30 / 12 / 2010 - 17:40 Uhr

Friedhof einer Kuschelbranche

Till Briegleb

hog_lake

Es ist ein schöner Brauch bei manchen Architekten, am Jahresende ein Essen zu veranstalten, zu dem Kollegen, Kritiker und Feunde zum zwanglosen Austausch eingeladen sind. Diese netten Gesten sind in der Krise der Bauwirtschaft der letzten Jahre zwar weniger geworden, aber es gibt sie noch. Oft steht auf den schön gestalteten Einladungen auch schon drauf, was es geben wird: Austern, Ente, Hirsch oder Gulasch. Auf jeden Fall ein Tier. Da man in diesem feierlichen und herzlichen Rahmen niemand beschämen möchte, wird diese Wahl natürlich nicht kritisiert. Aber im Verhältnis zum großen Öko-Hype, der die Architekten zu Gralsrittern einer sauberen Umwelt gemacht hat, die unverdrossen darum kämpfen, dass ihre Häuser immer klimaschonender, gesünder und nachhaltiger dastehn, drängt sich die Frage dann doch mal auf: Muss das sein?

Um nicht lange um den heißen Fleischbrei herum zu reden, hier einige böse Fakten.

Die Massentierhaltung, die 98 Prozent unseres täglichen Fleischkonsums liefert, ist ein sehr viel größerer Klimakiller als alle Autos, Flugzeuge, Züge und Schiffe zusammen. Methan, Stickoxide und andere Treibhausgase, die durch die Gülle der Abermilliarden Masttiere produziert werden, die wir jährlich züchten, um sie zu essen, haben die Fleischindustrie zum größten Beschleuniger des Klimawandels weltweit gemacht. Wer also sein Haus dämmt, darin aber jeden Tag ein Kotelett bruzzelt, kann eigentlich gleich die Fensterscheiben einschmeißen.

Die UN zählt darüber hinaus die Massenzüchtung und -tötung zu den Hauptfaktoren bei folgenden globalen Umweltproblemen: Bodenzerstörung, Luft- und Wasserverschmutzung, Wassermangel, Vernichtung der Artenvielfalt. Denn trotz der qualvollen Enge, in der die Masttiere ihr sehr kurzes Leben absolvieren, produziert deren Versorgung mit Wasser und Nahrung sowie die Beseitigung ihrer Fäkalien einen verschwenderischen Raubbau an Ackerflächen, Wäldern, Trinkwasserreservoires und sauberer Luft. Von dem Getreide, das die Kuh für die Erzeugung eines Schnitzels gegessen hat, könnte man noch 25 arme Inder satt kriegen. Und an den Giften, die Schweinemastbetriebe in die Umwelt lassen, sterben in den USA jährlich mehr Menschen als an AIDS – und zwar ganz ohne Sex.

Auch gesund ist Fleisch leider nicht die Bohne. Von Fett, Cholesterin und anderen belastenden Bestandteilen mal abgesehen, die bei Dauerkonsum den Körper aufblähen und auslaugen, verinnerlicht der Burger-Esser wie der Freund des Coq au vin unfreiwillig erhebliche Menge an Medikamenten, die den Tieren zugeführt werden müssen, damit sie überhaupt die wenigen Wochen bis zur Schlachtung im Stall mit tausenden genetisch veränderten Artgenossen überleben können. Trotzdem produziert die entsetzliche Enge und die katstrophalen hygienischen Zustände in den Mastbetrieben immer wieder neue gefährliche Viren-Typen, die auf den Menschen überspringen und weltweit tödliche Grippe-Epedemie auslösen können (höflich Vogel- oder Schweinegrippe benannt). Da Fleischesser unter der Dauermedikation mit Antibiotika stehen, schlagen im Krankheitsfalle viele dieser Mittel dann leider nicht mehr an. Ihr Vorteil bleibt dann nur, dass sie nach dem Ableben begraben und nicht gegessen werden.

Es gibt noch zahlreiche andere gravierende Einsprüche gegen den massenhaften Verbrauch von Tierkörpern, zum beispiel tier-ethische, ernährungswissenschaftliche und ökonomische. Aber das kann jeder, der das andere Ende der Wurst kennen lernen will, bei kompetenteren Autoren nachlesen: etwa in Jonathan Safran Foers “Tiere essen“. Der amerikanische Romanautor hat – als gewöhnlicher Fleischkonsument – anlässlich der Geburt seines Sohnes zu fragen begonnen, was er ihm da eigentlich zu essen gibt, und hat nach dreijähriger Recherche ohne jede ideologische Verbortheit und moralische Säuerness die klaren Fakten und Zusammenhänge der Fleischherstellung dargestellt. Wem dabei nicht mindestens einmal richtig übel wird, der hat einen echten Kuhmagen oder ein sehr hungriges Unterbewusstsein.

Auch die deutsche Romanautorin Karen Duve hat in “Anständig essen” gerade – in eher humorvoller Manier – ihre Läuterung von der Imbiss-Stopfung protokolliert. Solche Autoren kommen bereits durch die offensichtlichsten Tatsachen der Fleischherstellung zu dem Schluss, dass der ignorante Dauerverzehr, den wir nur deswegen vollziehen können, weil wir uns die Wahrheit über diese Leichennahrung weit vom Hals halten, sich gerade zur unverdaulichsten Menschheitskatastrophe mit dem geringsten öffentlichen Interesse auswächst. Von Foer auf eine knappe persönliche Formel gebracht lautete diese Wahrheit: “Wer regelmäßig Fleisch isst, kann sich nicht mehr als Umweltschützer bezeichnen.”

Und vor diesem Hintergrund wird der ganze Öko-Tech in der Architektur eben sehr leicht bigott. Ich habe noch nie eine Architekten getroffen, der Vegetarier war. Gerade unter den so genannten Stararchitekten, die mit ihren High-End-Bio-Tempeln angeblich gerade die Welt retten, gehört das teuer (Tiere) essen so zum Lebensstil wie der fette Spritfresser mit Chauffeur und der Privatjet. Wie glaubwürdig sind also solche Leute und die gesunde Architektur, die sie angeblich produzieren?

Allerdings muss man ihnen zu Gute halten, dass es zwar keinen einzigen vernünftigen Grund gibt, tierische Muskeln zu verzehren, aber eben trotzdem zwei mächtige subjektive, für die sich gerade Künstlerarchitekten berufen fühlen: Geschmack und Kultur. Der Verzehr von Fleisch und Fisch ist in der gesamten Welt verbunden mit Genuss und Geselligkeit. Die Kunst der Zubereitung von toten Tieren zu Lebensmitteln ist spätestens mit der Einladung des Molekularkochs Ferran Adriá zur documenta hochkulturtauglich. Und die gesamte literarische Erinnerung der Menschheit ist aufgeladen mit Jagd, Festen, Kindheitserinnerungen an besondere Mahlzeiten und schwelgerischen Beschreibungen von Gaumenfreunden.

Ist vor diesem Hintergrund die private Inkonsequenz nicht erklärlich, ja verzeihlich? Könnte es nicht sogar sein, dass der stilvolle Genuss von Fleisch- und Fischmahlzeiten sogar ein inspirierender Faktor für eine bessere Baukultur ist, weil sie einem weit verzweigten Kulturverständnis entstammt, das den Architekten komplexer und schöner entwerfen lässt?

Vielleicht ist das so. Aber die ganze Kultur des Fleischverzehrs bedient sich in ihren Bildern der Romantik von glücklichen Kühen auf grünen Weiden, von lustigen Hühnern auf dem Misthaufen und dem Bauern, der sein Vieh liebt. Diese Welt ist aber leider vollständig ausgestorben und wird nur noch zu Propagandazwecken als Werbung inszeniert. Die Wirklichkeit, der man sich mit ein paar Klicks im Internet nähern kann, ist dagegen die pure Hölle. Das partout nicht wissen zu wollen, aber zu meinen, als Problem-Ignorant ehrliche und gesunde Bauwerke entwerfen zu können, das geht dann ebenso partout nicht mehr auf eine Kuhhaut.

350_356_hog_lagoons_under_2

30 / 12 / 10 - 17:40 Uhr

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • TwitThis
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Furl
Kommentieren Sie diesen Artikel

2 Leserkommentare vorhanden

ElP

21:03 Uhr  

17 / 01 / 2011 // 

Danke für den (wie immer) großartigen Artikel. Schade, dass er erst nach Foers gehyptem Buch kommt. Und ich finde nichtmal, dass man alles gleich komplett abschaffen muss. Kultur begründet sich doch eigentlich auch in dem Besonderen – das tägliche Stück totes Tier ist dabei ebenso förderlich wie Castingstars oder Vampirromane. Dabei ist die Lösung doch einfach: Fleischsteuer, und zwar gesalzen. Die geht dann direkt als Steuerungsmittel in Erzeugerlandwirtschaft und Entwicklungshilfe, dann könnte man sich sogar den Gutfried-Bauernhof zurücksinnen. Dann streichen wir noch die unsinnigen (wenn natürlich auch gutgemeinten – Hühnerreste nach Afrika klingt ja erstmal auch nicht schwachsinnig) Oköstromförderungen (Silizium-Photovoltaik in Norddeutschland? Energie-Genmais-Megakraftwerke?) und lassen stattdessen diesmal Afrika an den Energiedrücker, dann haben wir auch noch das Problem gelöst. Klingt zu einfach? Klar. Aber irgendwie…

Barbara

17:52 Uhr  

02 / 02 / 2011 // 

Yeah! Radikal und richtig dieser Artikel!! Vielen Dank, ich werde ihn an alle weiterleiten, die unkontrolliert und und ohne Achtung vor dem toten Tier täglich so genanntes Fleisch essen. Zum Aufrütteln und Wachwerden.