17 / 08 / 2011 - 16:18 Uhr

Vincent van Gogh in der KulturAmbulanz

Baden Brothers

Seit Sonntag zeigt die KulturAmbulanz als Veranstalter die Ausstellung "Durchgang zum Vielleicht. Aktuelle Positionen autistischer Künstlerinnen und Künstler" in der Galerie im Park des Klinikums Bremen-Ost. Unterstützt von der Initiative AKKU haben Volker Elsen und Achim Tischer damit eine weitere Ausstellung konzipiert, die sich als Fortsetzung der Werkschau "Ich sehe was, was du nicht siehst" der documenta Halle in Kassel 2010 versteht. Mit dieser Ausstellungsserie wird endlich Künstlern in Forum geboten, die sich sonst eher aus dem Showbizz heraushalten und ihre Werke unabhängig vom Galeriebetrieb produzieren. Diese Initiative, die vor allem Künstlern mit Autismus die Gelegenheit gibt, ihre Kunstwerke zu zeigen, ist ein Vorbild, dem sich auch neuere Ausstellungsreihen wie "Secret Universe" anschließen, die von Udo Kittelmann und Claudia Dichter im Museum Hamburger Bahnhof kuratiert werden, und ebenfalls "Außenseiter-Künstlern ohne jedes Netzwerk"(vgl. ART-Magazin 05/2011) den Weg in die offizielle Rezeption der Kunstgeschichte ebnen sollen.

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:
Deniz Aras, Olaf Behnke, Adolf Beutler, Benjamin
Binder, Angelika Bienst, Felix Beilstein, Stefanie Bubert,
Kai Dürrbaum, Aaron Fahlefeld, Konrad H. Giebeler,
Karita Guzik, David Jünck, Mona Marecki, Menia, N.N.,
Stefan Schneider, Richard Schwaab, Marina Sonnenberg,
Matias Völksch, Stefan Wepil, Regina Welter-Wiesel, David
Wermuth, Philipp Wewerka, Nadine Wohld

KulturAmbulanz.
Durchgang zum Vielleicht, 14.08.-09.10.2011

Die KulturAmbulanz bietet hier im Klinikum Bremen-Ost eine wichtige kulturelle Anlaufstelle. Jedoch hier geht es nicht um ästhetische Notfälle, die einfach so im Vorbeigehen – als Schnellimbiss – behandelt werden. Gemäß dem lateinischen Wort „ambulare“ versteht sich ein Besuch in der KulturAmbulanz eher als ein genussvoller Lustmarsch durch eine Agentur der Wahrnehmung, die Ihnen Kunst als Heilung vom Alltäglichen anbietet. Kunst bedeutet in diesem Haus eine sanfte Behandlungsmethode des von der Arbeit oder auch von Krankheit sich erholenden Besuchers.
Zugleich wird die Ausstellung von zwei Kuratoren betreut – Achim Tischer und Volker Elsen –, welche die Kunstwerke sorgsam ausgewählt und nach verschiedenen Bereichen der Produktion und Wahrnehmung sortiert haben. Man spricht in diesem Fall bewusst nicht nur vom „Ausstellungsmacher“, sondern von einem Kurator, der sich der Pflege der Kunst zuwendet und sich um sie sorgt. Gerade in der Gegenwart bedeutet das Kuratieren ein Kurieren, ein im ursprünglichen Sinne des Wortes behutsamer Umgang mit Kunstwerken und deren Wahrnehmung. Genau genommen darf man in diesem Falle sogar von der Kulturpflege als einem Heilungsprozess sprechen, in dem Kunstwerke und Künstler von Klischees und Stigmata befreit werden sollen.

In dieser Ausstellung, die die Kunst aufs Krankenhausgelände bringt, soll nämlich auch der „Durchgang“ bereitet werden, um die Kunst von der Klinik und der Therapie zu befreien.
Die KulturAmbulanz verweist mit dieser Werkschau von Künstlerinnen und Künstlern mit Autismus zwar auch auf den Kontext der Produzenten, die ausgestellten Werke sprechen jedoch für sich. Und dadurch, so ist zu behaupten, sollen die Künstler ihre Autonomie gewinnen. Man kann deshalb nicht mehr von „Outsider-Art“ oder ähnlichen inadäquaten Begriffen sprechen, wie es die Kunstwissenschaft gerne getan hat, um das Unbekannte mit einem Label zu versehen. Vielmehr muss akzeptiert werden, dass ein Kunstwerk, sobald es im Museum ist, nicht mehr „außen vor“ ist, sondern aufgenommen in den Ausdruckspool der Kunst. Damit einher geht die Lösung vom Label der Besonderheit und die Künstlerinnen und Künstler mit Autismus entlassen ihr Werk in die Freiheit. Für viele Künstler ist es schwer, ihr Werk zu veröffentlichen. Noch schwerer ist es oft, das Kunstwerk ohne den Kontext seiner Produktion zu betrachten. Doch genau um diesen Versuch möchte ich Sie bitten! Denn Kunstwerke sind nicht autistisch, sie sind Produkte eines oft schwierigen Schaffensprozesses und notwendiges Mittel, um mit einer Außenwelt in Kontakt zu treten, deren Durchgang dem Künstler mit Autismus vielleicht verwehrt bleibt.

Die Botschaft der Ausstellung ist also unmissverständlich: Es soll hinaus gehen, die Kunst ist der Weg in eine Kommunikation mit der Familie, mit Freunden und mit einer Öffentlichkeit.
Kunst bedeutet in dieser Ausstellung auch, dass Werke ganz bewusst ausgesucht wurden, um sich in einer Ausstellung zu behaupten und um wertgeschätzt zu werden. Denn nur durch Beachtung wird ein Kunstwerk zum Kunstwerk.
Im Fokus der Ausstellung stehen deshalb auch die Künstlerinnen und Künstler, die sich mit ihren Werken mutig offenbaren und sehr persönliche, ja fast intime Ansichten ihrer Selbst präsentieren.

Hier in der Ausstellung „Durchgang zum Vielleicht“ wird ein Potential angeboten, nämlich die Betrachtung und Bedeutung von Kunstwerken. Diese Kunstwerke sind eine Besonderheit, für viele Betrachter sind sie noch unbekannt, sie bieten aber den Weg – einen „Durchgang“ – zu einer vielseitigen Erkenntnis an, genauer: Dem Prozess ihrer Entstehung und dem Bezug zu ihrer Umwelt. „Vielleicht“ – meint der Titel – werden die Werke mit Ihnen eine Beziehung eingehen, das heißt sich anbieten und beachtet werden. „Vielleicht“ heißt aber auch, dass Sie Pech haben können, und es kommt zu keinem Einverständnis mit dem Kunstwerk. Das wäre keine ungewöhnliche Situation, denn Kunst ist immer anspruchsvoll und fordert heraus. Ein Kunstwerk ist eine große Unbekannte, die entdeckt, ja aufgedeckt werden will. In dieser Unbekannten liegt eine Botschaft, mit der sich der Künstler oder die Künstlerin an Sie, die Betrachter, heranwagt. Sie werden überrascht sein und erstaunt, in welcher Vielfalt diese Ausstellung Ihnen den Blick auf eine ganz spezielle Kunstproduktion gewähren wird.

Die Kunstproduktion bei Künstlern mit Autismus ist geprägt von einer pathologischen Begrifflichkeit, die den Künstlern einen Sonderstatus zuspricht: Menschen mit Autismus sind ein besonderes Phänomen, sie sind eine Ausnahme und zugleich Teil der Gesellschaft. Ihre Kunst ist oft unkonventionell und entzieht sich klassischen Kategorien. Der französische Künstler Jean Dubuffet nannte diese Kunst deshalb „art brut“, die Kunst der Überraschung, das Ungewöhnliche und Ursprüngliche.

In der Gegenwart muss die künstlerische Arbeit von Künstlern mit Autismus aber viel weiter ausdifferenziert werden. Sie zeigt außergewöhnliche Wahrnehmungsprozesse auf und beweist die Sonderstellung von Menschen innerhalb einer Spezies von Künstlern, die das Auge und die Imagination der Betrachter herausfordern.
Umso interessanter erscheint deshalb die Frage, was uns das Kunstwerk von Autisten bedeutet? Welche Bezüge zu unserer und ihrer Umwelt macht das Werk erschließbar?

WISSENSCHAFTLICH ausgedrückt bedeutet dies: Wie ist es für „Neurotypische“ Betrachter möglich, dem Symbolwert und der Idee eines Kunstwerks von Menschen mit Autismus auf die Spur zu kommen?

In Ihrer Abhandlung mit dem Titel „Neurotypische Gedanken über Autismus und Kunst beginnt Anke Solbrig mit einer einleuchtenden Differenzierung von neurotypischen Kunstschaffenden und Künstlern mit Autismus:
„Wenn aber schon NT-Künstler profane Überlappungen mit "echten"
Autisten aufweisen, gibt es dann überhaupt spezifisch autistische Kunst
oder sind es eher singuläre Autisten, die ein Spezialinteresse an Kunst und
Kunstproduktion haben? Wie sieht diese aus und unterscheidet sie sich von
NT-Kunst?“

Prinzipiell lässt sich auf diese Fragestellung nur antworten, dass ein Kunstwerk seine Entstehung verschiedenen Ursachen verdankt, sei es intrinsische Motivation des Künstlers oder anleitende Bemühungen eines Therapeuten. Für das entstandene Werk folgt dann die Selektion: Wird es als wertvoll befunden und aufbewahrt, vielleicht sogar in einer Ausstellung gezeigt? In der Selektion allein beweist sich schließlich die Qualität eines Werkes. Für seinen öffentlichen Auftritt sind natürlich Spekulationen über die neurotypische Disposition von Künstlern willkommen, ganz frei dem Motto, dass Genie nahe dem Wahnsinn läge. Je ausgefallener und überraschender ein Künstler erscheint, desto faszinierender findet ihn das Publikum:
„Der Status der Asperger-Autisten und High-Functioning-Autisten wird
immer wieder durch Spekulationen darüber in glanzvolles Licht gesetzt, welche
Prominenten in Wahrheit Autisten gewesen seien. Die bekanntesten,
immer wieder auftauchenden Namen sind: Michelangelo, Wolfgang Amadeus
Mozart, Ludwig Wittgenstein, Anton Bruckner, Wassily Kandinsky, Albert
Einstein, Glenn Gould, Andy Warhol. Allen gemeinsam ist eine herausragende
Fähigkeit, Erfindungsgabe, eine singuläre Stellung unter Gleichen
oder sogar der Genie-Status, wie bei Mozart und Einstein.“

In einem solchen Licht sonnt sich die Kunst gerne, wiewohl nur wenige Persönlichkeiten von Weltruhm auch wirklich autistisch veranlagt gewesen sein mögen. Eine Entscheidung darüber bleibt der Pathologie überlassen, für die Ästhetik rückt das Werk in den Vordergrund, um auf allgemeine, gesellschaftliche Bezüge zu verweisen. Diese Deutungsaufgabe erfüllt die Vermittlung der Kunst im Rahmen einer Ausstellung wie dieser.

Hier werden spezifische, für die Bildende Kunst charakteristische Details offenbar. Die Werke der ausgestellten Künstler beschäftigen sich mit Texten, Zeichen, Sprache, Identität
und Tönen. Ein besonderes ästhetisches Merkmal gilt allen Werken: Sie sind Produkte einer ausdauernden Konzentration, die nicht alltäglich ist.

Kunst kann nur in Ausstellungen oder in Sammlungen übersichtlich und vergleichbar werden. Umso wichtiger ist es, mit immer wieder neuen thematischen Fragestellungen den Bestand zu sichten und öffentlich zugänglich zu machen. Dadurch erhöht sich die Akzeptanz der Öffentlichkeit in zunehmendem Maße, das Ungewöhnliche, Unbekannte oder – nicht „Neurotypische“ – als festen Bestandteil der Gesellschaft wahrzunehmen und hierin die Möglichkeit zu erkennen, der eigenen Perspektive spannende Alternativen zur Seite zu stellen.
„Das Denken über Autismus und Kunst lässt offene Fragen: Wie viel
Fremdheit verträgt Kunst? Wie distinkt sind die Grenzen zwischen Individualismus,
Egoismus, Narzissmus, Autismus? Wie souverän ist ein NT?
Sind NT-Künstler noch souveräner als andere NTs? Wie frei oder gefangen
ist ein autistischer Künstler? Gibt es eine Kunst, die genuin autistisch ist?
Ist der Autismus ein konstituierendes Element für die Kunst von Autisten?“(Anke Solbrig)

Eine Ausstellung, die sich als „Durchgang zum Vielleicht“ versteht, macht deutlich, wie fruchtbar die Auseinandersetzung mit Werken autistischer Künstler ausfallen kann und dass hiermit die Tür in viele neue Einzelwelten aufgestoßen wird, die bisher unentdeckt waren.

Um in der Kunst Geltung zu erhalten, muss das Werk eines Künstler überhaupt entdeckt werden. Der Kunsthistoriker Beat Wyss greift hierfür im Zuge einer Gegenüberstellung von US-Amerikanischer Kunst und Deutscher Pop-Art der späten 60er Jahre auf die Ornithologie als Metapher zurück: „Kunst wird erst Kunst, wenn sie erkannt und benannt wird. Was nicht in den Diskurs kommt, fällt aus dem System Kunst heraus, frei wie der Sperling unter dem Dach.“  Deshalb, so Wyss, gehe es um die Entdeckung der Papageien wie der Sperlinge, die alle schräge Vögel sind und sich als Stellvertreter der Kunstwelt bestens eignen.

Kunst muss also sichtbar gemacht werden. Denn von Paul Klee, dem modernen Schweizer Künstler, wissen wir: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, Kunst macht sichtbar.“
Sie deckt uns das Unbekannte auf und hilft uns, die Komplexität der Welt zu entdecken und gerne zu haben.
S. Baden

17 / 08 / 11 - 16:18 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

Evelyne Wepil

11:51 Uhr  

25 / 08 / 2011 // 

Das ist wieder ein sehr guter Artikel, den ich um eine Aussage von Stefan Wepil in Kassel 2010 erweitern möchte: "Die Künstler mit Autismus sind die Kolibris unter den Künstlern, würden sie fehlen, ginge langfristig ein befruchtender Teil der Kunstszene verloren".