrenzenden Region in moderne rentable Vororte entstehen können. Das Land wird aufgekauft und die kleinen Leute in die Pampa geschickt.  Um aus dieser verqueren Lage möglichst viel Profit zu schlagen, sich rechtzeitig einen finanziellen Vorteil zu sichern, bauen die Bauern „gefälschte“ Häuser auf ihre Hütten, anstatt ihr Land zu bestellen. Wenn das Land gekauft wird und die Gebäude dem Erdboden gleich gemacht werden, verdienen sie mit ihren künstlichen Quadratmetern an Wohnfläche immer noch mehr als mit dem Gemüse, dass sie hätten anbauen können!

Foto: Marcin Gajewski

Es würde absurd, fast amüsant anmuten, wären diese Geschichten nicht so verstörend. Galeazzi versucht sich, trotz der bitterbösen Realität, einen heiter ironischen Blick auf  die Dinge zu bewahren. Sie dokumentiert ihre Erkenntnisse und Beobachtungen mit Fotos und Artikeln, ohne den Finger direkt und explizit in die Wunde zu halten. Die Dokumente sind lässig-locker an die Wand gepinnt. Wer sich nicht etwas Mühe gibt und sich die Zeit nimmt, die Dokumente zu verstehen, dem kann leicht der kritische Inhalt entgehen. Vielleicht hat diese Leichtigkeit der Präsentation auch einen Schutzfaktor, denn es handelt sich um heiße Geschäfte, brisante Angelegenheiten, die meist hinter vorgehaltener Hand verhandelt werden.

So wie auf dem Land, so werden auch in Shanghai mehr und mehr alte Häuser abgerissen. Die alten, oft mittellosen Bewohner werden von ihrer Umsiedlung, die mit einer Apfel-und-Ei-Abfindung verbunden ist, erst im letzten Augenblick in Kenntnis gesetzt, so dass sie keine Zeit haben, sich zu weheren oder sich nach ihren Rechten zu erkundigen. So kommt es, dass sich Francesca Galeazzi im Rahmen der Gruppenausstellung „Utopia Nowhere “ mit ihrem ironisch bauernschlauen Entwurf an die Galerie Art + Shanghai wendet.

Foto: Marcin Gajewski

Francesca Galeazzi

09 / 12 / 11 - 9:16 Uhr

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