06 / 12 / 2010 - 12:26 Uhr
Verschwendung ist Schönheit
Dorothea Sundergeld
Neulich, in den ersten kalten Novembertagen installierte der Berliner Künstler Ralf Schmerberg auf dem Hamburger Gänsemarkt einen Iglu aus 322 alten Kühlschränken. Im Inneren der von der Abwärme der Kühlschränke beheizten Kuppel standen vier Skulpturen, die die Berliner Künstlerin Isabel Ott aus Elektroschrott gebaut hatte. Sie hatte ihrem Bekanntenkreis über Monate hinweg alles nicht mehr benötigte Haushatsgerät abgenommen. Flohmärkte, Dachböden und Keller nach alten Mixern, Elektrogrills, Fussbadewannen, Videorekordern, Lichtorgeln und Tischventilatoren durchkämmt und zu vier „Altären der Verschwendung“ im Inneren des Iglus zusammengefügt.
Draussen regnete es, drinnen surrte, fönte, ventilierte, sprudelte und heizte es in alle Richtungen mit dem Ziel, den überdimensionalen Stromzähler draussen vor der Tür auf Hochtouren zu bringen. Ein Ökostromanbieter wollte mit der Aktion darauf aufmerksam machen, wieviel Energie wir jeden Tag sinnlos verpuffen lassen. Angeblich könnten wir in Deutschland allein durch das abschalten von Geräten, die auf stand-by-Modus laufen soviel Energie einsparen, das man ein Atomkraftwerk abschalten könnte. Die Hamburger, in ihrem vorweihnachtlichen Innenstadtsamstag eigentlich aufs Verschwenden eingestellt, standen skeptisch vor dem kreisenden Drehstromzähler und man konnte sie scharfsinnige Sachen sagen hören wie „das ist doch gemogelt, die lassen ja bei den Kühlschränken die Tür offen“. Drinnen aber, in der warmen Stube, wurden sie bezaubert vom totemhaften Charme eines kaputten Staubsaugers, in dessen klaffender Bauchwunde Elektrostecker wie Zähne baumelten. Staunten über die archaische Schönheit eines robotisierten Plüschtieres, das mit dem Flammenwerfer traktiert wird und liessen sich berieseln von illuminierten Zimmerspringbrunnen und ins Leere drehenden Plattentellern.
Ein paar Wochen später stiess ich bei Designboom auf die „Apple Destroyed Products“ und war sofort beeindruckt von der Schönheit der Fotos, hervorgerufen durch einen völlig schwachsinnigen Akt der Zerstörung. Der kalifornische Grafikdesigner Michael Tompert hatte die Idee, eine Reihe Apple-Gadgets möglichst dekorativ zu erschiessen, zerschmettern, zermalmen und anschliessend zu fotografieren. Angeblich kam ihm die Idee an Weihnachten. Nachdem er seinen beiden Söhnen jeweils einen ipod touch geschenkt hatte, begannen die sich um einen davon zu streiten, weil irgendein Spiel drauf war. Tompert war genervt, nahm eines der Spielzeuge und warf es auf den Boden. Die erzieherischen Qualitäten mal aussen vor gelassen – was dort zu sehen war, war ein Bild der Verletzlichkeit: der Bildschirm war gesprungen, die Flüssigkeit quoll hervor. Tompert holte seinen Fotoapparat. Die ganze Aktion ist natürlich etwas unglaubwürdig – vermutlich wurde den Geräten ein Großteil ihrer Verletzungen erst in der Postproduktion zugefügt. Obwohl … irgendwo las ich neulich, das es in der Werbewelt einen neuen Trend gibt: Reverse Marketing. Luxuskonzerne beschenken angeblich nicht mehr nur VIPs die sie gern mit ihrem Produkt in der Hand in den Klatschmagazinen sehen möchten. Sie beschenken jetzt auch unpopuläre, negativ besetzte Prominente mit Produkten der Konkurrenz, damit in ungewolltem Kontext in den Klatschmagazinen auftauchen. Da öffnet sich ja noch ein weites Feld an Möglichkeiten!
06 / 12 / 10 - 12:26 Uhr
1 Leserkommentar vorhanden
Amy
11:37 Uhr
15 / 12 / 2010 //
‘Biseramas Skulpturen!’ sag’ ich da nur!



















Ich weiß gar nicht, warum´s hier so fein zugeht!? Ich als mi...
Hallo Herr Maus, Ihre Bilder sind fantastisch gut. Vielen ...
Guter Bericht mit ausgezeichneten Fotographien über die Werk...
Classes are fun for kids. Musclehedz A cartoon series, stret...
Klamauck mit ck? Und von welchen "Massen" gehen die Veransta...
Hallo Herr Maus, ich finde es sehr schade, dass Sie Ihre...
Hervorragende Ausstellung!...
allet jute men jong :D...
Toller Artikel. Danke. Macht weiter so!...
Tony Craigg macht klasse Skulpturen. Bin immer wieder begeis...