20 / 01 / 2011 - 14:19 Uhr

Kau dir ein Reihenhaus!

Till Briegleb

Was hat Elastizität in der Architektur zu suchen? Eigentlich doch nichts. Lebewesen, die sich den ganzen Tag über Trampolins fortbewegen, Hochhäuser, die hin und her wiegen wie eine Ähre im Wind, und wenn abends alle zur gleichen Zeit in der Küche stehen, küsst der First den Garten – ein Graus, oder? Will man Türen zuschlagen, die dann nur leise “Plopp” machen oder nachgebende Toilettensitze? Und beim Geschlechtsverkehr zu Gymnastik mit Sprüngen wie auf dem Mond gezwungen sein? Das alles erspart vermutlich Kieser-Training und Schwabbelwampen, aber der Mensch ist doch kein Flummi und das Leben kein Marvel-Comic. Wir haben ein Recht auf Stabilität, Statik und feste Böden. Warum also sind Architekten immer wieder so fasziniert vom Unpraktischen?

Schuld ist vermutlich die Kunst, beziehungsweise der Minderwertigkeitskomplex der Architekten, nicht als richtige Künstler zu gelten. Gelangweilt von rechten Winkeln, Fallrohren und Industrienormen und als Sklaven der Dienstbarkeit in ihrer Ehre gekränkt, suchen talentierte Architekten ihr Heil in der Inspiration. Und wie das so ist mit der Fremdbeseelung, die wird halt schnell metaphorisch. Da wird dann von Fassaden nicht nur als “Haut” gesprochen, sondern irgendwelche Gerüste werden tatsächlich mit irgendwelchen Latex-Laken oder aufblasbaren Kissen überzogen.

Medienzentrum von Cloud 9 in Barcelona

Die geologische Elastizität wird in teigähnlichen Großformen nachgebaut,…

Nationalarchiv für Mexico City von Rojkind Architectos

…und wenn das noch nicht reicht, inszeniert der Architekt das Haus als Erdbeben.

Entwurf für ein Universitätsgebäude von Frank O. Gehry

Blasen,…

Schwebende Helium-Blasen für einen Aussichtsturm von den rumänischen Architekten upgrade-studio

…Zelte,…

Centre Pompidou in Metz von Shigeru Ban

…Quallen…

Bibliotheksentwurf für Prag von Future Systems

…Bälle…

Club Med von Edouard Francois

…Beulen, Fäden und elastische Wände gehören mittlerweile zum Repertoire jedes Entwurfskünstlers, der was von sich hält, und werden von Museen bis zu Einfamilienhäusern dort eingesetzt, wo Bauen Philosophie ist und nicht nützlich. Und natürlich sieht das oft geil aus, befriedigt unsere Lust am Ausgefallenen, bereichert unsere Weltanschauung und verdient zu Recht mehr Aufmerksamkeit als das hier:

Einfamilienhaus in Glienicke / Nordbahn für 219.990 Euro

Aber mal mit aller wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit betrachtet ist Elastizität in der Architektur das Gleiche wie Kalbsleber in der Kalbsleberwurst: so gut wie nicht vorhanden. Fliegt der Fußball auf die Panoramascheibe, biegt sie sich nur ein bisserl, bevor sie bricht. Rütteln Wind oder Erdbeben am Hochhaus, wird einem ganz oben tatsächlich ein wenig schlecht. Brücken, die an Seilen hängen, fangen nur dann so lustig an zu schwingen, dass die Autos durch die Luft purzeln, wenn der Ingenieur beim Rechnen wieder nebenbei den Porno-Kanal auf dem Computer laufen hatte. Und Federn findet man außer unter Konzertsälen und Turnhallenböden höchstens noch  an der Spitze der Montblanc-Füller in Gold, mit denen Stararchitekten ihre Bildbände signieren. Ansonsten ist echte Biegsamkeit der Horror jedes Bauvorhabens und der Grund herrlicher Rechtsstreitigkeiten. Das Expander-Prinzip in der Architektur ist reine Deko, unfreundliches Design vom Nutzerstandpunkt gesehen, der Sieg des Ateliers über die Baustelle.

Nun hat der Schweizer Architekturverlag Lars Müller Publishers gerade eine schillernde Buchcollage zum Thema “Elastizität” heraus gegeben, die voll in die Inspirationskerbe schlägt. Da verkleidet ein Architekt sein Gesicht mit rosa Kaugummis, die er vorher mündlich in Form gebracht hat, Ferkel Scarlet demonstriert seinen Spaß am Trampolin (siehe oben), der niederländische Elasto-Architekt Lars Spuybroek erklärt seine Vorstellungen von Morphogenesis, die er von Gottfried Semper über Frei Otto bis zu Lars Spuybroek als seriöse und innovative Bautradition beschreibt, und Hirnforscher legen dar, wie elastisch das Gehirn eigentlich funktioniert, weil es seine Verbindungen verdickt und vergrößert, wo das Denken trainiert wird, und dort in Diät schickt, wo Bewusstsein und Training vernachlässigt werden. Es gibt Bilder von dem Zirkusartisten “Gummi-Man” (der sich irgendwann das Rückgrat gebrochen hat) als alter Mann auf seinem Bett, von Trauerweiden unter Schneebefall und Vergrößerungen von Spinnennetzen. Sehnen und Zähne, physikalische Formeln und Liebesbriefe aus Afghanistan, Fullerene und Paktebänder steuern assoziative Aspekte zum Thema bei, und am Ende stellt man staunend fest, wie elastisch dieses Thema doch ist.

Für den Bau Ihres Einfamilienhauses empfiehlt diese bizarre Lektüre allerdings erst Recht einen Architekten, der sich mit Licht, Materialien, Kosten und vielleicht auch Fallrohren auskennt. Wenn er dann auch noch Geschmack und Ambition hat, sind seine Fähigkeiten für normale Bedürfnisse vermutlich ausreichend weit gedehnt. Vom Haus aus Gummi würde ich jedenfalls dringend abgeraten, denn auf das Leben im Wackelpudding wartet garantiert ein Ende in der Gummizelle.

20 / 01 / 11 - 14:19 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

Doris Thut

11:19 Uhr  

20 / 08 / 2011 // 

Sie haben natürlich recht.Die Tatsache des Gebrauchs wird mangels Fantasie, die aus dem Gebrauch schöpft, ganz allgemein ver-nachläßigt, auch bei dem Reihenhaus, das Sie der Gebrauchs- architektur zuweisen. Damit sabotieren Sie das Thema des Gebrauchs bedienen die gleiche “Oberfläche”.
Ich habe heute Ihren Beitrag in der SZ ” Die Commonarden” gelesen,
der ebenfalls von einer zwiespältigen unf fatalistischen Haltung geprägt ist.
Gerne würde ich mit Ihnen über diese Themen diskutieren!