22 / 09 / 2011 - 21:55 Uhr

Natur als Sehnsuchtsort

Dorothea Sundergeld

Marta de Menezes: "In the beginning there was the word", gesehen in "Second Nature", Mailand 2011

Marta de Menezes: "In the beginning there was the word", gesehen in "Second Nature", Mailand 2011

Seltsam: je schneller der Mensch die Natur zerstört, desto öfter trifft man sie im Designkontext an. Auf dem Wege in die gezielte Selbstauslöschung haben wir die Fischzucht fürs Wohnzimmer erlebt (Local River, Mathieu Lehanneur 2008), ernsthaft über die Anschaffung eines Kräutergarten fürs Autodach nachgedacht (Bacsac, 2007) und brav von kompostierbaren Picknicktellern gegessen (Eco Ware, Tom Dixon, 2005). Nun gehen wir einen Schritt weiter. Statt unserem schlechten Gewissen gegenüber sterbenden Fischbeständen und ausgebeuteten indischen Reisfarmern mit selbst gezogenen Möhren und fairem Konsumverhalten zu begegnen, inszenieren wir Natur als Sehnsuchtsort. Sie darf nun ins Wohnzimmer und wird zum Ornament.

Der Tisch wird grün, die Natur Ornament.

Der Tisch wird grün, die Natur Ornament.

Auf der London Designweek stellt das Designduo Jailmake gerade einen Tisch vor, an dessen vier Füssen Kräuter, Blumen oder Rankpflanzen entlangwachsen sollen.

Slightly Windy

Slightly Windy

ÉCAL-Absolvent José Ferrufino entwarf 2010, unterstützt von dem traditionellen Schweizer Musikboxenhersteller Reuge, “Slightly Windy“, eine Spieluhr, deren Mechanik beim Abspielen von Musik gülden lackierte Ähren bewegt. Schaltet man sie ein, dann wiegen sich Ähren im Takt von Dusty Springfields „Son of a Preacherman“ – und bringen etwas von der romantischen Leichtigkeit eines windbewegten Kornfeldes ins Wohnzimmer.

Fragile Future, Studio Drift, gesehen in Mailand 2011

Einen der poetischsten Ansätze bei der Ornamentalisierung der Natur bietet das niederländische Designkollektiv Studio Drift. Ralph Nauta und Lonneke Gordijn übersetzen mit „Fly Light“ die scheinbar zufälligen Bewegungsmuster von Vogelschwärmen in LED-bestückten Glasröhren und kleben für „Fragile Future“ Pusteblumensamen auf LED-Lämpchen. Ihre Leuchten produzieren sie in unterschiedlichsten Grössen – von einzelnen Pusteblumen-Lämpchen bis zu dreidimensionalen Lüstern. Sie thematisieren damit die unausweichliche Vermischung von Technologie und Natur, die unsere Zukunft sein wird. Und lassen dabei offen, ob am Ende eine glückliche Symbiose von Mensch, Maschine und Natur steht, oder ob es Natur einfach nur noch als Ornament im Design geben wird.

Fish Rocking Chair

Fish Rocking Chair

Tristan Cochrane, britischer Möbeldesigner mit Wohnsitz in Barcelona, setzt der sterbenden Spezies Fisch ein besonderes Denkmal. Für seinen „Fish Rocking Chair“ kaufte er Sardinen auf dem Fischmarkt, nahm Wachsabdrücke von ihnen, liess sie in Aluminium giessen – und schweisste sie zusammen zu einem Schaukelstuhl von fragwürdiger Bequemlichkeit, aber berührender Präsenz.

"Harvest " von Asif Khan, 2010

"Harvest " von Asif Khan, 2010

Und der Londoner Asif Khan hat den Gedanken eine Drehung weiter gedacht mit seinem Projekt „Harvest“, das er als Designer in Residence am Londoner Designmuseum 2010 realisierte. Dafür nahm er Unkraut der Sorte Gypsophila, die gern zwischen Londoner Gehwegplatten wuchert, liess es an Tischen und Stühlen entlangwachsen und unterzog es anschliessend einer Behandlung von Gefriertrocknung und Plastinierung in Gunther von Hagens-Manier.

22 / 09 / 11 - 21:55 Uhr

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1 Leserkommentar vorhanden

Unitedcasting | Blog | <b>Natur</b> als Sehnsuchtsort

16:53 Uhr  

29 / 09 / 2011 // 

[...] 16:53 in Natur & Katastrophe von katherine neuhaus // Natur als Sehnsuchtsort Seltsam: je schneller der Mensch die Natur zerstört, desto öfter trifft man sie im Designkontext an. Auf dem Wege in die gezielte Selbstauslöschung haben wir die Fischzucht fürs Wohnzimmer erlebt (Local River, Mathieu Lehanneur 2008), ernsthaft über … Read more on art-magazin [...]