03 / 06 / 2011 - 19:05 Uhr

Schöne neue Bakterienwelt

Dorothea Sundergeld

Allein der Gedanke an Coli-Bakterien macht Norddeutsche gerade so nervös, das sich auch Teilzeitvegetarier wie ich nur noch von Grillfleisch und Pasta ernähren – und nach dem Verzehr einer Erdbeere Schuldgefühle aufkommen wie sonst nur nach einer Packung Ben & Jerry’s. Je größer die Angst vor obskuren Bakterienklonen, die auf (und unter!) der Haut von Gurke, Tomate und Salatblatt lauern, desto bedeutungsvoller wird die Arbeit von Alexandra Daisy Ginsberg und James King. Die beiden britischen Designer beschäftigen sich mit synthetischer Biologie, einer relativ neuen wissenschaftlichen Forschungsrichtung, bei der es um die Manipulation lebender Systeme geht. Einfach ausgedrückt: sie entwerfen Bakterien.

Das klingt für einen Designer erstmal relativ kompliziert, ist aber mit Unterstützung einiger Wissenschaftler gar nicht so schwierig Daisy Ginsberg jedenfalls studierte Design am Royal College of Art in London, und lernte das Bakteriendesign in einem Crashkurs in synthetischer Biologie am MIT in Cambridge. Die Designer manipulieren e.coli-Bakterien so, das sie sich nützlich machen, indem sie Farbstoffe produzieren, dort wo Krankheitserreger oder toxische Stoffe vorkommen. Genauer gesagt: Sie entwerfen Bio-Bricks, standardisierte DNA-Abfolgen, die Gene von lebenden Organismen enthalten, welche in der Lage sind, Farben herzustellen. Diese „programmieren“ sie für verschiedene nützliche Zwecke und fügen sie e.coli-Bakerien zu. Die Designerbakterien e.chromi bestehen aus einem Sensor, der den Gehalt toxischer Stoffe in seiner Umgebung feststellt, und einem „sensitivity tuner“, der ab einer gewissen Konzentration der toxischen Stoffe zu der Ausschüttung von Farbstoffen führt.

Was man damit alles anstellen kann, zeichnen sie in Form einer fiktiven Zeitleiste auf: schon jetzt könnte man mit Sensorbakterien den Arsengehalt in Trinkwasser erkennen. 2039 könnte es probiotische Drinks geben, die mit e.chromi versetzt sind. Wenn man sie trinkt, erkennen die Bakterien eventuelle Krankheitserreger im Darm und verfärben den Stuhl. Blau steht für Wurmbefall, Gelb für Kolitis, Pink für Salmonellen, Violett für Magengeschwüre – Heimdiagnose leichtgemacht. Aber es wird noch besser: 2049 könnten Terroristen der niederländischen „Orange Liberation Front“ eine Antibiotika-Bombe zünden, die die Mikroorganismen zerstören, die für die Produktion des Farbstoffes Orange zuständig sind. Sie protestieren damit gegen eine chinesische Firma, die sich das Gen für die niederländische Nationalfarbe patentieren lassen hat. Und 2069 könnten genetisch manipulierte Bakterien die Wolken über der Stadt rot verfärben, sobald der Gehalt toxischer Stoffe eine gewisse Grenze überschritten hat.

Mit ihrer Arbeit gewannen Ginsberg und King 2009 den Grand Price der international Genetically Engineered Machine Competition (iGem), der jährlich vom MIT ausgeschrieben wird. Bis zum 7. August ist ihre Arbeit im Design Museum London zu sehen (Designs of the Year). Paola Antonelli, Design-Kuratorin des New Yorker MoMa, und Alice Rawthorn, Designkritikerin der New York Times, wählten Daisy Ginsberg in ihre Liste der 20 vielversprechendsten Designern des kommenden Jahrzehnts.

Wer Angst hat, das uns die ganze schöne bunte Designbakterienwelt um die Ohren fliegen könnte, besucht das naturhistorische Museum in Wien. Da läuft noch bis zum 26. Juni Synth-ethic, eine Ausstellung, welche die moralischen Konsequenzen dieser Wissenschafts- und Kunstform thematisiert.

03 / 06 / 11 - 19:05 Uhr

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