09 / 06 / 2010 - 16:02 Uhr

R wie Ginger Ale ohne Gin, wie meine Mutter sagen würde

Florian Waldvogel

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Institutionsleiter, die keine Ausstellungen mehr machen, erfahren zur Zeit eine merkwürdig politische Karriere. In ihren Erzählungen besteht ihre Aufgabe in nichts anderem, als dem ununterbrochenen Akquirieren von Drittmitteln, bis sie eines Tages, ganz Bartleby-like, zu der ganz einfachen Formel kommen: „I would prefer not to“.

Kein Wunder, dass das Stadtväter und -mütter, das Stadtmarketing, die Besucher und die Freundeskreise in Verzweiflung treibt.

Hat es nicht dieser schmächtige junge Mann  Bartleby in die Hitparaden der Vorbilder der literarischen Postmoderne geschafft? Und ist er nicht auch seit ein paar Jahren eines der Lieblingskinder der politisch-philosophischen Kommentatoren geworden?

Was so ein Bürschchen und Schreiber, ein Kopist und Schweiger kann, kann ich doch auch, werden sich ein paar Kollegen überlegt haben.

Die reichlich messianisch verteilten Vorschußlorbeeren reichen doch für alle!

Gilles Deleuze nennt ihn einen »unschuldigen Heiligen«, der »eine neue Gemeinschaft der Brüderlichkeit« stiftet, für Giorgio Agamben ist Bartleby gekommen, »um das zu retten, was nicht gewesen ist«, als der »Verkünder der reinen Potenz«, die gerade in der Macht bestünde, nicht zu handeln. Na also, geht doch.

Nur Michael Hardt und Antonio Negri wollen nicht so recht mitspielen. Bei ihnen ist er eine Figur an der Schwelle, am Übergang zwischen imperialer Souveränität und Gegen-Empire, nicht Fisch, nicht Fleisch. In ihm sehen sie eine »lange Tradition« der Verweigerung von Lohnarbeit und Autorität. Doch die bis an die Grenze getriebene Weigerung droht ständig, an sich selbst zugrunde zu gehen. Passiver Widerstand, also selbstmordgefährdet.

Aber: Wie verweigert man sich einem System, das jede Form der Verweigerung zulässt und Gegenbilder zur eigenen Affirmation integriert? Ist die letzte Möglichkeit der Verweigerung wirklich ein Verzicht auf jeglichen Inhalt bei vordergründiger Konformität? Und was wurde aus der repressiven Toleranz von Herbert Marcuse? Eine Methode der Selbstermächtigung durch den Verzicht auf die Inhalte selbst? Geht es wirklich nur noch um den Schutz der eigenen Integrität?

09 / 06 / 10 - 16:02 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

2 Leserkommentare vorhanden

melville

10:30 Uhr  

17 / 06 / 2010 // 

Wie man sich verweigert? Naja, man lässt sich halt als Kurator herumreichen, hängt sich an alles dran, was gerade so geht, parliert hier und da belesen und geistreich über die drängenden Probleme der Welt, und leitet dann angesichts des so angesammelten Kapitals irgendwann einen Kunstverein, wo man für die saturierten Gewinner dieser Welt dann allerlei crazy events veranstaltet, die aber immer auch irgendwie eine soziale Dimension haben und keinesfalls selbstreferenziell der immer gleichen Mischpoke den Bauch pinseln und ein gutes Gefühl geben. Oder habe ich da jetzt was falsch verstanden?

Thomas Wulffen

15:22 Uhr  

28 / 08 / 2010 // 

Sehe ich auch so! Und schickt dazu noch schrecklich schicke ‘schräge’ Einladungskarten, damit auch jeder merkt, wie trés chic und seltsam wir sind..