04 / 10 / 2010 - 11:43 Uhr

T wie Tantiemen oder die Außenalster schafft sich ab: Wie Hamburg seinen Haushalt sanieren könnte

Florian Waldvogel

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Unversehens kam Zarathustra auch an das Stadttor der großen Stadt; da sprang ein Narr mit ausgebreiteten Händen auf ihn zu, trat ihm in den Weg und redete:

„O Zarathustra, hier ist die große Stadt: hier hast du nichts zu suchen und alles zu verlieren. [...] Hier ist die Hölle für Einsiedler-Gedanken: hier werden große Gedanken lebendig gesotten und kleingekocht. Hier verwesen alle großen Gefühle: hier dürfen nur klapperdürre Gefühlchen klappern! – Riechst du nicht schon die Schlachthäuser und Garküchen des Geistes? [...]

Siehst du nicht die Seelen hängen wie schlaffe schmutzige Lumpen! [...] Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? [...] Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit ihrem Golde. Sie sind kalt und suchen sich Wärme bei gebrannten Wassern. [...] Speie auf die große Stadt. [...] Speie auf die Stadt der eingedrückten Seelen und schmalen Brüste, der spitzen Augen, der klebrigen Fingern – – auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschämten, der Schreib- und Schreihälse, der überheizten Ehrgeizigen: – – wo alles Anbrüchige, Anrüchige, Lüsterne, Düstere, Übermürbe, Geschwürige, Verschwörerische zusammenschwärmt: – – speie auf die große Stadt und kehre um!“ Hier unterbrach Zarathustra den Narren, hielt ihm den Mund zu und warf ihm vor, warum, wer so lange in der großen Stadt gewohnt hat, sich nicht selber warnte. Dann blickte Zarathustra die große Stadt an, seufzte und schwieg lange. Endlich redete er:„Wehe dieser großen Stadt! – Und ich wollte, ich sähe schon die Feuersäule, in der sie verbrannt wird!“ (Friedrich Nietzsche, „Also sprach Zarathustra III“, in: Friedrich Nietzsche, Werke in vier Bänden, hg. Von Gerhard Stenzel, Salzburg 1983, Bd. I, S. 400-443.)

Hamburg ist arm, aber lieber arm dran als Arm ab. Aber warum arm dran, Hamburg ist reich. Wir haben jetzt sogar eine Reiterstaffel, die deeskalierend bei Derbyausschreitungen zwischen Hamburg und St. Pauli vermitteln oder die Galerie der Gegenwart bewachen könnte. Wir wissen ja, dass leer stehende Gebäude viel schneller Opfer von Vandalismus werden als belebte. Außerdem könnten sie gegen Menschenketten und Demonstranten eingesetzt werden und dadurch Endlos-Staus wie am letzten Donnerstag verhindern. Oder sie könnten die 20 Milliardäre und 20000 Vermögensmillionäre der Stadt bewachen, wenn das Schauspielhaus wieder mal eine Arm-gegen-Reich-Inszenierung aufführt und jugendliche Schauspielhausbesucher danach marodierend durch Hamburg ziehen und anti-kapitalistische Parolen brüllen. Dies alles gibt es also. Und der Polizeichor könnte darüber singen, denn in 20 Jahren wissen wir gar nicht mehr was es alles mal so gegeben hat, in der schönsten Stadt der Welt.

Oder man überlegt sich was ganz anderes. Man legt die Außenalster trocken und verkauft das Gelände als Bauland! Mit dieser Maßnahme wäre Hamburg auf Jahrhunderte saniert, denn die Außenalster ist ein Filetstück. Erste Reihe Mitte, quasi. Ich meine das ganz im Ernst. Warum den auch nicht?! Wenn man schon die Kultur abschafft, warum dann nicht auch einen See, in dem man nicht einmal baden darf?! Es gibt Menschen, die brauchen keine Kultur und ich brauche nicht die Außenalster. Denn Hamburg hat nicht nur zu wenig Geld sondern auch zu wenig Wohnraum. So könnte man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Man kann nicht alles haben: keine Vermögenssteuer, was für Hamburg jährlich 400 Millionen bedeuten würde und einen See, der absolut nichts bringt. Man könnte ja ein paar Wasserstrassen stehen lassen, so wie in Venedig. Dann hätte man so eine Art „Venice Bitch“ in Hamburg. Würde auch zusätzlich Arbeitsplätze schaffen, Hartz IV Empfänger könnten dort für Sauberkeit sorgen und Menschen mit migrantischem Hintergrund in Gondeln Touristen rumpaddeln. Hamburg wäre außerdem um in Event reicher neben Harley-Days, Vattenfall-Cyclassics oder dem Marathon etc. Alle hätten was davon, alle wären integriert und versorgt.

Wie man so eine Trockenlegung der Außenalster rechtfertigen könnte? Nichts leichter als das: Die Neustrukturierung der Innenstädte nach ökonomischen und administrativen Maßgaben geht zurück auf die 1970er Jahre. Der innerstädtische Raum erfährt eine Transformation und strukturelle Veränderung vom Lebensraum hin zum kapitalisierten Erlebnisraum durch die konzentrierte Ansiedelung von Einzelhandel und Gewerbeeinheiten. In einer Stadt sind alle Bereiche nahezu funktional gegliedert in Einkaufsviertel, Wohnbezirke und Gewerbegebiete. Durch die hierarchische Gliederung des Stadtraumes wird auch das Verhalten der sich in ihm bewegenden Personen reguliert und diszipliniert. Die „Stadt als Erzählraum“ (Vgl. Walter Grasskamp, „Kunst und Stadt“, in: Klaus Bußmann/Kasper König/Florian Matzner (Hg.), Zeitgenössische Skulptur. Projekte in Münster 1997, Ostfildern: Hatje Cantz Verlag 1997, S. 7-41.) bezeichnet die Abbildung gesellschaftspolitischer Verhältnisse in der baulichen und gestalterischen Struktur einer Stadt. In der Struktur eines Ortes bildet sich dessen soziale Zusammensetzung ab, d. h. die bauliche Gestaltung eines Ortes zeigt, welche Klientel als NutzerInnen angestrebt wird.

Betrachtet man die politische Entwicklung der Kommunen, so lässt sich als allgemeine Tendenz eine Diversifizierung der Städte auf Konkurrenzfähigkeit innerhalb des globalen und nationalen Städtewettbewerbs gegenüber Investoren diagnostizieren. Die Innenstadtbereiche erfahren eine Wandlung zur unternehmerisch konzeptionierten, gefahrenfreien Erlebniswelt und dienen als Visitenkarte – die so genannten weichen Standortfaktor.

Das Ideal der sauberen Stadt spiegelt sich in seinen Gebäuden, Plätzen, Straßen und Institutionen sowie deren Funktion wieder. Um das herrschende Normensystem als allgemein verbindlich zu stabilisieren und seine Autorität zu unterstreichen, werden abweichende, kulturelle Deutungsmuster und Verhaltensweisen abgelehnt.

Um die Veränderungen stadtpolitischer Konzepte und deren Kritik und Gegenaktion z.B. durch Skateboarding nachvollziehen zu können, ist es notwendig, die ökonomischen Entwicklungen bis in die 1970er Jahre zurück zu verfolgen. In diese Zeit fällt das Ende des Wohlfahrtsstaates, der gekennzeichnet war durch hohe sozialstaatliche Verantwortung und soziale Absicherung des Einzelnen. Die ökonomische Krise führte in den USA und Europa, hier zunächst in Großbritannien, zu einem massiven Abbau des Sozialstaates und zur Entwicklung neoliberaler Konzepte des „Reaganism“ und „Thatcherism“. Deren wesentliche Merkmale sind: Verschlankung des Staates, Privatisierung öffentlichen Eigentums, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und der Abbau kollektiver Sozialleistungen.

Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Stagnation, hoher Arbeitslosigkeit, wachsender Armut und sinkender Einnahmen setzt sich als Folge des ökonomischen Strukturwandels eine verschärfte Standortkonkurrenz zwischen den Städten durch, und es beginnt eine Phase des Wettbewerbs um staatliche Zuschüsse und auswärtige Investoren. Was zunächst als Rückzug des Sozialstaates zu bewerten ist, entwickelt sich in den 1990er Jahren zu einer offensiven Strategie unternehmerischer Stadtpolitik. Mit weit reichenden Eingriffen in die räumliche Struktur, der Aufwertung von bestimmten innerstädtischen Wohnquartieren oder Subventionierung von Shopping-Malls, versuchen die Kommunen ihre Wettbewerbsposition zu verbessern. Da die Stimulation von privatem Kapital nun einen wesentlichen Teil darstellt, orientieren die Städte ihre Politik an Marktstrategien.

Um für potentielle Investoren attraktiv zu sein, werden Konzepte entwickelt, welche die jeweiligen Städte aufwerten sollen. Die hier zur Debatte stehenden Maßnahmen lassen sich zunächst in zwei Kategorien aufteilen: Solche, die auf die Entwicklung harter Standortfaktoren, wie zum Beispiel auf geeignete Immobilien oder finanzielle Anreize abzielen, und solche, die sich auf den Ausbau weicher Standortfaktoren beziehen. Die zu diesem Zweck von den Institutionen entwickelten Überblendungstechniken taugen nur noch dazu, die realen Konflikte der Lebenswelt zu sublimieren, zu verschaffen und Versöhnung zu versprechen.

Als weiche Standortfaktoren bezeichnet man jene, die nicht direkt für den Ablauf von Produktionsprozessen oder Dienstleistungen vonnöten sind und insofern nicht unbedingt notwendig von potentiellen Investoren gefordert werden. Sie sind dem Bereich der Lebensqualität zuzuordnen. Sie sollen die Stadt für Investoren und ihre Angestellten attraktiv machen und darüber hinaus auch als Projektionsfläche einkommensstarker Wünsche und Träume und als touristische Destination frequentiert werden. Hierzu zählen Freizeitmöglichkeiten und kulturelle Angebote, aber auch die Möglichkeit zum erlebnisorientierten Konsum. All diese Faktoren dienen den Städten dazu, sich nach außen das Image einer weltoffenen, kulturell engagierten Stadt zu verleihen und die Attraktivität zu steigern.

Manchmal muss man Entscheidungen treffen die unpopulär sind, aber in 10 Jahren sind die eh vergessen. So, jetzt wisst ihr wie es geht und jetzt lasst den Bagger sprechen.

04 / 10 / 10 - 11:43 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

6 Leserkommentare vorhanden

H.Klaasen

19:26 Uhr  

04 / 10 / 2010 // 

Hervorragender Vorschlag, Herr Waldvogel. Findet meine absolute Zustimmung. Und entspricht der logischen Schlussfolgerung wenn Bürgermeister Alhaus sagt: "In so schwierigen Zeiten kann man sich einfach nicht alles leisten und man muss sich auch von lieb gewonnenen Dingen trennen können." Die Alsterjogger können ihre Spandexhosen ja auch im Stadtpark spazieren tragen. Somit hätte der Polizeichor schon zwei Themen über das er singen könnte: Die Schliessung des Altonaer Museum und den Verlust einer Joggingstrecke. Es ist auch nicht davon auszugehen, das es grossartige Proteste gibt wie bei Stuttgart 21, das entspricht einfach nicht dem Temperament der Hanseaten.

Nils

20:53 Uhr  

04 / 10 / 2010 // 

Ja,genau so soll es sein: weg mit dem Scheiss und dann ist es so wie früher richtig gut,wozu noch die Alster?....
Wie es damals war, sieht man hier:
http://www.artbites-blog.de

SVDL

1:36 Uhr  

09 / 10 / 2010 // 

Da capo. Weiter mit dem Abschaffen, Hamburg hat gerade einen guten Lauf. Als nächstes kommt die Feuerwehr dran, in Brandenburg rettet schließlich auch die Freiwillige Feuerwehr die Deiche und in der FHH muss man dann nicht mehr über Not und Kür von Brandschutzklappen diskutieren, spart viel Zeit und Geld. Bei der nächsten Sturmflut ruft der Bürgermeister das Polizeiorchester, die sind ja immer im Dienst und spielen gegen die Wogen und den Untergang des Abendlandes an, aber ob da zahlende Gäste kommen? Das ist noch optimierungsfähig, da machen wir mal einen Businessplan und analysieren die Absatzmärkte, schließlich muss sich alles rechnen. Zuerst ändern wir einfach das Hochwasserschutzgesetz, die Bürgerschaft bemühen wir dafür erst gar nicht, spart auch wieder Geld und erschreckt sicher die Tide. Ärgerlich wäre aber, wenn die Wirtschaftbehörde ihr künftiges teuer von privat anzumietendes Domizil in der Hafencity verlöre, aber macht nix, dann zieht sie einfach ins Altonaer Museum, das liegt ja auf’m Hang, da bleiben alle Augen trocken und Schiffe sind auch schon drin, man muss ja vorausschauend planen. Ein bisschen was investieren müssen wir im ‚worst case‘ aber doch noch, denn nach der Sintflut braucht es wieder Sinn (von Gehalt wollen wir hier nicht reden), Kultur ist doch ganz nützlich, wenn alle nasse Füße haben. Zuerst kommt wie von Michael Jürgs vorgeschlagen ein AA-Kulturkurs, für alle, die noch nicht abgesoffen sind, kostet aber, weil das Lehrmaterial angeschafft werden muss, denn die Bücherhallen sind ja meist geschlossen und das Teilzeitparlament kann sich literarische und kunsthistorische Anschaffungen nicht leisten, da muss die Stadt dann ran. Die musikalische Bildung übernimmt, s.o. das Polizeiorchester, spart wieder und es merkt eh‘ keiner den Unterschied in dieser Art von Grundkursen. Fortgeschrittene gehen zum König der Löwen, als Statussymbol, denn man ist ja wieder wer und kann sich was leisten, da machen subventionierte Operntickets nix her und zum After Theatre Drink geht es selbstverständlich in den Überseeclub, denn in der Binnenalster haben wir uns noch ein bisschen Wasser aufgespart (sic!), damit man mit Jürgen Flimm weiterhin über Hamburg sagen kann, „in der Mitte ist ein Loch mit Wasser drin“. Soviel Kultur muss sein.
Es grüßt vom anderen Ende der Kunstmeile, noch Alsterhöhe genannt, SVDL
http://www.abendblatt.de/kultur-live/article1654829/Wie-Kulturbeutler-die-Stadt-kaputt-sparen.html

oliver ross

15:13 Uhr  

09 / 10 / 2010 // 

Kultur,Kultur,Kultur,Kultur....kann man mal dieses Wort ersetzen? Gegen Kultur hat ja niemand was, da ist was anderes gemeint...es gab mal eine Zeit, eine inhaltlich reichere Zeit, da war z.B. von Anti-Kunst die Rede, Künstler und Philosophen gaben öffentlich bekannt, dass sie aus ihrem tradierten KULTUR-Kreis aussteigen, um neue Fragen zuzulassen. Kultur, was soll das sein, es hat unsere Köpfe verkleistert und jedesmal, wenn ich dieses Wort höre, schlafen mir die Füsse ein. ich denke, die Abschaffungsphantasien betreffen per se ungesicherte Bereiche, wollen also etwas einsparen, was ich hier mal fragwürdige Entwürfe nenne. Und wollen verhindern, dass diese an unseren "Kultureinrichtungen" stattfinden. Ungesicherte Versuche, Experimente ohne Wirtschaftsplan, das wird hanseatisch-bürgerlich abgewertet. Man betrachte sich die seit der Reform grassierende Planwirtschaft an den frisch renovierten Hochschulen...Kultur, dagegen hat keiner was, aber wenn das so weiter geht, bin ich dafür, genau die Kultur abzuschaffen. Jetzt habe ich selbst so oft dieses Wort gebraucht, Asche auf mein Haupt, aber wer noch einmal das Wort "Off" gebraucht, der soll gefälligst Kulturminister werden...und uns in Ruhe lassen, mehr nicht!

Jan Winkelmann

11:41 Uhr  

10 / 10 / 2010 // 

Lieber Herr Ross, es kann doch nicht darum gehen, zwischen "ON" und "OFF" zu unter- und zu entscheiden. Das ist eine theoretische Fehleinschätzung, den die Linie, die On-Institution von OFF-Räumen trennt, ist nur von der Seite des "OFFs" zu sehen. Es gibt kein "OFF".

oliver ross

13:09 Uhr  

14 / 10 / 2010 // 

mein ich doch...