17 / 07 / 2010 - 10:10 Uhr

Unterwegs auf dem HFBK-Rundgang 2010 – oder: Über das Kulturprekariat und das Prinzip Hoffnung

Melike Bilir - Oliver Ross & Friends

Text: Izabela Dabrowska-Diemert

Wie wahrscheinlich überall in Deutschland, stand auch die Eröffnung des diesjährigen Rundgangs an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (HFBK) am Mittwoch vor einer Woche ganz im Zeichen des WM-Halbfinales. Während man im Hof des Eingangsbereichs – wie von Kunststudierenden zu erwarten – mit lauter, experimenteller Musik und einem fast schon konstruktivistisch anmutenden oder zumindest allgemein stark an die geometrische Formensprache der Moderne erinnernden Wodka- und Getränkestand sowie einem Kunstimbiss empfangen wurde, wurde in der Aulavorhalle des Universitätsgebäudes Fußball geschaut. Folglich interessierte sich während des Spiels auch keiner so recht für die Kunst, die die einzelnen Klassen aus den unterschiedlichen Bereichen der Bildenden Kunst, der Fotografie, der Grafik, des Films, der Zeitbezogenen Medien, dem Design oder dem Bühnenraum in kleinen und z.T. kuratierten Ausstellungen in den Studios, den Fluren, Gängen oder Treppenhäusern präsentiert haben. (Siehe für einen ausführlicheren Bericht die Rezension von Nora Gohlke: http://www.art-magazin.de/kunst/31495/jahresausstellung_hfbk_hamburg). Stattdessen saßen die meisten Studierenden vor den aufgebauten Leinwänden und verfolgten voller Spannung das Spiel und bewegten sich dabei emotional zwischen Bangen, Hoffen, Optimismus und schließlich Resignation und Enttäuschung. (vgl. Abb. 1)

Abb. 1: Die Aulavorhalle der HFBK nach dem verlorenen WM-Halbfinale-Spiel der deutschen Mannschaft

Abb. 1: Die Aulavorhalle der HFBK nach dem verlorenen WM-Halbfinale-Spiel der deutschen Mannschaft

Auf eine seltsame Weise erinnerte diese Gefühlspalette an die prekäre Situation, in der sich die meisten Kunststudent/innen nach ihrem Studium wieder finden. Angesichts von Statistiken, die besagen, dass gerade einmal ein bis zwei Prozent – optimistischere Einschätzungen sprechen von fünf Prozent – aller Absolvent/innen deutscher Kunsthochschulen den Einstieg in den Kunstmarkt schaffen, wird deutlich, dass man sich auf eine Künstlerlaufbahn nur dann einlassen kann, wenn man entsprechend viel Zuversicht mitbringt. Dabei hängt der Verlauf einer Karriere natürlich nicht nur von äußeren Faktoren ab, sondern auch von der eigenen Motivation und Disziplin. Eine viel gewichtigere Rolle als Letztere scheint jedoch die bereits während des Studiums beginnende Professionalisierung und die damit einhergehenden Selbstvermarktungsstrategien zu spielen, die im personalisierten und in Deutschland nach wie vor dominierenden Meisterklassen- bzw. Meisterschülersystem von den zumeist international sehr erfolgreichen Künstlerprofessor/innen, oder aber mittlerweile auch in gesonderten Veranstaltungen vermittelt werden.
So müssen junge Künstler/innen in einem ersten Schritt zumindest eine öffentliche Wahrnehmung ihrer Kunst erreichen, denn diese ist Voraussetzung dafür, dass neben einem kunstinteressierten Publikum auch wichtige Akteur/innen des Kunstsystems wie Kritiker/innen, Sammler/innen, Kurator/innen oder Galerist/innen auf ihre Arbeiten aufmerksam werden können. Es sind gerade Letztere bzw. allgemeiner die Galerien, die dem Kultursoziologen Heine von Alemann zufolge als „Gatekeeper des Kunstmarkts“ fungieren. Und so begegnete man auch auf dem Rundgang dem einen oder anderen Hamburger Galeristen, der vermutlich Ausschau nach neuen Talenten hielt. Positiv gewendet kann ein Rundgang demnach als Plattform oder öffentliches Forum für die Präsentation junger Kunst verstanden werden, und so verwunderte es bisweilen, dass sich einige der Klassen nicht sonderlich professionell präsentiert und beispielsweise noch nicht einmal nachvollziehbare Raumpläne mit Namen der Künstler, Titeln der Arbeiten etc. zur Verfügung gestellt haben. Andererseits scheinen auch die Kunsthochschulen immer mehr zu ökonomisierten Orten zu werden und laufen durch zu frühe Kommerzialisierungsversuche Gefahr den Freiraum, den sie eigentlich schaffen sollten, einzuschränken oder zu unterminieren. So wurden beispielsweise an der Kunsthochschule der New Yorker Columbia University ganze Jahrgänge noch vor ihrem Abschluss von Galeristen angeworben und in die kapitalistische Verwertungsmaschinerie eingeschleust. Es wurden neue Kunststars aufgebaut, die alsbald aber wieder von der Bildfläche verschwanden und in der Aufmerksamkeitsökonomie des Kunstbetriebs an Wert verloren. Wenngleich dies ein Extrembeispiel eines überhitzten Kunstmarktes vor dem Einbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise sein mag, so macht er doch eines deutlich, nämlich dass die Kunstakademien aufpassen müssen, ihre eigentliche Funktion als Orte der Kreativität und der Experimente, der Imagination und der Phantasie nicht einzubüßen. Zwar müssen sie die Studierenden auf die harten Realitäten des Kunstmarktes und der sie zumeist erwartenden prekären existenziellen Situation des Künstlerdaseins vorbereiten, aber nicht um den Preis der freien Entfaltung, des sich Ausprobierens und der künstlerischen Selbstfindung. In diesem Zusammenhang ist die Unterrichtspraxis in Meisterklassen, die in Deutschland in einer besonders ausgeprägten Form existiert, auch äußerst fragwürdig.
Obwohl diese in Hamburg mit der Einführung des Bachelor-/Mastersystems offiziell abgeschafft wurde, hängt doch auch hier nach wie vor vieles davon ab, bei welchem/r Professor/in man studiert hat. Denn die Rezeption der eigenen Arbeiten durch Außenstehende wird mitunter maßgeblich durch die vermeintlich im Hintergrund stehende Künstlerpersönlichkeit und deren Karriere beeinflusst. Man schaut schon genauer hin, wenn Arbeiten von Schüler/innen international renommierter Künstler/innen – im Gegensatz zu solchen, die vielleicht eher nur einen lokalen Bekanntheitsgrad haben und im Kunstbetrieb keine allzu große Rolle spielen – ausgestellt werden. Bisweilen färbt der Stil oder die Arbeitsweise eines/r Professors/in auch auf ganze Klassen ab, was sich beispielsweise in den vergangenen Jahren im Umfeld der Student/innen von Daniel Richter an der Berliner Universität der Künste beobachten ließ und was die Vermutung nahe legte, dass die angehenden Künstler/innen hier bestrebt waren ‚auf einen fahrenden Zug aufzuspringen’. Das ist keineswegs Schuld des Lehrers, sondern vielmehr ein strukturelles Problem der Ausbildung. Und so scheint Marktkonformität bereits an der Hochschule zu beginnen. Auch fallen in der Regel diejenigen durch die Netze, die sich nicht frühzeitig um die Teilnahme an Ausstellungen oder um Stipendien bemühen; denn das System ist perfiderweise so angelegt, dass die Präsenz in Institutionen oder Medien, oder eine Liste mit Geldgebern und Unterstützern in der Biografie, wiederum neue Einladungen zu Ausstellungen oder neue Stipendien, Preise, Atelierprogramme, Arbeitsaufenthalte und dergleichen generieren. Aus diesem Grund ist es auch nicht verwunderlich, dass „einer Minderheit von privilegierten Künstlern eine Mehrheit gegenüber[steht], die sich immer wieder sozio-existenziellen Abgründen nähert“, wie der Journalist Heinz Schütz im Zuge des Symposiums „The Artist Feeling – Existenzanalysen“ von 2009 konstatiert hat. (Link zu seinem Artikel: http://igbk.de/page.php?pgid=79&lang=de). Demnach sind die eigentlich unabhängigen und zumindest in Deutschland überwiegend staatlich finanzierten Kunstinstitutionen oder die öffentlichen Förderprogramme gleichermaßen in den Markt verstrickt. Das ist zwar nichts Neues, wie wir spätestens seit den institutionskritischen Arbeiten etwa von Hans Haacke aus den späten 60er und 70er Jahren wissen, stellt aber angehende Künstler/innen nach wie vor – oder immer wieder – vor das Problem des adäquaten Umgangs mit den vorhandenen Strukturen, ist doch schließlich die Entscheidung sich in diese einzufügen oder sich diesen zu verweigern wahrlich existenziell.
Dabei entspricht aber die in der Kunstwelt zu beobachtende zunehmende Diskrepanz zwischen den einerseits omnipräsenten Kunststars, deren Marktwert immer absurdere Ausmaße annimmt, und den Scharen der neuerdings vom aktuellen Leiter des Münchner Haus der Kunst und zukünftigen Tate Modern Direktor Chris Dercon als „Zombies“ bezeichneten, sich selbst ausbeutenden, von Job zu Job und Projekt zu Projekt schlitternden sowie am Existenzminimum lebenden Künstlerdienstleister/innen andererseits (vgl. Monopol 7/2010) einer allgemeinen Verschärfung der sozialen Gegensätze im entfesselten Turbokapitalismus, der selbst nicht mehr viel von der sog. sozialen Marktwirtschaft übrig lässt. (Vgl. auch Schütz). So reißt die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander – vor diesem Hintergrund wurde auch das Adjektiv „prekär“ bzw. die Bezeichnung der unteren gesellschaftlichen Schichten als „Prekariat“ in den letzten Jahren zunehmend in die Alltagssprache integriert –, eine Erwerbstätigkeit ist kein Garant mehr für Wohlstand, sondern sichert in vielen Fällen bloß noch das Überleben, die sozialen Absicherungsstrukturen werden mehr und mehr beschnitten, während große Summen an Staats- und Steuergeldern in die Rettung von Banken und global agierenden Konzernen fließen, wie die jüngste Krise gezeigt hat. Diese Lösungen werden dabei als die einzig möglichen präsentiert und die Bürger/innen durch die Verbreitung von Angst und dem angeblich drohenden, totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch in Schach gehalten. Aus diesem Grund – und vermutlich auf Grund des insgesamt noch relativ hohen Lebensstandards und Wohlstands – gibt es in Deutschland auch kaum Proteste.
Auch begehrt in der Kunstwelt, in der nicht nur die Künstler/innen selbst, sondern gleichermaßen auch Kunsthistoriker/innen, Kritiker/innen oder Kulturschaffende allgemein von prekären Lebenswirklichkeiten betroffen sind, niemand auf. So wird die sog. ‚kreative Klasse’ zwar immer mehr zu einem wirtschaftlichen Faktor (vgl. z.B. die Thesen des US-Soziologen Richard Florida), doch spiegelt sich dies für einen überwiegenden Teil der Akteur/innen nicht in ihren Geldbörsen wider. Denn viele der angebotenen Jobs oder Projekte werden nur geringfügig entlohnt – so wird beispielsweise selbst ein promovierter Kunsthistoriker, der viele Jahre und trotz geringer Semesterbeiträge große Summen in seine Ausbildung investiert hat, in einem staatlichen Museen zunächst einmal in einem Volontariat mit rund 1000 bis max. 1500 Euro brutto abgespeist und letztendlich ‚verheizt’ – oder aber gar nicht bezahlt. (Die Frage, wie man sich mit solchen Gehältern Lebensperspektiven eröffnen und beispielsweise fürs Alter vorsorgen oder aber eine Familie gründen soll, stellt sich scheinbar niemanden, obwohl von Seiten der Politik Kinder – sowie im Übrigen auch die Kultur – als unabdingbares Gut unserer jetzigen und zukünftigen gesellschaftlichen und demokratischen Verfasstheit propagiert wird und so allerlei unternommen wird, um das Kinderkriegen attraktiver zu machen. Darauf und die trotz aller emanzipatorischen Errungenschaften weiterhin speziell für Frauen in diesem Zusammenhang existierenden Probleme näher einzugehen, wäre aber wiederum ein ganz eigenes Thema.)  So konstatierte auch Chris Dercon, dass es sich bei dem ‚Hype’ um die ‚creative industries’ vielmehr um einen Trick und eine stillschweigende politische Übereinkunft handele, „das Modell der kostenlosen Arbeit salonfähig zu machen“ und die Selbstausbeutung zu stimulieren. (Dercon im Monopol-Interview.) Der in diesem Sektor unter den heute 20-40 Jährigen weit verbreitete Wunsch, sich selbst zu verwirklichen oder den eigenen Idealen nachzugehen, führt innerhalb der Kreativwirtschaft nicht selten zur Bereitschaft unentgeltlich zu arbeiten und allseits verfügbar zu sein. Dies wird denn auch von Galerien, Grafikbüros, Designagenturen und anderen potenziellen Arbeitgebern der Branche ausgenutzt, die beispielsweise unbezahlte Praktika zur Bedingung für eine Anstellung machen (können) und einen Ein- oder Widerspruch als mangelnde Motivation und Charakterschwäche auslegen, immer wohl wissend, dass es genug andere Interessenten (= kostengünstige Dienstleister) gibt.

Das Lebensmodell eines Künstlers gilt mit seiner Flexibilität, den fließenden Übergängen zwischen Arbeits- und Freizeit, den multiplen Kompetenzen – nicht selten sind Künstler Promoter, Vermittler, Geschäftsleute, Handwerker, Grafiker etc. in einer Person –, den kreativen und unkonventionellen Denkansätzen, dem (zwangsläufigen) ständigen Ausbau von Netzwerken, den in der Regel geringeren materiellen Ansprüchen usw. innerhalb der postindustriellen kapitalistischen und neoliberalen Logik als Musterbeispiel eines Arbeitnehmers, der voll und ganz in der ‚corporate identity’ (diese trifft gleichermaßen auf Kunstinstitutionen zu) aufzugehen und keine allzu hohen Anforderungen an die Arbeitsbedingungen zu stellen hat und stattdessen – sich vermeintlich selbstverwirklichend – Projekte betreut und realisiert, wenn nötig auch abends, nachts am Wochenende oder im Urlaub. Damit nicht genug: er soll dabei möglichst noch seine eigene Persönlichkeit, wenn nicht sogar seine Seele investieren und das am besten noch für einen ganz niedrigen Lohn. Die Perversität des Ganzen kommt mitunter noch in den pseudofreundschaftlichen Mitarbeiter-Chef-Beziehungen zum Ausdruck, die gerade oftmals in der Kreativwirtschaft vorherrschen und bisweilen schizophrene Ausmaße annehmen können, wenn der Mitarbeiter einerseits als intimer Gesprächspartner fungiert, zum Essen, auf Partys oder Reisen eingeladen und zudem intern ständig für seine tolle Arbeit gelobt wird (um ihn bei der Stange zu halten), und andererseits ganz selbstverständlich als persönlicher Assistent die Wäsche aus der Reinigung abholt oder andere derartige private Dienstleitungen übernimmt – und nicht selten auch die Arbeit des Chefs erledigt, ohne dafür offiziell die entsprechende Anerkennung zu erhalten. So geht nicht nur das sprichwörtliche monetäre, sondern zudem auch noch das symbolische Kapital an einem vorbei und man beutet sich unter dem Versprechen des so freiheitlichen, abwechslungsreichen spannenden, außergewöhnlichen, glitzernden und schillernden Lebens mit den vielen Ausstellungen, Biennalen und Kunstevents oder Symposien, Konzerten und Partys weiterhin aus. Die Frage, die sich hier jedoch ganz dringend stellt, ist: warum machen wir das mit? Und an dieser Stelle wird ganz konkret das Personalpronomen „wir“ verwendet, weil sich auch die Verfasserin dieses Textes – ebenso wenig wie ihre Freunde und Blogmitstreiter – aus diesem Mechanismus herausnehmen kann. Es sind schon einige Schlagworte wie Selbstverwirklichung oder Idealismus gefallen, die als Erklärung für die Verstrickungen in die Ausbeutungsökonomie des Kreativsektors dienten. Vom Letzteren muss denn auch reichlich vorhanden sein, wenn man, wie die Galeristin und Autorin des Blogs Melike Bilir, seine Galerie durch drei Nebenjobs finanziert. Das ist beachtlich und ermöglicht auch eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den Schwankungen und Willkürlichkeiten des Kunstmarktes, kann aber auch schlicht und ergreifend zermürbend sein. (Eine solche Unabhängigkeit – und letztendlich ein zweites Standbein – schaffen sich auch einige HFBK-Studierende, indem sie beispielsweise neben ihrem Kunststudium noch ein Studium der Kunstpädagogik oder gänzlich kunstfremder Fächer absolvieren, wie dies u.a. Verena Issel und Carl Gross getan haben (vgl. Abb. 2 und 3)).

Abb.2

Abb. 2: Großformatige und raumgreifende Installation der mit unterschiedlichen Collagetechniken, gefundenen Objekten und poveren Materialien arbeitenden Künstlerin Verena Issel

Abb3

Abb. 3: Auf Stelzen aufgesetzte und damit objekthaft gewordene Malereien des Künstlers Carl Gross in dem mit Nebel gefüllten Raum der Klasse von Matt Mullican

Für Künstler/innen oder Autor/innen kann das Internet zudem als Experimentier- und Expositionsfeld dienen, was von zentraler und mitunter existentieller Bedeutung sein kann, wie weiter oben ausgeführt wurde. Einen Punkt, der jedoch noch nicht gefallen ist und den auch Chris Dercon in seinem Interview unterstreicht, stellt oftmals die Hoffnung dar, dass mehr Erfahrungen und mehr persönlicher Einsatz – zur Not auch ohne Bezahlung – sich irgendwann auf allen Ebenen auszahlen. Aber auch diese Hoffnung entspricht nur allzu gut dem neoliberalen Credo des Arbeits- und Ausbildungsmarktes, nach dem man möglichst jung, möglichst erstklassig ausgebildet und v.a. mit möglichst viel Erfahrung ausgestattet ins Berufsleben starten soll, was sich auch im universitären Bereich in der Umstellung auf die Bachelor-/Masterstudiengänge widerspiegelt.
Umso erfreulicher waren vor diesem Hintergrund – um schließlich wieder zum HFBK-Rundgang zurückzukehren – solch subversive Aktionen wie eine ‚gefakte’ Pressemitteilung des Hochschulpräsidiums (vgl. Abb. 4),

Abb4

Abb. 4: Gefälschte Pressemitteilung: „HfBK stellt Studiengang ‚Bildende Kunst’ ein“

die verkündete, dass die Aufnahme weiterer Studierender ab sofort eingestellt würde, um auf diese Weise die Qualität der Lehre für die bereits immatrikulierten Künstler/innen gewährleisten zu können. Zwar lautete die zentrale Begründung für diese drastische Maßnahme in der Pressemitteilung, dass bereits alles in der zeitgenössischen Kunst da gewesen sei – dies wird auf ironische Weise durch die Allgegenwärtigkeit der als „postmodern“ bezeichneten Kunst mit ihrer Strategie des Zitierens und Verweisens nur allzu deutlich bestätigt –, doch war klar, dass es sich bei dieser Aktion nicht nur um eine implizit explizite Kritik an der HFBK selbst und der Hochschulpolitik im Allgemeinen handelte, sondern auch am kommerziellen Kunstbetrieb, der ununterbrochen in der Lage ist Kunst als Ware im Umlauf zu halten und an den Kunden zu bringen, selbst wenn es sich dabei um Wiederholungen handelt. Denn wie schon die Vertreter der Kritischen Theorie Horkheimer und Adorno konstatiert haben: was die Ware auszeichnet, ist ihre Fähigkeit das immer Gleiche stets in einem neuen Gewand zu präsentieren. In diesem Zusammenhang kann die weiter oben angesprochene ‚Unprofessionalität’ mancher Studierender auch ganz gezielt als Verweigerungshaltung gegenüber einer Kommerzialisierung gedeutet und befürwortet werden, denn, wenn noch nicht einmal mehr die Hochschulen Freiräume jenseits des durch und durch ökonomisierten Lebens, das dem französischen Soziologen Luc Boltanski zufolge sogar bis zum Liebes- und Sexualleben reicht (vgl. seinen Artikel „Leben als Projekt: Prekariat in der schönen neuen Netzwerkwelt“: http://www.polar zeitschrift.de/frontend/ position.php? id=110#110), bieten, in denen frei und unabhängig von einem möglichen späteren Profit geforscht, gelernt, experimentiert und Kunst geschaffen werden kann, dann wird das Politische und Utopische und damit der Dissens sowie die Vorstellung oder der Entwurf alternativer Lebensmodelle, Gedankenwelten und Möglichkeitsräume zunehmend verschwinden und der Weg für die Dystopie frei gemacht, für eine Welt voller marktkonformer Zombies – um bei der Metapher von Chris Dercon zu bleiben –, die mangels eines Konzepts der Kultur als Gegengewicht faschistoiden Strukturen nichts entgegenzusetzen hat.

Umso beachtlicher ist das beharrliche Durchhaltevermögen derjenigen HFBK-Studierenden (es sind immerhin mehr als 30%), die sich nach wie vor weigern die in Hamburg seit einigen Jahren geltenden Studiengebühren zu zahlen, wenngleich ihnen nicht nur mit der Exmatrikulation gedroht wurde und wird, sondern sie sich jüngst auch mit Pfändungsbescheiden konfrontiert sehen. Diese Haltung macht Mut und lässt zumindest die Hoffnung aufscheinen, dass auch eines Tages nicht nur die Klasse der Kreativen, sondern auch der Rest der Gesellschaft gegen die vorherrschenden Zustände aufbegehrt und sich für gerechtere Löhne sowie bessere und sozialverträglichere Arbeitsbedingungen einsetzt. Aber, um daran zu glauben, muss man schon wie die Künstler/innen angesichts ihrer Berufswahl ein überzeugter Optimist sein, oder aber frei nach dem Philosophen Ernst Bloch das Prinzip Hoffnung als Quelle der Utopie begreifen.

17 / 07 / 10 - 10:10 Uhr

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • TwitThis
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Furl
Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

zombie

11:04 Uhr  

02 / 08 / 2010 // 

danke, das ist ja mal eine luzide analyse, die mal paar dinge anspricht, die gerade auch unter studenten und absolventen sonst eher unter den tisch fallen. wahrheiten, über die man lieber schweigt, oder pseudoironisch-abgebrüht hinwegsieht, in der hoffnung, man selber werde bei all dem auch auf der gewinnerseite landen.

ohne jetzt namen zu nennen, fällt schon auf, wie sehr der blick der kunstwelt auf junge arbeiten gesteuert ist vom schattenhaften künstlerprofessor dahinter, dessen genie scheinbar magisch (denn "kunst kann man nicht studieren") auf manche seiner schüler übergeht. so ist doch schon länger zu beobachten, dass, relativ unabhängig von der qualität und originalität der konkreten arbeiten, besonders schüler der jeweils gerade angesagten gastprofessoren plötzlich groß rauskommen/rausgebracht werden, ein spiel, bei dem alle mitspielen, und keiner dann die beleidigte leberwurst geben mag. in den "cvs", "bios" und lebensläufen wird dieser fakt (studierte bei...) dann auch immer groß herausgehoben, selbst wenn vom segensreichen wirken des künstlervaters (es sind ja meist berühmte männer) in den konkreten jeweiligen arbeiten wenig zu erkennen ist. dazu kommen noch die hochschulinternen gatekeeper, pr- und presseaktivitäten, karrierestarter, die durch förderung bestimmter positionen eigene machtsphären ausbauen, politiken durchsetzen, nicht immer ganz uneigennützig.

und ist erstmal der hype gelaufen, spricht keiner mehr über des kaisers neue kleider (im zweifelsfall gähnt nur der markt dann nach 1, 2 jahren und verlangt wieder was neues). je weiter weg von hamburg, desto mehr beeindrucken dann all die auszeichnungen, erfolge, einladungen, beteiligungen. die hintergründe all dessen versinken im lokalen nebel.

nimmt man die unter studenten jeweils angesagten kunst-modeerscheinungen noch hinzu - derzeit etwa der rückgriff auf und die ironisierung von der kunstgeschichte des 20 jahrhunderts, "wahrnehmung von räumen", pseudopolitische schickeria-kunst, etc. -, und die netzwerke und selbstvermarktungsfähigkeiten (es kann nie schaden, schon früh mit kuratoren und kritikern persönlich bekannt zu sein und auf parties rumzuhängen, bzw. heute auch bei facebook "befreundet" zu sein), so kann man, wenn man einigermaßen nah dran ist, schon fast mit dem taschenrechner kalkulieren, wer wohl demnächst das tolle stipendium, den romana-aufenthalt, den schicken katalog, die langen einfühlsamen texte, die erste kunstvereinsausstellung zugeschustert bekommen wird, und dann, zumindest eine weile lang, plötzlich überall auftaucht. das macht die kunst überraschungsfrei und langweilig, erst recht, wenn eben die konkreten arbeiten vielleicht gerade so ganz ok sind, aber dem hype darum wahrlich nicht gerecht werden. eher kalkuliert wirken, seelenlos, mitschwimmend, unpersönlich. und das nicht als konzept wie bei warhols business-kunst, sondern bierernst. versehen noch mit einer verlogenen aura der lockerheit.

diese dinge aber, gar in der eigenen kunst, zu thematisieren, bedeutete einen stich ins wespennest der ach so freien kunst in hamburg, einen angriff auf personen, player und netzwerke, die derzeit davon profitieren, definitionsmacht haben und behalten wollen, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen gründen.

und warum sich ohne not steine in den weg legen, auf dem persönlichen karriereweg. vielleicht auch mit ein grund, warum einen gerade so wenig berührt von all der glattpolierten, geschmäcklerischen, sich ähnelnden gehypten neuen kunst. akademismus nannte man sowas ja auch mal. aber irgendwann kommt schon wieder was neues. vielleicht dann in einer anderen stadt, hamburg war ja lang genug der "geheimtip", weshalb sie alle hier studieren wollten. weils ja wirklich mal gut war. bevor.