23 / 04 / 2010 - 18:31 Uhr

Brauchen wir noch einen Stuhl?

Dorothea Sundergeld

Fury von Elsinga Design (via Dezeen)

Fury von Elsinga Design (via Dezeen)

Letzte Woche war Möbelmesse in Mailand und es wurden wieder hunderte Neuheiten gezeigt, von mikromalistischen Ideen wie „chairless“, einem einfachen Gurt, den man sich um Rücken und Knie schlingt, um entspannt zu sitzen, bis zu karnevalesken wie „Nendo“, einem Schalensitz in Form einer venezianischen Maske. „Braucht die Welt noch einen neuen Stuhl?“ ist zurecht eine häufig auftretende Frage bei Messen. Schließlich haben schon genug Leute genug gute Ideen gehabt. In diesem Jahr könnte die Frage auch lauten „Brauchen wir wirklich so eine Pressemitteilung?“ Manche Hersteller scheinen den Kampf um die Aufmerksamkeit der Massen mit bizarren Worten gewinnen zu wollen. Der mit rotem Filz bespannte Stuhl „Fury“ von Elsinga Design zum Beispiel soll mit folgendem Text vermittelt werden: „Ein furchtloser kleiner Stuhl, der bellt, aber nicht beißt. Fury! Ist ein lebendiger und visuell vorlauter kleiner Kerl. Aber er meint es gut. Nachts läuft er ein wenig in deinem Zimmer herum, läßt Dampf ab und flucht ein wenig“. Hallo? Entschuldigung, aber an welche Zielgruppe richtet sich Fury? Außer japanischen Teenagern braucht doch hoffentlich niemand ein Möbelstück, das die Aura eines Kleinkinder-Computerspielcharakters verbreitet.

Sparkling von Marcel Wanders für Magis (via Dezeen)

Sparkling von Marcel Wanders für Magis (via Dezeen)

Im Fall von Marcel Wanders Sparkling Chair für Magis ist der Text besonders tragisch, denn der Stuhl selbst ist sehr charmant. Er wird im gleichen Spritzgußverfahren hergestellt wie PET-Wasserflaschen und so sehen die grünlich-transparenten Plastikfüße auch aus. Aber der Begleittext schmerzt: „So wurde es prophezeit: Die Menschheit wird ihre Zukunft auf dem Atem kleiner Kinder schwebend finden. (...) Sie werden ihre Lungen mit dem wertvollsten aller Elemente füllen: Luft. Und statt die Kerzen auszublasen werden sie mit mechanischer Kraft eine Form mit ihrem Atem füllen – und sie in Leichtigkeit einfrieren.“ Alles klar. Der arme Stuhl! Ich fand Sparkling bisher ganz schön. Aber es kommt noch besser: „Ich nenne dich Sparkling, nicht als Referenz zu sprudelndem Mineralwaser oder hell blitzenden Sonnenstrahlen auf deiner Haut. Ich nenne dich Sparkling, denn in dir wohnt ein kleiner Stern, ein kleines großes Licht, ein Leuchten im Dunkeln, eine Richtung und ein Ziel, dem wir folgen.“ Echt? Tut mir leid, hier kann nicht folgen.

The Tank von Pharrell Williams (via Dezeen)

The Tank von Pharrell Williams (via Dezeen)

Im nächsten Fall (der ist nicht frisch aus Mailand, paßt aber zum Thema) ist es nicht schade um das Objekt, das ausnehmend häßlich ist. Es ist bereits der zweite Versuch des Musikproduzenten Pharrell Williams, Sitzmöbel zu entwerfen. Es geht um eine lederbezogene Retro-Sitzschale mit zwei Plastikfüssen, die an Panzerketten erinnern sollen und Pharrell schreibt dazu: „Ich sehe mich im Spiegel. Schattenboxend, Kicking Ass ... Und dachte: was für eine lächerliche Macho-Variante von mir. (...) Es hat einmal jemand gesagt: „Krieg ist nicht die Lösung“. Aber wir, die in diese Welt hineingeboren sind, können die gesellschaftlichen Wege desselben nicht immer verstehen. Statt dessen suchen wir und stillen unsere Neugier indem wir unsere Meinung auf allen Wegen mitteilen. (...) Also frage ich wie Marvin Gaye: „Wie war nochmal die Frage?“. Als mein Gedanke auf eine Stille traf, die so dick war, das man sie nicht zerschneiden konnte, habe ich mich das gefragt. (...) Ich bin nur einer, der vorm Spiegel steht und versucht sich vorzustellen, wie es wäre, jung zu sein und in den Krieg ziehen zu müssen. Ach, wie unhöflich von mir, ich hab dich stehen lassen! Setz dich doch.“ Jaja, vielen Dank. Und weil er Pharrell ist, darf er dieses Verbrechen an der Form in einer Pariser Galerie ausstellen. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Texte im Original und in voller Länge gibt es bei Dezeen: Fury! Sparkling! Tank!

23 / 04 / 10 - 18:31 Uhr

Tags: Design

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