05 / 05 / 2011 - 21:54 Uhr

Brutaler Wohnen

Dorothea Sundergeld

Gewalt als Dialog, harmonische Detonationen und ein Sitzmöbel, das aus der Asche geboren wird: Drei Designer, die konstruktiv kaputtmachen und den Zufall mitspielen lassen

Ist eine Bombe im Sideboard explodiert? Hat jemand in einem Anfall das Regal zerhackt? Der französische Designer Vincent Dubourg verbiegt Holz bis es aufbricht, splittert, zerbirst. Der Dialog zwischen der Kraft seiner Muskeln und dem Material, das sich wehrt, endet in einem Tanz, einem Moment von dunkler Schönheit, der in Metalguss festgehalten erstarrt, aus Aluminium gepresst und hochglanzpoliert wird. Noch bis zum 28. Mai stehen die acht Stücke seiner Kollektion „Inside“ in der Londoner Carpenters Workshop Gallery. Man kann sie ansehen, das Innere, das hier nach Außen gekehrt ist, inspizieren und dazu im Kopf Filme ablaufen lassen. Von explodierenden Paketbomben oder von einem Designer, der seine Wut an einem funktionalen Objekt auslässt und es damit zur Skulptur macht.

Da Frauen im allgemeinen über weniger Muskelkraft verfügen, müssen sie zu Hilfsmitteln greifen, um dergleichen zu erzielen.Tina Becker,  Designstudentin an der HfG Karlsruhe entschied sich dafür, dicke Metallplatten mit Sprengstoff zu bearbeiten. „Ich war spät dran mit meiner Semesterarbeit und wollte vor allem etwas machen, das schnell geht“ ist ihre obskure Erklärung. Letztendlich erforderte es viel Zeit, zahlreiche Besuche im Steinbruch und die unermüdliche Unterstützung zweier Sprengmeister vom THW, bis die ersten brauchbaren Ergebnisse entstanden. Die sind erstaunlich organisch geformt und erinnern ein bisschen an Verner Panton. Zu sehen im Rahmen der Ausstellung „Design: Kkaarrlls!“im Badischen Landesmuseum vom 20. August 2011 bis 8. Januar 2012.

Was machen junge Männer bei Liebeskummer? Sie betrinken sich mit ihren Freunden. Oder sie machen ein Lagerfeuer, um die schmerzliche Erinnerung zu verbrennen. Als der belgische Designer Kaspar Hamacher sich nach der Trennung von seiner Freundin völlig ausgebrannt fühlte, musste er weg aus Brüssel, zog sich zurück in den Wald, in dem er als Sohn eines Försters aufgewachsen war, und begann, Holzklötze anzukokeln. Vielleicht hatte es einen seelenreinigenden Effekt, der zerstörenden Glut zuzusehen, wie sie sich gierig ihren Weg durch das trockene Holz frisst. Jedenfalls ging es Kaspar Hamacher danach besser. Er enfernte die Baumrinde, versiegelte die verkohlten Innenseiten und stellt die Hocker auf Messen vor, zuletzt während der Mailänder Designwoche. Sie könnten morbide Geschwister des Backenzahn-Hockers von e15 sein.

05 / 05 / 11 - 21:54 Uhr

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