25 / 11 / 2011 - 4:50 Uhr

Das wäre doch gelackt

Eike Stratmann

Foto: Vincent Cazeneuve

Wäre dort oben im Fenster nicht der Kopf einer Skulptur zu sehen gewesen, hätte ich die Galerie Hong Merchant in der französischen Konzession von Shanghai wahrscheinlich vergeblich gesucht. In dem wunderbaren traditionellen „Lanehouse“ ohne Namens- oder Klingelschild zeigt die Galerie, gegründet von der Französin Pia Pierre, seit über zehn Jahren ihre chinesische Antikensammlung und bietet zeitgenössischen Künstlern regelmäßig Raum zum Arbeiten und Ausstellen.

Im Herbst ist Vincent Cazeneuve für die Dauer seiner Ausstellung aus Chongqing, wo er seit 2007 lebt, in die Xinguo Road gezogen. In Frankreich hat der Künstler als Restaurator, Tischler und Vergolder gearbeitet – er war schon immer fasziniert von der Arbeit mit Lack und fand so seinen Weg nach China, denn die Ursprünge des Lackierens sind seit über 3000 Jahren tief mit der chinesischen Kultur verwurzelt. Das Arbeiten mit Lack bleibt für Cazeneuve aber mit einer geheimnisvollen Rätselhaftigkeit behaftet, da das Lehren sowie Erlernen der Technik ein enormes und selten zu findendes „savoir faire“ benötigt. Als zu langwierig, aufwendig und kostspielig gilt in Europa die herkömmliche Herstellung und Verarbeitung von Lack, als dass sie sonderlich gepflegt und weitervermittelt wird. So zog es den Künstler schließlich selber nach China in die Provinz Sichuan, wo er vor Ort die Technik der Lackarbeit bei einem Meister studierte.

In Asien wurde die Lacktechnik vor vielen Tausenden von Jahren entdeckt und vor allem angewendet, um Gebrauchsgegenstände, Möbel, Instrumente, Särge oder Geschirr zu versiegeln, zu schützen, zu verzieren und sie so langfristig brauchbar zu machen. Der komplizierte und beschwerliche Herstellungsprozess wird heute nur noch von wenigen beherrscht und weitgehend mit synthetischem Ersatz umgangen. Zwei anerkannte Altmeister dieser Kunst sind Madame Zou und Monsieur Lu in Chengdu – bei ihnen lernte Vincent Cazeneuve das klassische Handwerk des Lackierens.

Foto: Vincent Cazeneuve

Die Geschichte des Künstlers erinnert an einen Kung-Fu Film, an den steinigen Weg des mühselig körperlichen und geistigen Erlernens, Verstehens und der Verinnerlichung einer (Kampf-) Kunst;  Ohne ein Wort Chinesisch zu beherrschen, klopft der junge Mann bei dem Paar an und macht verständlich, als „Lehrling“ aufgenommen werden zu wollen. Die beiden alten Meister sind nicht interessiert. Sie schicken ihn fort, er steht am nächsten Morgen wieder vor der Werkstatt. So geht es ein Weilchen, bis Herr Lu ihm prüfend einen Klecks Lack auf die Hand tropft. Als die „Langnase“ auch am nächsten Tag mit von Giftstoffen aufgedunsenem Arm und geröteten Augen wiederkommt, lassen sie ihn schließlich einfache Polierarbeiten übernehmen und weisen ihn peu à peu in die Geheimnisse ihrer Kunst ein.

Foto: Vincent Cazeneuve

Der Lacksirup wird hoch in den Bergen tropfend langsam aus dem sogenannten Lackbaum in einem Bambuseimerchen gesammelt. Ein komplexer, giftiger und empfindlicher Saft, der in hauchdünnen Schichten in der Sonne trocknet und gereinigt von kleinen Insekten, Blattresten und Baumspänen am Besten frisch verarbeitet wird. Verkommen die Enzyme, kann es passieren, dass die honigfeste Flüssigkeit sich nicht mehr verhärtet und für die Weiterverarbeitung „gestorben“ ist.

Cazeneuve beobachtet gewissenhaft, kopiert jeden Handgriff und wird trotzdem immer wieder von Meister Xu unterbrochen und nach Hause geschickt. Er solle sich doch lieber schlafen legen. Die „maîtres“ sind nicht zufrieden mit seiner Handarbeit, mit seiner Arm- und Schulterhaltung und auch mit dem Kopf stimmt etwas nicht. Noch arbeitet er zu schnell, ist zu verkopft in seiner Haltung und Einstellung, um den natürlichen Fluss zu verinnerlichen. Nach Monaten der Beharrlichkeit gewinnt er schließlich ihr Vertrauen, wird als Teil der Familie aufgenommen und bekommt auch hier seinen chinesischen Namen WenSen. Mit seiner Kunst allerdings kann das alte chinesische Paar nichts anfangen.

Foto: Mathieu Lunard

In seinen Arbeiten lässt WenSen ganz dem Lack den Vortritt. Das Material, seine Beschaffenheit, Farbe und Verarbeitung in verschiedenen Stadien werden zum Sujet. Seine abstrakten Bilder ergeben keine klassisch vollendete ausgearbeitete Einheit. Er arbeitet mit unterschiedlich großen Holzplatten; trägt eine erste grundierende Schicht Lack auf und reagiert dann auf Farbe und Form, die sich dabei ergeben. Er beginnt seine Werke scheinbar planlos, ohne ein Bild im Kopf zu haben. Er sagt, dass die Technik so in ihn übergegangen ist, dass alle weiteren Schritte sich auf eine natürliche Weise für ihn ergeben. Auf die Grundierung wird Ramie gelegt, ein Stoff, der an grobes Leinen erinnert und dem Holz Halt und Struktur verleiht für die nächste Schicht groben Lacks. Es folgen weitere Schichten von Lack, oft mit Farbpigmenten versetzt, die dann poliert, geritzt, geschnitzt und mit Gold oder Perlmutt versetzt werden können.

Foto: Mathieu Lunard

Foto: Mathieu Lunard

Bei WenSen bedecken die Ramie-Fasern manchmal nur die Hälfte der Fläche oder ziehen sich in Streifen von oben nach unten. Die erste stumpf grundierende Schicht Lack, von der sich polierte Farbinseln abheben, bleibt in seiner Funktion und rohen Form sichtbar. Ist Lack erst einmal aufgetragen, sind Korrekturen und Reparaturen kaum möglich, was eine erhebliche Konzentration und Geduld bedingt. WenSen scheint sich dieser festgelegten Unumkehrbarkeit, die der Arbeit mit Lack eigen ist, zu entziehen. Er bedient sich traditioneller Handgriffe mit spontan improvisierter Eingebung. Die Kompositionen aus Material und Farbe ergeben sich dem Künstler in gleichsam organisch informeller Manier, so dass jedes Bild seinen Entstehungsprozess transportiert und dem Betrachter Schicht für Schicht seine Geschichte erzählt.

Foto: Vincent Cazeneuve

25 / 11 / 11 - 4:50 Uhr

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