26 / 11 / 2010 - 19:06 Uhr

Kann Farbe helfen?

Till Briegleb

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Die Fußballweltmeisterschaft wirft in der Hauptstadt des Karnevals ihre Schatten voraus. Schwer bewaffnete schwarze Männer befreien dieser Tage die Slums von Rio de Janeiro (wo wir 2014 den Titel holen werden) aus den Klauen der Drogengangs, während die Kinder mit Wasserflaschen in der Hand neugierig zusehen. Unterstützt von Panzern und Hubschraubern säubern Armee und Polizei an den Hängen Rios ein Armenviertel nach dem anderen (bisher 14 Stück) von Dealern und Gangmitgliedern (bisher 35 Tote). Das Regime der Armutswirtschaft, wo die Skrupel- mit den Hoffnungslosen ihr Geld machen, soll rechtzeitig vor der WM verschwunden sein. Was daran Recht und Unrecht ist, lässt sich vom muggeligen Deutschland aus nicht beurteilen. Schon gar nicht in einem Blog zur Baukultur. Aber wenn die Frage auftaucht, was kann die Architektur dazu beitragen, dass es erst gar nicht so weit kommt, dann sind die selben Slums einen Hinkucker wert.

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Denn dieses Duo aus den lustigen Niederlanden, Jeroen Koolhaas und Dre Urhahn, hat eines dieser Kriegsgebiete durch den Malkasten gezogen. Ursprünglich hier aufgeschlagen, um HipHop-Videos in den verruchten Gassen von Vila Cruzeiro zu drehen, wo die Polizei früher keinen bestiefelten Fuß reinsetzte, begannen die beiden coolen Gangsta-Profiteure als Haas & Hahn bald mit ihrem Sozialprojekt. Gesponsort vom niederländischen Farbenhersteller AkzoNobel (richtig, das ist die Firma, die das Dynamit erfand und den Friedensnobelpreis nötig machte), initiierten Koolhaas und Urhan eine Volksbewegung für das Happy Slum aus dem Geist des Graffitis, gennant Favela Painting.

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Zunächst malten sie mit arbeitslosen Jugendlichen diesen lieben Jungen mit Drachenschnur an eine Wand.

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Dann wurde eine Anti-Erdrutsch-Betonfläche nach Motiven des Tätowierers Rob Admiraal von den Kindern und Jugendlichen bepinselt, die dafür auch Geld sowie eine zarte Vorstellung von echter handwerklicher Ausbildung bekamen.

Und schließlich, gewürzt mit treuen Statements ehemaliger Drogendealer, dass diese Arbeit sie vom schlimmen Pfad des Bösen abgebracht habe, begann ein Kolonne begeisterter Favela-Kids mit der Fassaden-Deko im Zentrum von Santa Marta.

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Auch wenn das in der Nacherzählung jetzt ein bisserl zynisch klingt, weil die ganze Aktion (mal unanbhängig vom ästhetischen Ergebnis) perfekt den Schnack vom alten Wein in neuen Schläuchen zu illustrieren scheint, ist der Grundgedanke, ein Problem mal von der Oberfläche anzugehen, vielleicht gar nicht so verkehrt und hat auch seine Vorläufer.

Zum Beispiel mit dem genau entgegengesetzten Gedanken: Mehr Sicherheit durch Graffiti-Entfernung.

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Das war der Feldzug, den Rudolph Guliani Anfang der Neunziger für die Entängstigung der New Yorker U-Bahn führte, und der ihm unter dem Schlagwort "Nulltoleranz-Strategie" den Ruf als böser Bube eingebracht hat. Aber er hatte Erfolg. Die Entfernung der Tags von den Zügen jede Nacht nahm den Sprayern den Spaß, ihren Namenszug durch die Stadt fahren zu sehen, führte nach einer gewissen Zeit zu einem sauberen Betrieb und dem subjektiven Empfinden der Fahrgäste, dass die Sicherheit in der Tube gewährleistet sei. Die Behandlung der Oberfläche führte zu einer nachhaltigen Problementspannung.

Ein sicherlich glücklicherer Vergleich aber ist die Kampagne "Optimismus durch Farbe", die der Bürgermeister von Tirana, Edi Rama, der albanischen Hauptstadt einst verordnete. Der vormalige Künstler und Basketball-Profi musste nach dem Staatsbankrott durch die Lotterie-Affäre erkennen, dass er die von Enver Hodscha völlig marode hinterlassene Stadt nicht substantiell sanieren kann. Also erfand er die Billiglösung buntscheckiger Häute, die den Aufbruch schon mal suggerieren sollten, der sich dann auch tatsächlich einstellte. Innen rott und faulig, sahen viele städtische Gebäude Anfang der Nuller-Jahre außen plötzlich aus wie Kinderstrumpfhosen.

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Dieses Ensemble etwa steht an einem entsetzlich stinkenen Kanal (im Vordergrund, lieber nicht zu sehen) und hat die ganz normal bröckelnde Rückwand einer total vernachlässigten Immobilie. Aber zur Straße hin ist das lila Camouflage-Muster und die warmen Sternenkleckse daneben irgendwie sympathischer Kitsch.

Tirana bunte Karos

Mittlerweile setzt der wirtschaftliche Aufschwung seine eigenen Farbtupfer in die Häuser, aber gegen ein solches Muster hat auch die härteste Leuchtfarbenwerbung keine reelle Chance.

Tirana mit Minarett

Und selbst Gott hat es hier schwer. Makellos weiß, aber irgendwie einsam, steht dieses Minarett zwischen den Buntstift-Phantasien.

2003 erweiterte dann die von Hans Ulrich Obrist, Anri Sala und anderen kuratierte Tirana Biennale das Programm durch Weltkünstler, die ihre eigenen Akzente an den Häuserwänden hinterlassen durften, zum Beispiel Olafur Eliasson, Dominique Gonzalez-Foerster oder Liam Gillick. Hier das Muster von Eliasson:

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Oder eine kämpferische Parole von Rirkrit Tiravanija:

Tirana Kunsthaus

Anri Sala, selbst aus Albanien, hat die Stadtbemalung Ramas 2003 mit einem berühmten Kunstvideo "Dammi I colori", das aus einer Autofahrt durch Tirana bei Nacht besteht, dokumentiert. 2009 wurde die Einladung dann noch einmal an Künstler vergeben, Fassaden zu gestalten, unter anderem an Franz Ackermann und Tomma Abts. Aus dem Stimmungs-Placebo mittels Farbtöpfen wurde so eine Stadtgalerie zeitgenössischer Kunst.

Allerdings hat das die Leute anscheinend mittlerweile so abgedreht gemacht, dass sie mitten in der Stadt folgende Institution gegründet haben.

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Aber ansonsten hat sich die Malereie so trendy entwickelt, dass auch Neubauten gleich im buntscheckigen Stil entworfen werden.

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Allerdings erinnert einen das doch an irgendwas. Richtig:

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Mitten im Konsum-Slum von Magdeburg steht auch so was. Allerdings dient das weniger der Befriedung blindwütiger Kassen-Drängler und gemeiner Elektro-Dealer. Hier, zwischen dem alten Dom und den neuen Kaufhäusern, macht dieser Kitsch eher aggressiv. Es kommt also doch sehr auf die Umstände an, ob Farbe hilft.

26 / 11 / 10 - 19:06 Uhr

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