17 / 02 / 2011 - 14:05 Uhr

Let it grow

Dorothea Sundergeld

Let it grow (Foto: Thomas Rusch)

Haar ist ein interessantes Material. Auf dem Kopf getragen, symbolisiert es Verführung, Schönheit, Begehren. (Foto: Thomas Rusch)

Zumindest, solange es am Körper bleibt. Fällt es aus, wird das Haar sofort abstossend. Es bildet verfilzte Schichten in Haarbürsten. Schließt sich mit anderen zu unhygienischen Wollmäusen zusammen in Schwimmbad-Umkleidekabinen. Ringelt sich unter Kopfkissen in zerknautschten Betten und ist plötzlich nichts weiter als Futter für die Milbenpopulation der Matratze. Das lebendige wie das tote Haar berührt, steckt in allen Weltreligionen voller Bedeutung. Islamische Frauen verhüllen ihr Kopfhaar in der Öffentlichkeit, Sikhs schneiden es ab der Pubertät nicht mehr, manche orthodoxe jüdische Frauen rasieren sich aus Gründen der Demut das Haupthaar, Hindus opfern es ihrer Gottheit wenn ein enger Verwandter gestorben ist. Für Freud hatte es als als sekundäres Geschlechtsmerkmal phallische Bedeutung. Im alten Testament steht es für Kraft – Samson gilt als unbesiegbar, bis ihm Delila die Haare abschneidet. Das Schönheitsideal der westlichen Welt des beginnenden 21. Jh verdrängt das Haar zusehends vom Körper. Körperbehaarung ist jedenfalls heute ein Thema, das Internetforen mit lustigen und käsigen Beiträgen füllt. Auch Produktdesigner widmen sich gern einem emotional so aufgeladenen Thema, denn kaum ein Material provoziert so schnell Emotionen wie das Haar.

Bun Box von Emilie Voirin (via Dezeen)

Die in London lebende französische Produktdesignerin Emilie Voirin hat kürzlich „Bun Boxes“ vorgestellt – Porzellangefässe, deren Deckel von Haarknoten geziert werden. Als hätte Oma das geflochtene Haarteil, das sie zur Verstärkung ihrer Frisur einsetzte, zum Schraubverschluß umfunktioniert.

Haarpinsel von Emilie Voirin (Foto via Dezeen)Auch Peitschen und Rasierpinsel gestaltet Voirin mit langem, seidenweichen Frauenhaar. „So bekommen Dinge, die ursprünglich harte, stumpfe Funktionen haben, eine freundlichere Aussage“. Verfügbar sind Dosen, Peitschen und Rasierpinsel in diversen Haarfarben, glatt oder gelockt, mit echtem Haar oder Kunsthaar.

Haar-Bürste von Lea Häfliger

Was für Gefühle erzeugt Haar?“ fragte auch Lea Häfliger bei ihrer Abschlussarbeit an der Design Academy Eindhoven und gestaltete Prototypen von Haarbürsten, deren Griff mit einem langen schwarzen Haarschopf ausgestattet ist. So wird das Ritual des Bürstens zur sinnlichen Erfahrung.

Luxury Pleasures von Jacobo Muñoz

Und der mexikanischen Designer Jacobo Muñoz entwarf für seine „Luxury Pleasures“, einer von Motiven der Genesis inspirierten Serie an Sextoys eine Peitsche aus eng geflochtenen Menschenhaaren. „Am sechsten Tag erschuf Gott den Menschen“, erklärt Muñoz dazu, „Der Marmorgriff ist eine Referenz auf den Tod – so wie der Altar in der Kirche für das heilige Grab steht. Die Peitsche hat 39 Schnüre, denn 39 Peitschenhiebe waren zu Jesus Zeiten die maximale Anzahl für religiöse Strafen.“ Huch! So bedeutungsüberladen kann Spielzeug sein? Nur gut, das am siebten Tag frei ist.

17 / 02 / 11 - 14:05 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

Esther

20:46 Uhr  

24 / 02 / 2011 // 

siehe auch: Hakan Evcin: Filz aus Menschenhaar, manchmal gefärbt, manchmal nicht. Viel Echthaar aus Neukölln, aber nicht nur!

http://www.e324.de/solovely.php
http://www.hakan-evcin.de

Gruss, Esther