07 / 11 / 2010 - 16:25 Uhr

U wie "Unter uns"

Florian Waldvogel

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Es wird wieder dunkel über Hamburg. Das Geld ist zwar knapp, aber ein bisschen Leichtsinn gehört zur Vorweihnachtszeit. Irgendwo in der Hansestadt versammeln sich junge Leute. Alleine, zu zweit oder in kleinen Gruppen schlendern sie heran, zu hören sind leise Gespräche, lautes Lachen und Fetzen einer Melodie, die langsam sich nähernd, auf einer Harmonika „Mad“ ankündigt.

Und dann geschieht etwas Wunderbares: Die Tür zu einem Keller geht auf. Sonne, Sterne, chinesische Laternen und große Lampions, prachtvolle Mondgesichter, aberwitzige Kulissen, kleine Gespenster, pinkfarbene Zebras und zauberhafte Lichter begrüßen euphorisch die Hedonisten im Stile Don Drapers. Reflektierende Wände, Schattenspiele der Tanzenden und eine musikalische Treppe, die beim Betreten der Stufen einen anderen Ton von sich gibt sowie eine metallische Rutschbahn, über die die Gäste den Festsaal erreichen. Diese ungewöhnliche Ankunft, begleitet von einem Tusch, erhebt die Ankommenden über die Welt ihrer Erfahrungen. Aber wo sind wir?

Welche Frage! Es ist der 6. November und wir befinden uns im Rialto, es ist „Mad-Men-Party“. Es spielt eine Kapelle, man tanzt auf das alte Jahr und feiert schon das neue und vielleicht lüften die manuellen, elektrischen, grotesken und komischen Marionetten die Geheimnisse neuer Handlungsräume für eine glücklichere Zukunft. Das Rialto wartet mit einem prächtigen Mummenschanz, merkwürdigen Kostümen, lieblichen Klängen und orgiastischen Speisen auf. Es erfährt eine wundersame Verwandlung. Dieser Raucher-Club hat seine eigenen Feiertage.

Man wetteifert mit den Rauchschwaden, mit den sogenannten Drachen. Es ist ein Fest der großen Lebensfreude. Ich sitze neben einem Typen, der beschlossen hat, sich die Tätowierung auf seinem linken Oberarm entfernen zu lassen. Das ständige Fragen nach der Bedeutung geht ihm auf die Nerven. Zu sehen ist ein Kätzchenzwillingspaar. Die Tätowierung zeigt angeblich ihn und seinen bei ihrer Geburt gestorbenen Zwillingsbruder. Er wurde durch die Nabelschnur stranguliert und tot geboren. Der überlebende Bruder kann sich an nichts erinnern und empfindet keine zwillingstypischen Phantomschmerzen. Beim Eintrag in die Geburtsurkunde hat sein Vater auch noch die Namen verwechselt. Das ist zuviel des Schicksals, das gebe ich zu. Jeder, dem er auf Nachfrage diese Geschichte erzählt, verstummt sofort und flennt vorgefertigte Beileidssätze. „Nur weil man als Zwilling bei der Geburt stirbt, ist man doch kein Toter der Extraklasse, kein Martyrer. Aber Kunst ist ja auch erst Kunst, wenn sich jemand drüber aufregt. Außerdem sind im Hause des Herrn viele Wohnungen, so steht’s zumindest in der heiligen Schrift“, sagt er. Egal. Er will sich die Tätowierung jetzt jedenfalls entfernen lassen.

Gutaussehend und alleine verabschiede ich mich in die Nacht. Auf zur „Eyes-wide-shut-Party“.

07 / 11 / 10 - 16:25 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

2 Leserkommentare vorhanden

Joseph

2:12 Uhr  

20 / 11 / 2010 // 

ja krass voll exakt der alltag eines kurators alter.
voll opportun ey das mit mad men, weißt du?

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