08 / 06 / 2010 - 22:37 Uhr

Ich sehe was, was du nicht siehst

Baden Brothers

Eine Sonderausstellung in der documenta-Halle in Kassel

Uwe Breckner vor seinen Mini-Autoscootern (Foto: Volker Elsen)

Uwe Breckner vor seinen Mini-Autoscootern (Foto: Volker Elsen)

Ein beliebtes Kinderspiel ist der Titel einer Ausstellung in der documenta-Halle in Kassel, die derzeit Werke von Künstlern mit Autismus zeigt. Und mit diesem Hinweis auf die besondere Lebenswelt der beteiligten Künstler haben die künstlerischen Leiter der Ausstellung, Volker Elsen und Katharina Dietz von der Initiative AKKU, eine durchaus griffige Metapher für die Produktionsverhältnisse der ausgestellten Kunstwerke gefunden. Eine Vielzahl von Werken und unterschiedlichen Medien ist in der Ausstellung zusammengekommen und beeindruckt sowohl durch die haptischen Qualitäten, die faszinierenden Text-Bild Kombinationen wie auch die oft bis ins allerkleinste Detail durchgearbeiteten Skulpturen. Im Rahmen der Ausstellung sollte am Samstag eine Expertenrunde mit Lis Marie Diehl, Stefan Wespil, Katharina Dietz, Beate Brieden, Jan Hoet, Volker Elsen, Daniel Niemann und mir in der Diskussion über die „Diversität im Kunstbetrieb“ die Chancen und Behinderungen von Künstlern mit Autismus in Argumente fassen. Es ergaben sich überraschende Einsichten.

Volker Elsen während einer Führung durch die Ausstellung (Foto: FGS)

Volker Elsen während einer Führung durch die Ausstellung (Foto: FGS)

Wenn man nämlich, wie es der Ausstellungstitel suggeriert, nicht unvoreingenommen die Ausstellung betritt, sondern mit dem Vorwissen um die autiststische Prädisposition der Künstler und dementsprechend mit der Klischee-Frage belastet: Ob man das wohl sieht, was den Autismus ausmacht?, dann liegt die Antwort schon im Entrée der Show auf der Hand: Es gibt da etwas, was du nicht auf Anhieb siehst – und das ist eine schöne Überraschung. Die Einschränkung im sozialen Lebensumfeld, mit der Autisten konfrontiert sind, wird in den künstlerischen Arbeiten zur Freiheit. Und es entstehen Kunstwerke, bei denen das Erstaunen des Betrachters nur bestätigen kann, dass hier Künstler am Werk waren, die es wirklich ernst gemeint haben. Denn bei aller Behinderung, die in der Absicht der Ausstellungsmacher im Titel auf die Situation von autistischen Künstlern aufmerksam machen soll, fühlt man sich am Eingang schon belastet und würde sich wünschen, das Problem-Label vielleicht erst ganz am Schluss gewahr zu werden, in einer Fußnote des üppigen Kataloges zum Beispiel. Darin schreibt  Roger Cardinal, der Erfinder des angelsächsischen Terminus „Outsider Art“: „Es gibt sozusagen noch etwas Anderes, das unsere Aufmerksamkeit wert sein sollte, selbst in solch extremen Fällen wie dem des klinischen Autismus, bei dem ein Individuum jeden Kontakt mit seinen oder ihrem materiellen und sozialen Umfeld verloren zu haben scheint. Und hier kommt nun die spontane Kreativität ins Spiel: Denn sie kann den zarten Schlüssel bieten, die eingeschlossene Person zu befreien. Das macht es so wichtig, sich auf die Kreativität zu konzentrieren und nicht auf Krankheit oder Fehler.“

EIne Zeichnung von Konrad H Giebeler

EIne Zeichnung von Konrad H Giebeler

Wenn man sich also auf die wunderbaren Werke konzentriert, die Künstler wie Felix Beilstein, Uwe Breckner, Deniz Araz, Philipp Wewerka, Till Kalischer, Matthias Elsen, Lilja Beer und viele andere in der für Kunstliebende heiligen documenta-Halle in Kassel zeigen, dann muss man nicht unbedingt von einem Schutzraum sprechen, sondern viel eher von der explosiven, erfreulichen und bedingungslosen buchstäblichen Leidenschaft, mit der hier Kunst geschaffen wurde. Dass die Künstler alle No-Names sind, trägt nur der Exotik der Situation und der Entdeckerlaune bei und unterscheidet sich kaum wesentlich von dem Name-Dropping in jungen Berliner Galerien, die z.B. im neuen Hip-Distrikt Charlottenburg nach „Frischfleisch“ suchen, wie sich die Szene-Galerie Vittorio Manalese gerne zitieren lässt.
Allein die Optik der Kunstwerke lässt oft an Kinderzeichnungen denken, die fern jeder professionellen künstlerischen Ambition aus freiem Gestaltungswillen heraus entstanden sind. En detail sind die ausgestellten Kunstwerke aber oft von solch pedantischer Eigenart und Akribie geprägt, dass selbst der Connoisseur eingestehen muss, dass hier erfahrene Künstler mit besonderen Eigenschaften am Werk waren. Die Diskussion über die „Diversität im Kunstbetrieb“ stieß deshalb auf geöffnete Türen, zumal alle Beteiligten sich politisch-korrekt für die Kunst von Autisten aussprachen, deren verstärkte öffentliche Förderung unbedingt notwendig erscheint. Nur der Platz der Politik blieb symbolisch vakant. Ob sich mit dem Label der Behinderung auch ein Starkult schaffen lässt, wie bei den Paralympics im letzten Winter, bleibt fraglich – denn für die Künstler mit Autismus ist diese Diagnose zugleich die Einschränkung ihres öffentlichen Auftritts in Talkshows. Nur wenige haben diesen Schritt bislang geschafft, darunter vor allem die Texter-Fraktion. Als große Vorbilder gelten aber auch hier die Jahrhundertkünstler Ernst Ludwig Kirchner, Vincent van Gogh oder Paul Cezanne, deren schwere psychische Disposition gerne vergessen wird.  Und selbst bei Stars wie Andy Warhol, Max Ernst und Salvator Dali hilft es nur der Legende, dass bei ihnen vielleicht Autismus mit im Spiel war. Diese großen Spieler waren selbstbewusste Fürsprecher ihrer eigenen Persönlichkeit und nicht auf die therapeutischen und helfenden Maßnahmen angewiesen, derer viele der Autistischen Künstler wirklich bedürfen.
Die Zielgruppe, auf die „ich sehe was, was du nicht siehst“ abzielt, muss in ihrer eigenen Diversität von vielen Seiten angepackt werden. Ein Museum für Künstler mit Autismus nach dem Vorbild von Jean Dubuffets „Collection d’Art brut“ in Lausanne, wie Jan Hoet in der Diskussion vorschlug, könnte als Kuppel dienen, um einen breiteren Zugang zu den Kunstwerken zu schaffen, die ein bekanntes Nischendasein im Kunstmarkt fristen. Eine Interessenvertretung mit Kapitalstock, wie es der Markt der Gegenwartskunst ist, wäre diesen Künstlern und ihren Betreuern aber eigentlich nicht zu wünschen. Denn dann kommt es zum Klischee, wie es in der Nachbarschaft zur documenta-Halle im Museum Fridericianum zu sehen ist: Dort zeigt der Berliner Shooting-Star Thomas Zipp in einer Einzelausstellung über drei Etagen die Installation einer „psychiatrischen Anstalt“, die mit cooler Verve Kunstwerke simuliert, die von der Hand Geisteskranker stammen könnten. Unter dem lateinischen Slogan „Mens sana in corpore sano“ kokketiert der Kunstmarktprofi Zipp mit den Problemen, die seit der Veröffentlichung der Sammlung Prinzhorn 1921 für die Kunst im 20. Jahrhundert prägendes Faszinosum waren: Schizophrenie, Rausch, Abweichung, Macht, Unbewusstsein und Sexualität. Beide Ausstellungen ergänzen sich qua Zufall und machen die Diversität im Kunstbetrieb viel stärker deutlich, als es eine Expertenrunde in der Diskussion vermag. Hier, wo die wahre Behinderung zum authentischen Kunstwerk führt, bleibt der Kunst interessiertes Mitgefühl und ehrenamtliches Engagement– dort, wo die professionalisierte Kunst Legenden zitiert, treibt sie im erfolgreichen Mainstream der kapitalistischen Gegenwart. Es bleibt zu hoffen, dass die Kunstgeschichte in ihren Annalen beides berücksichtigt und niemand sagen muss, dass seine Kunst behindert wurde.

08 / 06 / 10 - 22:37 Uhr

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Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

Evelyne Wepil

14:10 Uhr  

27 / 03 / 2011 // 

Diesem Artikel kann ich mich voll anschließen. Bei der wundervollen Ausstellung, von Volker Elsen initiiert und großartig in Szene gesetzt, hätte ich mir auch gewünscht, der Autismus wäre in den Hintergrund getreten. Ich selber habe 40 Jahre für Menschen mit Autismus gearbeitet (ehrenamtlich und hauptamtlich). Mein Anliegen war immer, den Betroffenen Selbstbewusstsein und Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu vermitteln und nach außen zu tragen, gleichzeitig aber auch die Hilfen, die in Teilbereichen notwendig sind zu bieten, damit ein weitgehendes selbstbestimmtes, an und in der Gesellschaft erfülltes Leben ermöglicht wird. Ich hatte einmal in einem Vortrag von mir einen (dann mir liebgewordenen) Freud`schen Versprecher - "Verhinderte statt Behinderte". Ich hoffe nicht, dass das Gleiche mit der Kunst und den großartigen Künstlern geschieht. In diesem Sinne - danke für diesen Artikel.