06 / 09 / 2010 - 17:53 Uhr

Die armen Verwandten des Spektakels – Die Wahrheit über die Architekturbiennale

Till Briegleb

Die Dominanz der Event-Philosophie geht davon aus, dass bei Großereignissen – wie etwa der Architekturbiennale in Venedig – nur das Spektakel beim medialen Endverbraucher ankommt. Und wir Journalisten sind diejenigen, die in der Regel garantieren, dass allein das hängen bleibt, was knallt, kesselt oder kunterbunt ist. Aber unter dem Gesichtspunkt von Lebenszeit und Energie verbringt der Berichterstatter wie der gemeine Besucher doch tatsächlich die allermeiste Zeit mit schlechten Beschilderungen und blöden Ideen, müden Füßen und wachen Aufsehern, Kleinscheiß und Füllstoff. Das Reden von der Sensation ist also tatsächlich korrumpiert von den Banalitäten, die man willentlich ausblendet, um nicht langweilig zu sein. Damit ist jetzt mal kurz Schluss. Denn was einen in den Tagen der Pressevorbesichtigung in Venedig tatsächlich beschäftigt, das ist die Frau, die einem die letzten vegetarischen Sandwiches wegschnappt, oder der ruandische Beitrag am Ende eines langen Fußmarsches.

Ruanda

Man kennt das ja aus dem Märchen: Vor den größten Schätzen liegen die größten Prüfungen. Allerdings ist diese Info in dieser Reihenfolge scheinbar nicht bis nach Ruanda gelangt. Der Länderbeitrag dieses kleinen afrikanischen Staates, wo es so tolle Musik mit Trommeln wie böse Nachbarn mit Machete gibt, liegt am hintersten Zipfel von Venedig, ungefähr da, wo nur noch Studenten und die Kriegsmarine untergebracht werden können. Ganz offensichtlich davon ausgehend, dass eh niemand so bescheuert ist, bei 30 Grad ins touristische Niemandsland zu laufen, nur um Laub- und Stöckchenarchitektur aus Ruanda zu sehen, haben die Kuratoren gleich auf alles verzichtet, was das Aufinden ihres Events möglich macht. Versteckt zwischen schwarzen Planen im Innenhof eines Universitätsgebäudes, zu dem man entweder über abgesperrte Kaianlagen oder durch eine winzige Tür am Ende eines dunklen Ganges hinter Polizei-Gebäuden, die man von alleine auch schon nicht ansteuern würde, gelangt, gibt es natürlich weder Hinweisschilder noch eine präzise Navigation. Aber wenn man das labyrinthische Rätsel dann doch gelöst hat und am Sehnsuchtsort ankommt, dann erwartet einen das: Mikadostäbe. Ganz im Ernst: MIKADOSTÄBE! Natürlich ohne Info oder Bewachung, die man etwas fragen könnte. Hat vielleicht irgendwem den Ruandischen im Vorfeld mal erklärt, worum es bei einer Architekturbiennale geht?

Sanaa

Das wäre ja vielleicht ein Job für die künstlerische Leiterin, Kazuyo Sejima gewesen, aber die war da vermutlich gerade bei ihrem Spin-Doctor. Obwohl man bei einem Land mit soviel Schamkultur wie Japan nicht vermuten würde, dass eine Kuratorin, der man eine Biennale anvertraut, diese massiv zum Promoten der eigenen Arbeit benutzt, tut Sejima nicht nur das – sie tut es auch noch an prominentester Stelle und dazu mit dem höchst vorstellbaren Sättigungsgrad an Sülze. Gleich nach Eintritt ins Arsenale, wo die Hauptausstellung der Biennale beginnt, empfängt den Besucher ein 3D-Film über das Rolex-Center in Lausanne von Sejimas Büro SANAA, der original daherkommt wie ein amerikanischer Psychospot für eine obskure Computersekte. Überall lauschen schöne Mädchen und weise Alte mit Laptop und geschlossenen Augen andächtig dem Haus, das ihnen von seinem freien Geist erzählt, verzückte Geishas auf Samtfüßchen und die Architekten auf Segways durchmessen den fließenden Raum des Gebäudes mit dem abwesenden Grinsen von Opiumkranken, und dazu säuselt eine Stimme Versprechungen von Glück, Wissen und Reinheit, die verkehrt herum abgespielt garantiert eine Botschaft des Teufels ergeben. Regisseur dieser filmischen Gehirnkochwäsche: Wim Wenders.

Es gibt aber auch einfach Installationen, deren Grad an Kitsch so hoch ist, dass einem nicht mal mehr die Frage einfällt, was das eigentlich mit Architektur zu tun hat. Hier ein Beispiel aus dem Länderbeitrag Chinas:

China Vögel

Aber auch der berühmte italienische Geschmack findet seinen Ausdruck in der Ausstellung des Gastgebers:

Robot

Und kennen Sie Jeff Koons? Der hat seine Ideen ganz offensichtlich von dieser schönen Garten-Installation in einer kommerziellen Zusatz-Show auf dem Arsenale-Gelände geklaut:

Ballonbaum

Und wenn man den folgenden grünen Vorschlag sieht, dann muss man eigentlich noch schärfer als die EU ein Glühbirnen-Total-Verbot, jedenfalls für Architekten, fordern.

Grünglas

Manches ist allerdings auch so balla-balla, dass es wieder Freude macht, etwa das Folgende, das man im Palazzo Zenobio entdecken kann, wo armenische Architekten zeigen, dass sie auch Blob, Knautsch, Quirl und Flacker können wie richtige Starchitekten. Hier findet sich ein besonders schönes Exemplar vom Busen der Natur:

Mangrove

Ein Mangroven-Dome für architektonische Sumpfblüten irgendwo in Noman’s Land, wo die kleinen Flecken auf den Stegen (das sind die Menschen) den vernünftigen Umgang mit der lieben Umwelt lernen sollen.

Andere Dinge auf dieser Architekturbiennale sind einfach nur fantastisch organisiert. Hier sieht man die als “Küchenmonument” berühmte gewordene Veranstaltungsblase der deutschen Spaßvögel von Raumlabor, die als Kinder garantiert mit Begeisterung Präser aufgeblasen haben.

Blase vorher

Wie man nicht nur an den Exzentrikern mit Hut im Vordergrund erkennen kann, steht diese Blase in der prallen Sonne. Kurze Zeit später…

Blase Koolhaas drin

… ist hier der Rem Koolhaas drinnen, der Olafur Eliasson, Hans Ulrich Obrist und natürlich auch ein paar Besucher. Das sieht zwar von außen alles ganz luftig aus, aber vor der Tür stehen Aufseher mit glasigen Augen und halten alle ab, die noch hinein wollen, denn innen herrschen zu diesem Zeitpunkt Luftverhältnisse wie in der Sauna, wenn man sich noch eine extra Plastiktüte über den Kopf gezogen hat.

Bei der nächsten Pressekonferenz zum West Kowloon Culture District – der seit zehn Jahren geplant und schon wieder nicht gebaut wird – sah Koolhaas dann auch nicht mehr so frisch aus. Als die höfliche Asiatin links am Bildrand die drei Starchitekten Rocco Yim, Norman Foster und Rem Koolhaas die komplizierte Fachfrage stellte, welches ihr persönlicher Lieblingsentwurf sei,

Starchitekten

…tat Koolhaas zwar so, als blättere er im Pressematerial, um seine Postkartenansicht zu finden, tatsächlich träumte er aber immer noch restlos erledigt von einem Sauerstoffzelt.

Aber natürlich gab es auf der Biennale auch eine Menge Spaß, zum Beispiel mit dem hier:

Russ Sponsor

Das ist der sympathische Russen-Sponsor, der dafür, dass er dem Pavillon seiner Heimat einen Geldbetrag vom Wert seiner Armbanduhr, die er beim Kloputzen trägt, vermacht hat, die ganze untere Etage des Ausstellungsgebäudes für die Darstellung seiner Geschäftsinteressen bekam.

Oder der Hampelmann da hinten…

Modulor

… der für alle seine Freunde und andere peinlich Berührte immer wieder den Modulor von Le Corbusier vormacht.

Auch dieses Haus ist natürlich brüllend komisch…

Klamaukhaus

…leider schon wieder vom Länderbeitrag Italiens, wo man sich die Krise der Architektur anscheinend so vorstellt wie Don Camillo und Peppone.

Na ja, und diese fröhliche Dame darf auf einer internationalen Architektur-Ausstellung natürlich auch nicht fehlen:

Barbie

It’s a Barbie-World for a Barbie-Girl, und wo sollte man da schöner wohnen als in lecker rosa Dämmverpackung.

Und manchmal, aber nur manchmal, hat man dann auch ein wenig Haue der Einfallslosigkeit gerne. Nach all dem sprühenden Witz, den genialen Einfällen und mit immer noch leerem Magen ist eine Präsentation wie im skandinavischen Pavillon dann plötzlich die seligste Katharsis. Schlichte Bild-Text-Tafeln an der Wand, mit denen man in jedem Architektur-Diplom eine Sechs für die Präsentation fängt, erscheinen plötzlich als die gotischen Fenster der Fachinformation.

Nur Tafeln

So erleichtert kann man schließlich über den Kies hinüber zu den Japanern gehen und eine ergötzliche halbe Stunde diesen beiden Gesellen in die Augen schauen, bis die ganze Welt der Entwürfe unscharf und unwichtig wird.

Teddys

So sieht die Wahrheit aus über das Spektakel. Und der Rest ist Schweigen.

06 / 09 / 10 - 17:53 Uhr

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • TwitThis
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Furl
Kommentieren Sie diesen Artikel

2 Leserkommentare vorhanden

lena wimmer

13:10 Uhr  

08 / 09 / 2010 // 

danke für den amüsanten beitrag!

ich war selbst bei der presseeröffnung, und muss ihnen voll zustimmen- insbesondere die barbie war nur der höhepunkt des österreichischen pavillon…
doch was ist ihr resümee- ist dies nun zum verbieten oder sollte man dankbar um die lacher sein?!
wim wenders sollte man jedoch tatsächlich besser in die wohl verdiente ruhepause schicken…
doch ein verschwitzter rem kolhaas ist ja auch wieder nur all zu menschlich…
bitte also um fortsetzung!

toll

13:55 Uhr  

11 / 09 / 2010 // 

Wenders? Du meine Güte. Immer, wenn man glaubt, die bildende Kunst sei ja wirklich am Ende, berechenbar, hype-selig, verquast und dümmlich, dann muss man nur mal zur Architektur rübergucken, um zu sehen, dass es auch immer noch schlimmer geht. In einer guten Welt würden die Protagonisten nach so einem amüsanten Verriß beschämt ihre Ausstellung abbauen, weinend nach Hause gehen, und das nächste mal alles anders machen. Leider leben wir nur in einer Welt, wo alles nur so weiter gehen wird, und wo eine Analyse wie diese nur Schulterzucken oder Nichtzurkenntnisnahme ernten wird. The show must go on. Um was gings nochmal? Ach, egal. Toll!