21 / 10 / 2010 - 17:21 Uhr

Weiss der Däne eigentlich, wie gut er es hat?

Till Briegleb

BIG-Tallet-Spiegel

Der Däne ist schon ein seltsames Tier. Er hat Geld wie Heu, seine Kinder sind angezogen, als sei die Vogue ein Online-Shop mit Taschengeldpreisen, sie essen mittags Sandwiches zum Preis eines Hochzeitsstraußes, die Stadt schwirrt von glücklichen naturblonden Frauen auf Fahrrädern, die Häuser sind niedlich wie Bolle, und die Exportwirtschaft läuft Dank Butter, Lego, Schiffsmotoren und Design so spitze, dass die Arbeitslosigkeit ungefähr so hoch ist wie das Land flach. Warum also hasst der Däne den Ausländer, wählt seit 10 Jahren eine Regierung, die glaubt, dass sich Kopenhagen in Beirut zur Zeit des Bürgerkriegs verwandelt, wenn man arme Flüchtlinge ins Land lässt, und dass der Moslem nur mit dem Ziel ins arkadische Inselreich drängt, sich mit Massenvergewaltigungen beliebt zu machen? Spinnt der Däne, hat er unbekannte Ängste, oder geht es ihm einfach nur zu gut? Um dieser Verwirrung mal auf den Grund zu gehen, habe ich ein typisches dänisches Habitat besucht, das “8 House” von BIG in Kopenhagen Orestadt.

BIG Tallet Fernblick 1

Was zunächst auffällt ist Lage, Aussehen, Größe, Farbe, Struktur, Landschaft, Funktion, Wetter und Idee. Damit kommt das “8 House” allen gewöhnlichen Sehnsüchten zum Kuschelwohnen entgegen, die der Däne so pflegt. Zum Beispiel der Gewohnheit, mit dem Fahrrad in den 10. Stock zu fahren. Dafür hat der Architekt Bjarke Ingels zwei hübsch gemusterte Rampen entworfen, die vom Fußboden bis zum Dach an allen Stockwerken vorbeiführen (das Ding da links unten).

Und damit das nicht zu steil wird – denn der Däne ist ein Flachlandradfahrer, der nur mit Hilfe verbotener leistungsfördender Substanzen die Tour de France gewinnen kann –

bjarneriis

…hat der Ingels Bjarke die ganze Siedlung in Form einer 8 gebaut, so dass auch die blonde Dänin mit Dreigang-Rad ganz sutsche zu ihrer kostspieligen Maisonetten-Wohung auf Ebene 9 kullern kann. Da man die Gesamtstruktur nur aus dem Helikopter fotografieren kann (und meiner gerade Lego-Schaden hat), muss ich leider Zuflucht zu einer Grafik des Büros nehmen, um das ganze Gebäude vorzustellen.

8H_Diagram by BIG_12

Da unten, wo das schwarz-weiße Gekrickel ist, geht es rein und dann in Carrera-Form bis ganz oben, wo es Grün wird. In Echt sieht dieser Einstieg so aus:

BIG Tallet Stairway up

Links beginnt die Fahrradrampe, in der Mitte ist der Stairway to Heaven, den der Mountainbiker auch hinunter nimmt, und rechts befindet sich das Café, wo es nur fetten Schokoladenkuchen und defekte EC-Maschinen gibt.

BIG Tallet Fahrradweg

Auf der Rampe fährt man dann zunächst außen auf der Abendsonnenseite zum Schnittpunkt der 8, vorbei an den steinernen Vorgärten der ersten Wohnungen, die alle den gleichen Baum in die gleiche Ecke gepflanzt bekommen haben (und innen die gleiche hässliche Küche). Schon hier stellt sich natürlich die Frage, ob die verwirrende Kombination von funktionaler Gleichschaltung und komplexer Gesamtstruktur in Verbindung mit der direkten Sonneneinstrahlung dafür verantwortlich sein könnte, dass Dänen am liebsten unter sich bleiben (außer natürlich, sie besteigen ihre Wikingerschiffe, fahren die Seine hinauf und plündern Paris).

Durch ein Loch im Haus…

BIG Tallet Loch im Haus

…kommt man nun in den nördlichen Hof und fährt innen weiter…

BIG Tallet Fahrrad und Büro

…(oder blockiert den Weg, indem man in Kette langsam zu Fuß hinauf geht).

Hier lernt man eine weitere Besonderheit dänisch-hybrider Lebensart kennen: der so genannten Life-Working-Mix. Denn der dunkle Riegel dort, wo kein Sonnenlicht mehr hinfällt, ist Bürofläche. Der Däne kann also aus der Wohnung direkt hinüber zu seinem gut bezahlten Arbeitsplatz spazieren, und da es auch Shopping im Parterre gibt, braucht er seine Hamster-8 eigentlich nie wieder zu verlassen. Auch das könnte ein Grund für diese merkwürdige Xenophobie sein, denn wenn ich mein Leben in einer Burg verbringe, dann erschrecken mich wahrscheinlich schon niedliche Frösche, die draußen rumhüpfen. Allerdings stellen die auch nicht einfach den Müll, den sie in ihrer 90-Quadratmeter-Wohung nicht mehr unterbringen, in Holzschubern vor die Tür auf den Fahrradweg.

BIG Tallet Goldene Treppe

Oben leuchtet dann alles Gold, die verschiedensten Wohnlagen und Zuschnitte machen die Nachbarschaftsbeziehungen abwechslunsgreich, sonnig und steil – und reizen den Neid des armen Moslems, der mit blutunterlaufenen Augen um die Anlage herumstreicht und sich überlegt, wie er die dänischen Töchter schwängern, den Schmuck und die Egg-Chairs stehlen und damit ein Import-Export-Laden direkt an Kopenhagens teurer Einkaufsmeile Stroeget eröffnen kann.

BIG TAllet Rhäuschen Dach

Auf dem Dach liegen dann die edelsten Reihenhäuschen in der dänischen Zugluft mit herrlichem Blick auf…

BIG Tallet Sundown 2

…den Sonnenuntergang hinterm Kraftwerk. Dieses innige Verhältnis zur Natur spiegelt sich auch in der Garten-

BIG Tallet Garten

und Parkplatzgestaltung wieder.

BIG Tallet Parkplatz

Kurz: die ästhetische Durchformung der Lebenswelt, die in der guten alten Tradition des dänischen Designs von schön über nützlich zu ökologisch verträglich, sozial inspirierend und sehr teuer alle Faktoren bedenkt, die das Dasein des Dänen vorteilhaft, bequem, elitär und frei von schlechtem Gewissen machen, mag auf der anderen Seite dazu führen, dass er dem Schock anderer Kulturen nicht mehr gewachsen ist. Da die Kaufpreise in diesem typischen Stapeldorf es jedem Ausländer eh unmöglich machen, hier jemals eine der fantastischen Wohungen zu erstehen, die jeder modern fühlende Mensch sofort haben möchte, wenn er sie gesehen hat, zeichnet sich mit diesem großartigen 8 House eine neue Idee ab, wie der Däne seine Angst vor Ausländern loswerden könnte:

Anstatt von den Fremden zu verlangen, dass sie bei der Ankunft am Flughafen bereits besser Dänisch sprechen als die eigenen Schulkinder, dass sie einen Arbeitsplatz für die nachziehende Ehefrau nachweisen können, während sie selbst mit ihren komischen Namen aber nirgends eingestellt werden, und sich mit 40 Prozent weniger Sozialhilfe zufrieden geben, als die gebürtigen Normannen, wäre es doch viel einfacher, das Leben in Dänemark noch viel, viel teurer zu machen. Wenn eine Banane soviel kostet wie eine Wohung im 8 House, dann bleibt doch jeder Türke lieber gleich da, wo die Banane herkommt. Die kommt doch aus der Türkei, oder?

BIG Tallet Besucher

PS.: Um allen Missverständnissen vorzubeugen: die hier geäußerten Beschreibungen dänischer Fremdenfeindlichkeit sind keine arroganten Ressentiments eines neidischen Nachbarn, sondern beziehen sich alle auf das Asylrecht Dänemarks – das härteste Vergraulungsrecht in Europa –, sowie auf Zitate von Pia Kjærsgaard, die Vorsitzende der rechstpopulistischen Dänischen Volkspartei ist. Diese offen ausländerfeindliche Bewegung nimmt seit 2001 maßgeblichen Einfluss auf die dänische Ausländerpolitik und toleriert aktuell die rechtsliberale Regierung, wofür diese weitgehende Zugeständisse macht, was die diskriminierenden Politikziele der Volkspartei betrifft. Ähnliches gilt natürlich auch für die Niederlanden, wo Geert Wilders mit seiner Freiheitspartei der Regierung den Toleranzgedanken austreibt.

21 / 10 / 10 - 17:21 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

komische Name

20:31 Uhr  

10 / 09 / 2011 // 

As I, like so many other danes, share your disgust with the danish immigration policy, I would like to express my annoyance with the fact that your article, with its generalizations and mockery, is precisely at the level of a neidischen nachbarn-attitude, similar to populist argumentation.

(readers of vogue, or inhabitants of buildings like the 8 House generally doesnt vote Dansk Folkeparti et al., do they?)