08 / 09 / 2011 - 15:54 Uhr

10 Jahre nach 9/11 ist der Terrorismus im Museum

Baden Brothers

Zu sehen bei C/O Berlin:  Christoph Draeger, WTC, 2004, Digitaldruck auf Puzzle, 8000 teilig, 136 x190 cm, courtesy FGS, Karlsruhe.

Zu sehen bei C/O Berlin: Christoph Draeger, WTC, 2004, Digitaldruck auf Puzzle, 8000 teilig, 136 x190 cm, courtesy FGS, Karlsruhe.

Ganz im Sinne des weltweit beachteten zehnten Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September 2001 eröffnen – wie zu erwarten war – zahlreiche Kunstausstellungen, die sich den Topoi der Antizipation, Erinnerung und Bewältigung als ästhetischen Reaktionen auf den Terrorismus widmen. Im MoMa PS1/ New York, der Halle 14 Leipzig/ Nürnberg und bei C/O Berlin sind in aktuell drei großen Ausstellungen verschiedene herausfordernde Kunstwerke zu sehen, die sich in den letzten 40 Jahren mit terroristischen Ereignissen, Bildern und politischen Ursachen oder Folgeerscheinungen des Terrorismus auseinandersetzen.
Vor Ort in New York widmet sich der MoMa Ableger PS1 jenen Kunstwerken, die einem antizipatorischen Vorgehen zugeordnet werden und nicht die bekannten Anschlagsszenen zeigen, sondern Bilder von New York, dem WTC und Momenten, die sich heute, im Nachhinein, gut in den visuellen Komplex von Ikonoklamus und Erinnerungskultur einfügen lassen. Dass die Terroranschläge im kulturellen Diskurs „unterrepräsentiert“ seien, so die Pressemitteilung des PS1, muss jedoch als rhetorisches Understatement betrachtet werden. Höchstens in New York selbst wurde die künstlerische Reaktion auf 9/11 im Ausstellungsbetrieb vernachlässigt behandelt. Auch die kommende Ausstellung, deren schlichter Titel „September 11“ auf die historische Zäsur der Weltgeschichte anspielt, vermeidet offenbar den Blick auf den visuellen Overkill der Bilder, der seit besagtem Datum die Presserückschauen bestimmt. Die verspricht dennoch überraschende Augenblicke:
„The attacks of September 11, 2001 were among the most pictured disasters in history, yet they remain, a decade later, underrepresented in cultural discourse—particularly within the realm of contemporary art. Responding to these conditions, MoMA PS1 curator Peter Eleey brings together more than 70 works by 41 artists—many made prior to 9/11—to explore the attacks’ enduring and far-reaching resonance. Eschewing images of the event itself, as well as art made directly in response, the exhibition provides a subjective framework within which to reflect upon the attacks in New York and their aftermath, and explores the ways that they have altered how we see and experience the world in their wake.“
Mutiger voran geht der Kunstbetrieb in Deutschland, wo bereits einige Ausstellungen die künstlerische Rezeption des Terrorismus zum Thema hatten. In der Akademie der Künste Berlin wurde während der Ausstellung „embedded art“ (2009) die Sonderschau „Aesthetics of Terror“ gezeigt, kuratiert von Manon Slome und Joshua Simon, deren Ausstellungskonzept bislang immer im Simulationsmodus geblieben ist oder nur in Teilen gezeigt werden konnte.
Im Frühjahr 2011 bewies der Berliner Kunstverein Meinblau e.V. das Potenzial autonomer Kleingruppen und zeigte die überzeugende Ausstellung „Global Fight Club“. Deren mitreißender Titel und die Künstlerauswahl vermittelten durch die Arbeit von Matthias Reichelt und Bernhard Draz einen repräsentativen Eindruck von Kunstwerken zum Terrorismus.
Fast gleichzeitig hat die Leipziger Initiative Halle 14, unterstützt von der Stiftung Federkiel für zeitgenössische Kunst und Kultur, die ebenfalls am Thema Terrorismus ausgerichtete Werkschau „Changes“ präsentiert, die nun ab diesem Wochenende in Nürnberg auf dem AEG Gelände zu sehen sein wird. Die von Frank Motz kuratierte Ausstellung bringt einige noch unbekannte Künstler aufs Parkett und fragt nach den Veränderungen in der Kunst, die seit dem „tragischen Startschuss“ ins neue Jahrtausend auszumachen sind.
„Ja, der 11. September 2001 hat die Welt verändert“, meinen 74 Prozent der Deutschen. Zum 10. Jahrestag jenes verheerenden Terroranschlags, der das New Yorker World Trade Center unter den Augen der Weltöffentlichkeit in Staub zerlegte, fragt dieses Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt: Wie hat jener tragische „Startschuss“ ins dritte Jahrtausend, auf den beispielsweise Angriffskriege auf Afghanistan und Irak als vorgebliche Gegenoffensive, aber auch Guantanamo, Karikaturenstreit und ungezählte weitere Konsequenzen einer globalen Hysteriewelle folgten, die Welt und damit auch ihre Kunst verändert? [...] Wäre nicht jetzt aber der geeignete Zeitpunkt, aus der Untersuchung des Geschehenen neue Denk- und Handlungsalternativen für das Kommende bereitzuhalten, um an die Hoffnungen der Jahrtausendwende anzuknüpfen?“
Auf den idealistischen Hoffnungsschimmer, den die Pressemitteilung von „Changes“ an die Wirkungsmacht der Bildenden Kunst knüpft, antwortet die bislang größte Ausstellung zum Thema bei C/O Berlin unter dem Titel „unheimlich vertraut – Bilder vom Terror“, zu sehen ab Samstag. Hier spannt der Kurator Felix Hoffmann den Bogen gleich über 40 Jahre Terrorismuserfahrung und setzt der Epoche die zeitlichen Eckpunkte München 1972 und New York 2001. „Historischer Ausgangspunkt der Ausstellung ist der Angriff eines palästinenischen Terrorkommandos auf die israelische Delegation bei den 20. Olympischen Sommerspielen in München. Erstmals fand ein terroristischer Akt unmittelbar vor den geöffneten Kameraaugen statt – und damit unmittelbar vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Durch die Live-Übertragung im Fernsehen erfolgte eine quantitative Veränderung des Terrors hin zu einer massenkommunikativen Strategie. Die Bildinszenierung ist Teil des terroritischen Aktes. In der modernen Mediengesellschaft wird das Bild quasi zur Waffe und zum Ziel. Und von der Repräsentation der Tat im Bild zum Bild als Tat ist es ein kurzer Weg.
Als extreme Form der Erzeugung von terroristischen Bildereignissen gelten die Anschläge zum 11. September 2001 – dem meist fotografierten und gefilmten Ereignis der Mediengeschichte. [...] Nach Jahren bleiben jedoch nur noch fünf bis zehn Motive im kollektiven Bewusstsein. Diese Beschränkung der öffentlichen Berichterstattung über das Geschehen auf wenige Bildtypen ist kennzeichnend für den medialen Umgang mit Terror.“

Die Ausstellungen bringen in einem Moment der konzentrierten Erinnerungsarbeit die künstlerische Aufarbeitung des gewaltigsten Terroranschlags im Medienzeitalter in den Fokus der Aufmerksamkeit. Es wird sich herausstellen, welche Perspektiven die Analyse der Kunstwerke verändert, ob sich die Distanz zum Ereignis neutralisiert und der 11. September auch ein historisches Mahnmal im medialen Gedächtnis der Kunst bleibt. Im Augenblick des Arabischen Frühlings ist zu hoffen, dass die Geltungsmacht terroristischer Aktionen zurückgedrängt wird und vielleicht die ein oder andere Ausstellung zum Terrorismus das euro-amerikanische Terrain verlassen kann, um den künstlerischen und politischen Diskurs um wichtige Beiträge zu erweitern.
Zur den Ausstellungen erscheinen Kataloge. Alle Institutionen bieten ein umfangreiches Begleitprogramm mit Filmreihen, Vorträgen und Symposium.
Zur weiteren wissenschaftlichen Forschungsarbeit sei folgender link empfohlen:
Netzwerk-terrorismusforschung.de

08 / 09 / 11 - 15:54 Uhr

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