15 / 06 / 2010 - 17:28 Uhr

Nur Eitelkeit auf Erden

Dorothea Sundergeld

consume or conserve? Anne Lindeboom (Foto: Wieki Somers)

In Memoriam Anne Lindeboom (1920-1984 (Foto: Wieki Somers)

Die Rotterdamer Designerin Wieki Somers verwendet menschliche Asche, um daraus Toaster, Staubsauber und Körperwaagen herzustellen. Warum tut sie das?
Früher einmal gestalteten Designer mit dem Ziel, unseren Alltag zu vereinfachen oder unsere Gesundheit zu verbessern, Zeit zu sparen oder Arbeitsabläufe effizienter zu machen. Bis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts alle von allem genug hatten, der Wohlstand sich in der westlichen Konsumgesellschaft ausbreitete und Design nicht mehr nur dazu benutzt wurde, Dinge zu verbessern, sondern vor allem dazu, Dinge zu vermarkten. Design dehnte sich in Baumärkte und in Kunstgalerien aus, erfaßte alle Lebensbereiche von der Mode bis zum Imagemaking via soziale Medien. Über den Überfluss an allem Gestalteten und seinen Überdruß damit hat Mateo Kries, Chefkurator des Vitra Design Museums, gerade ein Buch geschrieben: „Total Design“. Nun, da wir von Krisen umzingelt sind, fragt sich nicht nur Herr Kries, wie es weitergehen soll. „Welche Idee von Fortschritt haben Designer für das 21. Jahrhundert“ will die belgische Galerie Grand Hornu Images ergründen – und stellt noch bis zum 12. September die Antworten von neun Designern zu diesem Thema aus.
consume_or_conserve_overview Eine der irritierendsten und poetischsten der Antworten ist „consume or conserve“ von Wieki Somers. Aus der Asche von drei Verstorbenen fertigte sie per 3d-Printer Skulpturen im Stil von Vanitas-Stilleben. Ein Toaster, auf dem ein niedlicher Vogel sitzt und herab schaut zu seinem Artgenossen, der totenstarr auf dem Steckerkabel liegt. Ein Tischstaubsauger, auf dem sich ein Pillendreher-Käfer mit einer großen Dungkugel abmüht. Und eine Körperwaage, auf der Honigwaben liegen. Es sind Vanitasmotive mit den Gerätschaften der Überflluß-Gesellschaft, moderne Entsprechungen zu Totenschädeln, ausgeblasenen Kerzen und überreifem Obst. Sie sind zu grau, um kitschig zu sein und zu fragil, um banal morbide zu wirken. Wieki Somers hat eine feine Art, subtil zu provozieren, ohne dabei laut zu sein. Und so glaubt man ihr die gute Absicht hinter der Provokation.
Sie entwirft Dinge, die Geschichten erzählen und die Gedanken des Benutzers auf eine Reise schicken sollen. In ihrem Bathboat, einer Badewanne in einem alten Holzruderboot, soll man sich fühlen wie ein einsamer Fischer, an dessen Boot ruhige Wellen schwappen. Unter ihrer Lampe „Bellflower“ in deren Schirm hunderte von LED-Lämpchen eingewebt sind, liest man wie unter einem künstlichen Sternenhimmel. „Ich finde, in unseren unberechenbaren und chaotischen Zeiten brauchen wir Dinge, die wir wertschätzen“ sagt sie. Also: es ist es an der Zeit für Design mit mehr Nachdenklichkeit. Aber ich möchte trotzdem kein Tischstaubsauger werden.

15 / 06 / 10 - 17:28 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

racsko

10:52 Uhr  

19 / 06 / 2010 // 

was hatte man alles in auschwitz machen können. da hätte sich die künstlerin so richtig ausleben können. 70 jahre zu jung..