27 / 08 / 2010 - 11:46 Uhr

Prunkkitsch und plastischer Größenwahn: Die Länderpavillons der Architekturbiennale 2010

Till Briegleb

Globalisierung gibt es überhaupt nicht. Kulturelle Gleichschaltung? Diktatur der Marken? Mc Brain und TV Gaga? Alles Quatsch! Ein erschöpfender Bummel durch die Länderpavillons der diesjährigen Architekturbiennale zeigt vor allem eins: nationale Beharrungskräfte. Wenn die Länder in den Gardini von Venedig zeigen, worauf sie stolz sind, dann bestätigen sie vor allem Vorurteile und tun das, was sie schon immer taten. Brasilien zeigt Oscar Niemeyers Nachfolger, Finnland seine Schulbauten, und Venezuela ist geschlossen. Hier eine kleines Bilderrätsel: Erkennen Sie das Land an Hand seiner Verschrobenheit.

Zunächst, zum warm werden, etwas ganz Leichtes:

Und? Kommt Ihnen der plastische Größenwahn irgendwie bekannt vor? Richtig: Das ist Österreich. Wie alle Jahre wieder zeigt das Land von Günther Domenig und Coop Himmelb(l)au auch heuer frei vor sich hin schwurbelnde Großplastiken (die kleinen grauen Klötzchen darunter sind übrigens eine Stadt, nur mal wegen der Größenverhältnisse). Mit starken Anleihen im Tierreich verformen Österreichs Alt- und Jungmeister die Materie solange, bis sie definitiv wie kein Haus mehr aussieht.

Erinnern sie nicht eher an Erreger von ekelhaften Krankheiten und Abgüsse von Blattern? Auch dies sind Vorschläge des Alpenvolkes, wie sichs zukünftig besser lebt. Ihre Möbel können Sie da schon mal gleich ganz verbrennen.

Schließlich dies: Ein neues Wohnsilo für die Wiener Vorstadt? Zum Wegrennen, nicht wahr?

Ganz anders die nächsten Kandidaten, wahrscheinlich auch zu leicht:

Natürlich: Das ist Holland. Nachdem sie vor ein paar Jahren bereits ihren ganzen Pavillon mit kleinen Holzklötzchen in Form von Einfamilienhäusern vollgeschmissen haben, hängt diesmal in einem Netz über den Köpfen die maximal verdichtete Stadt im Hellblau zukünftiger Klimaüberflutungen. Modernistische Enge und Freude an Querdenken und Provokation, so lieben wir die Oranjes. Und draußen vor der Tür, wo noch an Nachschub geschnitzt wird, kann man nur mit Martin Kippenberger sagen:

Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen!

Nun ein Kandidat, der alljährlich, egal ob Kunst- oder Architekturbiennale, beim Rennen um den Goldenen Löwen für geschmacklosen Protz ganz vorne liegt. Wissen Sie es?

Auch richtig: Das ist Russland. Allerdings gelang der Pascha- und Blondierten-Nation heuer eine halbe Überraschung. Das vorgestellte Projekt zur Rettung und Umnutzung industrieller Brachen in Vishny Volochok war tatsächlich eines der interessantesten Präsentationen der Länderpavillons, und das kitschige Rundpanorama mit der russland-untypischen Vision einer behutsamen Moderne, hergestellt von alten Plakatmalern, war ein durchaus ironisches Apercu. Das übliche Grauen blieb trotzdem nicht aus. Das Paterre des Pavillons gehörte nämlich den Sponsoren zur Selbstdarstellung, und da war er dann wieder: der penetrante, hirnlose und hinterwäldlerische Pomp, mit dem die mentalen Urenkel des Zaren ihr Land verschandeln. Brrrrr!

Jetzt zu Abwechslung mal schwer:

Man muss zugeben, das ist nur symbolisch zu entschlüsseln. Dieser rote Plastikvorhang hängt vor dem französischen Pavillon und färbt den Blick auf die Nazi-Ästhetik des deutschen Gegenübers ins sozialistische Feuerrot. Die dazu passende revolutionär-philosophische Attitüde stinkreicher Strarchitekten, die in ihrer Tätigkeit stets die Möglichkeit diskutieren, die ganze Welt und mit ihm den Mensch neu und besser zu gestalten, gibts dann drinnen in Filmchen. Zwar geht es in dem Konzept neuer ökologischer Grand Projets im Geiste Mitterands zunächst nur um Paris, das als Metropole lediglich neu erfunden werden soll, aber wer verstehen will, der versteht: die Hauptstadt der Franzosen ist selbstverständlich nur das putzige Modell für einen vernünftigen Globus, hergestellt von den besten Glatzen der Gran Nation.

Und hier?

Die Deutschen kämpfen mal wieder mit ihrer Vergangenheit und machen es sich dabei gemütlich. Der im Salonstil gehaltene Zentralraum der deutschen Pavillons mit roter Wandbespannung und großen goldenen Stors vor der Tür weckt sofort Erinnerungen an die Zeit germanischer Großmannssucht. Aber natürlich gehört zum deutschen Selbstverständnis hinzu, diese entkrampfende, aber doch leicht misszuverstehende Geste, inhaltlich zu brechen. Die Zeichnungen an der Wand sind von berühmten internationalen Architekten zum Thema „Sehnsucht“ gemalt worden und zeigen alles, was an Baumeister-Spleens so vorstellbar ist. Knallende Stiefel auf Marmorboden erschreckt hier niemand mehr.

Nun im Schnelldurchlauf noch ein paar andere Deja vus.

I-Phones hängen von der Wand, mit denen man irgendwas kontrollieren kann, was aber nur der Künstler (links) selbst versteht, so dass Besucher kurz hektisch auf dem Display herumhuschen, um dann weiter zu gehen. Im Hauptraum brüllt ihn dann auf kleinstem Platz eine Kakophonie von winzigen und bewegten Bildern zum Thema „Appartement“ an, so dass jeder, der noch dreißig Pavillons vor sich hat, sofort panikartig diese asiatische Themen-Fußgängerzone verlässt: das ist Süd-Korea.

Immer originell mit Hang zum Esoterischen, das ist typisch Kanada. Diesmal wandelt der Besucher durch einen zuckenden und wedelnden elektronischen Planktonwald. Irgendwie schön, aber Architektur?

Immer lustig ist der Belgier. Diesmal stellt er einfach verwarzte Teppiche, zerschabtes Parkett, gammelige Plastiksitze und andere Gebrauchsspuren der Architektur aus. Das wirkt dann sehr ästhetisch. Vermutlich ist hier gerade ein neuer Stil geboren. Bauen Sie Ihre Doppelhaushälfte also lieber gleich mit dem Auswurf der Leute, die gerade ihr Domizil renovieren, sonst sind Sie vielleicht morgen schon völlig uncool.

Stets verbarrikadiert ist der polnische Pavillon mit irgendwelchen Metallkonstruktionen. 2010 ist es ein Gebirge aus Drahtkäfigen, das zu einer Absprungrampe führt, unter der ein großes Kissen liegt. An der Wand steht „Jump at your own risk“, an der Rampe steht ein glatzköpfiger Pole, der nur zwei Wörter Englisch kann, und die sind: „Don’t Jump!“

Und noch drei Beispiele, dann reicht es, glaube ich:

Prunkkitsch always, das ist Ägypten.

Karge Miniaturwelten mit Kuscheltieren, so stellen wir uns Japan vor: zu Recht.

Und der Serbe bekämpft seit Jahren das Bild vom Balkan-Macho mit sensiblen Exponaten, dieses Jahr sind es experimentelle Kinderschaukeln.

Die einzigen, die sich wirklich einen Dreck um alle Vorurteile, Globalisierungsängste und Empfindlichkeiten gegenüber dem Möglichen scherten, waren die Australier. In 3-D-Filmen entwarfen sie das Zukunftsbild eines super-super-urbanen Down-Unders mit düsteren Blade-Runner-Qualitäten, wo selbst der treuherzigste Lehmarchitekt mit offenem Mund denken muss: das will ich auch! In 2-D sah das so aus:

Und so:

Und so:

Tja, wer das wirklich verstehen will, muss vermutlich selbst nach Venedig fahren, das ja ganz anders aussieht. Und vielleicht wird man deswegen an einer Privatwohnung mit diesem Kommentar begrüßt:

Ach nein, so soll dieser Blog nicht enden. Lieber so:

27 / 08 / 10 - 11:46 Uhr

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • TwitThis
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Furl
Kommentieren Sie diesen Artikel

2 Leserkommentare vorhanden

jochen elies

17:58 Uhr  

30 / 08 / 2010 // 

einfach köstlich - bitte mehr davon

KUNSTRAUSCHEN » für die gestressten

17:13 Uhr  

02 / 09 / 2010 // 

[...] Lust, die Länderpavillons zu sehen? Architekturkritiker Till Briegleb beschreibt in seinem Blog die einzelnen Häuser. Eine etwas andere Art von Rundgang, nicht ganz [...]