19 / 10 / 2011 - 3:36 Uhr

Le Grand Bleu

Eike Stratmann

photography © Zhe Chen 2011 – courtesy Beaugeste-Gallery.com

An der Fotogalerie Beaugeste von Jean Loh flaniert man nicht zufällig vorbei. Obwohl die Galerie mitten im Tianzifang liegt, einem Labyrinth aus alten Gässchen mit schief schrumpeligen Hexenhäuschen, Boutiquen, Cafés und Bars, wo es nur so wimmelt von Besuchern und Touristen, muss man Beaugeste schon kennen oder gezielt suchen und dann den Lastenfahrstuhl in den 5. Stock erst mal hinter der Wendeltreppe finden! Es ist nur ein kleiner Raum, in dem Jean Loh chinesische Fotografie zeigt.

Auf der Einladung zur neuen Ausstellung „Bees“ von Zhe Chen steht ein Mädchen im Badeanzug mit Taucherbrille vor einem großen Blau. Ach, dachte sich so der ein oder andere, diesmal geht es bestimmt ums Schwimmen anlässlich der Weltmeisterschaft in Shanghai.

Aber dem Mädchen laufen Tropfen-Tränen die Wangen herunter. Ihre Hände zittern und sind deswegen verschwommen auf der Fotografie und an ihren Armen trägt sie Narben vom Ritzen.

Wer in das Bild eintaucht und den Erklärungen von Galerist Jean Loh lauscht, dem vergeht schnell die Heiterkeit. Die 17 jährige auf dem Foto wurde von ihrem Vater geschlagen, sie tut sich selbst Gewalt an und reißt schließlich von Zuhause aus. Sie ist verloren im großen Blau, sie ist wie die Fotografin, sie ist eine „Biene“.

Die Fotografin Zhe Chen aus Peking ist gerade 22 geworden, als sie im April zu Jean Loh in die Galerie kommt, um ihm ihre Arbeit zu zeigen. Der Galerist vertritt eigentlich keine jungen Fotografen. Er konzentriert sich auf die „Veteranen“ der chinesischen Fotografie. Die unerhörten Geschichten sind ihm wichtig. Aber die Dunkelheit und Intelligenz der jungen Frau berühren Jean Loh sofort. Er sagt, etwas in ihrer geheimen und gleichzeitig exhibitionistischen Art überzeugt ihn, dass sie das Kaliber zu einer Autorenfotografin hat.

photography © Zhe Chen 2011 – courtesy Beaugeste-Gallery.com

Als junges Mädchen, mit kompliziertem familiären Hintergrund, fängt Zhe Chen bereits in der Schule an, sich die Haut aufzuschlitzen, sich die Haare auszureißen und sich mit Schlägen zu malträtieren. Sie führt ein fotografisches Tagebuch von ihrem geschundenen Körper und findet in den Selbstporträts ihrer Körperteile einen Weg, ihr Leiden zu kanalisieren.

Mit einem Stipendium in den USA bietet sich ihr eine Ausflucht. 2007 beginnt sie ein Studium am Art Center College of Design in Pasadena. Dort zeigt sie ihr „Tagebuch“ zum ersten Mal einem Professor. Seine Bestürzung, Besorgnis und Anerkennung sind für die junge Frau neu und ermutigen Zhe Chen ihre Bilder zu zeigen, ihr Erfahrungen mitzuteilen. Sie begibt sich auf die Suche nach Leuten wie sie. „Bienen“ nennt sie die Menschen, die ihre Körper mutilieren, modifizieren, ritzen, verletzten, verbrennen, an Depressionen leiden, die ihre Körper markieren. Zhe Chen erkennt sich in denen Bienen wieder, wie sie Vergil beschrieben hat. Sie lassen ihr Leben in den Wunden, die sie für sich selbst geschaffen haben.

photography © Zhe Chen 2011 – courtesy Beaugeste-Gallery.com

Zhe Chen findet einen neuen Zugang zu sich und entwickelt ihre fotografische Arbeit weiter. Dabei geht sie sehr behutsam vor. Sie zeigt und teilt ihre Narben und verbringt viel Zeit mit den „Bienen“, begleitet sie ins Schwimmbad oder ins Krankenhaus, wenn sie sich zu tief geschnitten haben und die Wunden medizinisch versorgt werden müssen.

photography © Zhe Chen 2011 – courtesy Beaugeste-Gallery.com

photography © Zhe Chen 2011 – courtesy Beaugeste-Gallery.com

Die Bilder gehen unter die Haut. Menschen, die sich Schmerz zufügen, um sich ihrer Existenz zu versichern. Die Fotografin schafft intime Einblicke von einer erstaunlich unaufgeregten Vertrautheit. Kein verstohlener Blick von Außen, der einen „moment volé, einfängt. Zhe Chen ist eine genaue Beobachterin, sie wählt präzise ihr Motiv und den Ausschnitt und gleichzeitig ist sie Teil davon, gehört dazu. Sie teilt die Technik der glühenden Zigarette, die Brandflecken mit zwei Ringen auf der Haut hinterlässt. Diese mitgefühlte Selbstverständlichkeit hinterlässt ein beunruhigendes Gefühl beim Betrachter.

photography © Zhe Chen 2011 – courtesy Beaugeste-Gallery.com

photography © Zhe Chen 2011 – courtesy Beaugeste-Gallery.com

Zhe Chen ist auf dem Weg der Heilung, auch wenn es sie noch immer mal „überkommt“ und sie auch am Abend der Eröffnung eine frische Brandnarbe auf der Hand trägt. 2011 gewinnt sie den Inge Morath Award der Agentur Magnum, der jedes Jahr an einen Fotografen unter 30 vergeben wird. „Bees“ ist ihre erste Ausstellung in einer Galerie.

Eine Ausstellung, wie man sie in Shanghai nicht oft sieht. Weil sie weh tut. Das ist auch ein Grund, warum es Jean Loh wichtig ist, seine Galerie abseits vom kommerziellen Rummel zu haben. Seit 12 Jahren ist der Experte für chinesische Fotografie und Buchverleger aus Paris in Shanghai, wo er „immer die Dinge macht, die sonst niemand macht.“

19 / 10 / 11 - 3:36 Uhr

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