27 / 07 / 2010 - 10:20 Uhr

S wie Sommer. Danke das war`s.

Florian Waldvogel

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Gestern saß ich mit meinem Freund Tim im Rialto, einem der letzten Restaurants, in dem man noch Rauchen darf. Keine Panik, diesmal geht’s nicht ums Rauchen!

Ok, Tim und ich sitzen im Restaurant und leider ist der Sommer schon wieder vorbei. Wie so vieles.

Tim ist Journalist, ein guter wie ich finde. Er schreibt aus der Sicht des Passanten, mit einem Blick, der uns eigen ist. Es ist der alltägliche Blick, der aus seinen Texten zu uns spricht und sich uns einprägt. Im Mittelpunkt seiner Reportagen stehen Menschen aus der Kultur. Er hat viel über die kulturpolitische Situation unserer Stadt geschrieben. Seine Texte konstatieren die Unschuld, die Verletzlichkeit und die Ahnungslosigkeit von Menschen, die ihrem eigenen Schicksal entgegentreten und dem Scheitern etwas Beklemmendes verleihen.

Tim hat keine Lust mehr, deshalb verlässt er wie so viele andere die Stadt. Dabei waren seine Texte zutiefst von der Liebe zu den Menschen geprägt, von einer Humanität, die die Aggressivität der Kulturpolitik und deren Prostitution widerlegte. Er hat verstanden, dass der Kulturproduzent nicht einfach jemand ist, der die Vergangenheit aufnimmt, sondern der sie erfindet; das Kulturprojekte darauf hinweisen, dass es vergeblich ist, die Welt verstehen zu wollen, und deshalb schlägt Tim uns vor, sie zu schützen.

Tim stellt sich mit seinen Texten nicht über das Geschehen. Seine Texte vermitteln Einsichten und wir werden zu Touristen der Realität. Als der Filmemacher Luis Buñuel einmal gefragt wurde, warum er Filme mache, antwortete er: „Um zu zeigen, dass dies nicht die beste aller Welten ist.“ Tim will uns etwas viel Einfacheres zeigen: Nämlich, dass es eine andere Welt gibt.

Tim hat kapituliert, kapituliert vor der Kulturpolitik und einer bürgerlichen Gesellschaft (bis auf ein paar Ausnahmen), der Kultur vollkommen egal ist, solange die Sonne auf Sylt scheint. Seine Texte beschreiben die komplexen Lebenswelten der Kultur. Extimität nannte der Psychoanalytiker Jacques Lacan diese Situation: Was man wahrnimmt, schaut einen bis ins Innerste an.

In 20 Jahren wird man sagen, dass es Tim um den existentiellen journalistischen Zugriff der Erinnerung ging. Seine Texte sind dezidiert politisch, seine Sensibilität gilt den kulturpolitisch Unterlegenen, weil es den Betroffenen schon längst die Sprache verschlagen hat.

Er schreibt vom Überlebenswillen der Institutionsleiter, die sich trotz widriger, kapitalistischer, kulturverachtender Zustände das Recht auf Individualität bewahrt haben.
Eine Gesellschaft, deren oberstes Ziel es ist, nichts zu Entbehren, kein Elend, Schmerz, Leid und Krankheit zu empfinden, produziert eine nicht enden wollende Gleichgültig der Kultur gegenüber und dagegen möchte Tim nicht mehr anschreiben.

Und außerdem hasst er seinen Chef, denn wenn seinem Chef ein Fürzchen krumm sitzt bekommt gleich die ganze Redaktion Gastritis.

Au revoir and not goodbye, mein Freund.

27 / 07 / 10 - 10:20 Uhr

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5 Leserkommentare vorhanden

Beate

10:52 Uhr  

27 / 07 / 2010 // 

“D’ailleurs, c’est toujours les autres, qui meurent!”

Carsten

12:30 Uhr  

03 / 08 / 2010 // 

Ist das Leben eines Abenteurers anstrengend?

Nach der Frage entsteht eine lange Pause. Dann mit wieder geschlossenen Augen, sagt er:

“Ja, aber wunderbar anstrengend”

Lieber Tim, schreibe bitte trotzdem weiter…..

Jan Winkelmann

13:47 Uhr  

03 / 08 / 2010 // 

Lieber Tim, Selbstekel oder Weltekel?

Tim

11:01 Uhr  

06 / 08 / 2010 // 

Sind wir nicht alle irgendwie Tim?

Ursula

15:42 Uhr  

16 / 09 / 2010 // 

Herr Waldvogel,
auch wenn es hier nicht um’s Rauchen ging, Rauchen ist etwas ganz Wunderbares. Das entspannendste und legerste Erlebnis der Welt. Und dann den Rauch beobachten, wie er aufsteigt. Wunderbar! Schauen Sie sich einmal die Website an:
http://www.herbrich.com
Da gibt es eine Serie “Smoke”, die das Schönste und Aufregendste ist, was ich jemals zum Thema Rauch gesehen habe.
viel Vergnügen!